Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1004/74374.html    Veröffentlicht: 09.04.2010 12:14    Kurz-URL: https://glm.io/74374

Test: Das iPad als Spielemaschine

Apples Tablet spielt mit im Markt für mobiles Gaming - auch zu Hause

Von Call of Duty bis Civilization Revolution - reihenweise setzen große Publisher ihre Marken als Launchtitel für das iPad um. Noch wirken viele Spiele wie Versuchsballons. Doch langfristig hat Apples Hightech-Handheld das Zeug dazu, den Spielemarkt umzukrempeln.

"Stell dir vor, das ist ein Lenkrad" - mehr Erklärung ist nicht nötig, damit ein Mensch, der bislang keinen Kontakt mit der Steuerung von Spielen hatte, im Rennspiel Real Racing HD für Apples iPad um Kurven saust. Und er bekommt Überholmanöver fast auf Anhieb hin, die auf Nintendo DS oder Playstation Portable an der nächsten Leitplanke zu Ende gewesen wären. Zugegeben, Rennwagen lassen sich auf dem iPhone und iPod touch schon länger auf gleiche Weise lenken, aber es ist ein Unterschied, ob das Ergebnis die Größe einer halben Handfläche oder einer Zeitschrift hat.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das iPad - abgesehen von seiner Größe - wenig vom iPod touch. Beide verfügen über Bewegungssteuerung und die Möglichkeit, Befehle über den Touchscreen einzugeben, beide haben keine speziellen Tasten wie klassische Handhelds. Doch wer das iPad in der Hand hält, bemerkt den Unterschied zu den kleinen Geschwistern schnell, allein weil die dafür programmierten Spiele in einer Auflösung von 1.024 x 768 Bildpunkten laufen.

Die Bildschirmgröße hat direkte Auswirkungen auf die Spielmechanik: Entwickler müssen - anders als auf iPhone und iPod touch - nicht mehr darauf achten, alles möglichst einfach und großflächig zu gestalten. Schon in den ersten Titeln für das iPad erinnert die Gestaltung von Menüs an PC-Spiele. In Strategiespielen wie Civilization Revolution oder dem kostenlosen Aufbauspiel Castlecraft kann der Spieler auf dem Touchpad beherzt mitten ins Geschehen tippen, statt vorsichtig seine Einheiten anvisieren zu müssen. Karten, Statistiken und andere Übersichten werde jetzt mit deutlich mehr Details dargestellt.

Actionspiele kämpfen mit der Steuerung

Ein Trend unter den Neuerscheinungen, der sich noch verstärken dürfte, sind Programme, bei denen zwei Spieler gegeneinander oder gemeinsam am Bildschirm antreten. Anders als beim iPhone geht das beim iPad komfortabel gleichzeitig, etwa im Arcade-Titel Air Hockey. Wenn es da besonders wild zugeht, kommen sich die Finger zwar in die Quere, aber auf Partys ist das gelegentlich ja gewollt. In Strategiespielen wie Small World ziehen die Kontrahenten rundenweise, was sich fast wie die Hightechversion eines Brettspiels anfühlt.

Mehr Probleme macht die Steuerung von Actionspielen auf dem iPad - vor allem von Ego-Shootern. Sie verwenden meist auf dem Bildschirm eingeblendete virtuelle Joysticks. In Call of Duty: World at War - Zombies etwa steuert der Spieler mit zwei solchen Knöpfen die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung und die Richtung. Das fühlt sich auch mit Übung nicht intuitiv an und ist schwerfälliger und langsamer als die Steuerung auf anderen Plattformen.

Dazu kommt, dass der Touchscreen bei sehr schnellen Bewegungen streikt: Der Finger des Spielers rutscht dann über den Bildschirm, ohne dass das iPad ihm folgen kann. Gut funktionieren lediglich Actionspiele, bei denen der Spieler Schüsse durch einen schnellen "Touch" auf den Screen anbringt. Mit der in Actionspielen oft verwendeten 3D-Grafik hat Apples Tablet Probleme - spektakulär sehen die Titel nicht aus. Figuren bestehen nur aus wenigen Polygonen, Animationen und Spezialeffekte liegen gegenüber Konsolen oder PC-Grafik um ein paar Jahre zurück.

Das Angebot an Spielen zum US-Start des iPad ist groß. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Distimo gehören zum Stichtag 6. April 2010 genau 833 - rund 35 Prozent - von 2.385 speziell für das iPad entwickelten Apps zur Kategorie "Games". Neben kostenpflichtigen Programmen von fast allen großen Publishern wie Electronic Arts und Take 2 finden sich auch von unabhängigen Entwicklern produzierte Titel wie Geometry Wars oder kostenlose Spiele, bei denen es sich großteils um Demoversionen oder um solche mit kostenpflichtigen Inhalten handelt.

Großes Spieleangebot zum Start

Die Preise der kostenpflichtigen Titel sind durchschnittlich etwas höher als für iPhone und iPod touch, Spitzenspiele auf Basis bekannter Marken kosten fast durchgehend mehr als 10 US-Dollar. Für Command & Conquer: Red Alert etwa muss der Spieler 12,99 US-Dollar anlegen.

Neben den speziell für das iPad programmierten Spielen hat der Anwender auch Zugriff auf das riesige Portfolio an Titeln, die ursprünglich für iPhone und iPod touch entwickelt wurden. Sie verwenden die deutlich niedrigere Auflösung dieser Geräte von 480 x 320 Pixeln. Auf dem iPad lassen sich die Programme wahlweise in Originalgröße oder großgezogen über den ganzen Bildschirm ausführen - schön sieht das aber nicht aus und es gibt wegen des anderen Formats Probleme mit der Steuerung.

Fazit

Mit dem iPad hat Apple eine neue Kategorie mobiler Spielegeräte veröffentlicht: Die Kombination aus großem Bildschirm, Touchscreen und vollständig digitaler Distribution gibt es in dieser Form bislang nicht. Letztlich ist das iPad aber weniger eine Konkurrenz für Xbox 360, Playstation 3 oder einen leistungsstarken PC, sondern für Nintendo DS, Playstation Portable und iPhone sowie iPod touch.

Die Stärke des Geräts ist seine unkomplizierte Bedienung, dank derer auch Einsteiger sofort Spielspaß haben können. Vor allem bei Strategie- und Aufbauspielen eröffnet das iPad völlig neue Möglichkeiten - für Neulinge und Experten. Wer einmal Civilization mit Touchscreen-Steuerung gespielt hat, erlebt ein so unhandliches Ding wie eine Computermaus oder einen klassischen Konsolenkontroller als Zumutung.

Etwas anders sieht es bei vielen Actionspielen aus. Zum einen verliert das iPad bei schnellen Aktionen zu oft die Touchscreen-Verbindung zum Spieler, zum anderen hat noch kein Entwickler eine wirklich gelungene, intuitive Bedienung für Ego-Shooter entwickelt. Die meisten Systeme fühlen sich eher an, als ob ein Laptop-Touchpad die bewährte Maus-WASD-Kombination vom PC ersetzen soll. Hier schafft langfristig womöglich nur Zubehör Abhilfe. Alles in allem hat das iPad aber jetzt schon das Zeug dazu, den Spielemarkt gehörig aufzumischen.  (ps)


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