Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1003/73744.html    Veröffentlicht: 10.03.2010 14:14    Kurz-URL: https://glm.io/73744

Spieletest: MUD TV - Sender sucht Spaß

Neuauflage des Klassikers Mad TV von 1991

Die Quoten sind im Keller, statt der anvisierten jungen Zielgruppe schauen nur Rentner die teuer eingekaufte TV-Show: Stressig kann der Job als Programmdirektor in MUD TV sein - einem Spiel, das nicht nur mit seinem Titel an den Klassiker Mad TV aus dem Jahre 1991 anknüpfen will.

Wie in dem von Rainbow Arts entwickelten Klassiker Mad TV übernimmt der Spieler auch in der Neuauflage MUD TV eine Fernsehanstalt. Das Ziel: dicke Quoten, Geld ohne Ende und ein Spitzenprogramm. Allerdings liegt der Schwerpunkt bei der von Kalypso Media veröffentlichten Neuauflage im Bereich Wirtschaftssimulation - Kämpfe um den einzigen Fahrstuhl in der Sendeanstalt wie noch in Mad TV gibt es zum Beispiel nicht.

Fahrstuhl fahren darf der Spieler trotzdem - per Lift pendelt er im Hochhaus des TV-Senders zwischen dem Erdgeschoss und der eigenen Etage. Auf Letzterer befinden sich unter anderem das Chefbüro, das Archiv und so nützliche Dinge wie Studio oder Kaffeeküche, die im Spielverlauf allerdings erst gebaut werden wollen. Das Erdgeschoss hingegen muss immer dann besucht werden, wenn neues Personal, die Hilfe der Bank oder ein Werbeauftrag benötigt werden - also ziemlich häufig.

Im Mittelpunkt von MUD TV steht das Endlosspiel, eine Kampagne gibt es allerdings auch - mit recht überflüssiger Hintergrundgeschichte: Der Spieler soll einen TV-Sender übernehmen, um die Gehirne der Menschheit zu manipulieren und später die Weltherrschaft zu erlangen. Immerhin ergänzt die Kampagne das eigentliche Spielziel - den eigenen TV-Sender zu Macht und Einfluss zu führen - um ein paar witzige Zwischenaufgaben. Da gilt es dann etwa, ein bestimmtes Budget in kurzer Zeit zu erwirtschaften oder völlig talentfreie Schauspieler in einer eigenen TV-Produktion unterzubringen.

Die Zielgruppe treffen und investieren

Das niedrige Startkapital ermöglicht anfangs nur den Einkauf günstiger und wenig prestigeträchtiger Shows, Serien und Filme. Die ersten Werbeverträge sind somit ebenfalls wenig lukrativ, die Werbekunden trotzdem anspruchsvoll. Wer nicht die zugesicherten Quoten erfüllt, muss mit Strafzahlungen rechnen. Wichtig ist nicht nur, wie viele Personen sich vor der Glotze versammeln, sondern auch, wer genau zuschaut.

MUD TV unterscheidet mehrere Zielgruppen - Werbekunden können etwa wählen, ob ihre Spots vor allem von Intellektuellen, Machos, Nerds oder Emos geschaut werden sollen. Wer dann Fehler im Programmplan macht und den unpassenden Werbeblock bei der Ausstrahlung des eingekauften Krimis sendet, hat statt Rentnern plötzlich nur Yuppies als Zuschauer - finanzielle Einbußen sind die Folge.

Ist die Programmplanung hingegen erfolgreich und kommt frisches Kapital in die Kassen, geht es an den Ausbau des eigenen Imperiums. Eine Kaffeeküche bauen, um die Mitarbeiter länger im Büro zu halten, ein Studio errichten, um eigene Filme zu drehen, neue Sendemasten erforschen und fähige Mitarbeiter einstellen: Das sind nur ein paar der Optionen, die dem Senderchef offenstehen. In Anlehnung an Mad TV darf übrigens auch wieder mit nicht ganz fairen Mitteln gearbeitet werden.

Wer bei der Produktion eigener Inhalte einen ähnlichen Tiefgang wie bei The Movies erwartet, wird enttäuscht: Skripte einkaufen und das geeignete Personal anheuern obliegt dem Spieler zwar, kreativen Einfluss auf das finale Werk nimmt er nicht. Überhaupt ist eine der offensichtlichen Schwächen von MUD TV der mangelnde Tiefgang. Zwar ist der Schwierigkeitsgrad recht hoch, Einsteigern dürfte es schwerfallen, die vorgegebenen Quoten früh zu erfüllen. Sind die grundsätzlichen Mechanismen aber verstanden, die wichtigsten Neubauten getätigt und fähiges Personal angeheuert, fehlen vor allem abseits der Kampagne Überraschungen und Wendungen, um das Geschehen aufzulockern.

Zweifelhafter Humor

Auch die Optik hätte zusätzliche Details und Ideen vertragen können. Gut gelöst ist immerhin die Integration des persönlichen PDA, mit dem Personal angeheuert oder Bautätigkeiten ausgewählt werden können, sowie die Integration des Mini-TV-Screens am unteren Bildschirmrand. Darauf kann das aktuelle Programm des eigenen Senders inklusive Werbeeinblendungen verfolgt werden - jede Sendung wird durch kurze Animationen meist charmant dargestellt.

Unterdurchschnittlich ist dafür der Humor: Offensichtlich wollten die Entwickler dem Charme von Mad TV nacheifern, sind dabei aber größtenteils gescheitert - selbst sehr junge Spieler dürften es kaum witzig finden, wenn sie Mitarbeiter wie Bed Pit anheuern oder den Spielfilm Das Brot einkaufen.

MUD TV kostet etwa 40 Euro. Der Rechner muss über Windows XP, Vista oder 7 und eine CPU mit 2,0 GHz verfügen. An Speicher reicht 1 GByte RAM unter XP aus, bei Vista und 7 entsprechend mehr. Das Spiel hat eine USK-Freigabe ab zwölf Jahren erhalten.

Fazit

So groß die Freude über die Neuauflage von einem der unterhaltsamsten Computerspieleklassiker wie Mad TV war, so groß ist leider die Enttäuschung über MUD TV. Mit dem Charme und Witz des Originals kann der Titel nicht mithalten. Als Wirtschaftssimulation hat das Spiel hingegen durchaus gute Ideen zu bieten, verliert allerdings nach den ersten Spielstunden viel von seinem Reiz. Es fehlen trotz Kampagne und Mehrspielermodus auflockernde Elemente wie Zufallsereignisse und überraschende Ideen, die den Ausbau des TV-Imperiums auch nach der Einarbeitungszeit unterhaltsam gestalten könnten.  (tw)


Verwandte Artikel:
IBM: Watson versteht Sprache und erstellt Dialoge in Unity-Games   
(21.02.2018, https://glm.io/132897 )
Into the Breach im Test: Strategiespaß im Quadrat   
(02.03.2018, https://glm.io/133111 )
Alexa-Skill: Stream Player bringt Live-Fernsehen auf den Echo Show   
(15.01.2018, https://glm.io/132170 )
Gerichtsentscheid: Kein Recht auf Barzahlung von Rundfunkgebühr   
(13.02.2018, https://glm.io/132748 )
Universal Paperclips: Mit ein paar Sexdezillionen Büroklammern die Welt erobern   
(16.10.2017, https://glm.io/130618 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/