Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1003/73710.html    Veröffentlicht: 09.03.2010 16:00    Kurz-URL: https://glm.io/73710

LHC: Verfassungsrichter weisen Weltuntergangsszenario ab

Verfassungsbeschwerde gegen LHC wissenschaftlich nicht ausreichend begründet

Eine in der Schweiz lebende Deutsche ist vor dem Karlsruher Bundesverfassungsgericht mit einem Antrag gegen den Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider gescheitert. Die Klägerin habe nicht nachweisen können, dass die Experimente am LHC tatsächlich zum Weltuntergang führen können.

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat eine Verfassungsbeschwerde gegen den Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) abgewiesen (Aktenzeichen 2 BvR 2502/08). Die Beschwerdeführerin, eine in Zürich lebende Deutsche, wollte durch einen Eilantrag die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichten, die Versuche am LHC zu stoppen.

Lebensgefährliche Experimente

Die Klägerin befürchtet, dass die Versuche, die am LHC durchgeführt werden, zu schweren Unfällen führen, wenn nicht sogar den Weltuntergang einleiten können. Darin sieht sie einen Verstoß gegen den zweiten Artikel des Grundgesetzes, der "das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit" garantiert. Die Richter nahmen die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung an, da die Klägerin nicht ausreichend darlegen konnte, dass die Teilchenkollisionen am LHC tatsächlich eine Katastrophe heraufbeschwören können.

Die Richter begründeten ihre Entscheidung, es müssten stichhaltige Argumente und nicht "ein generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen" vorgebracht werden, um die Bundesregierung zum Handeln gegen den LHC aufzufordern. Auch wenn nach Meinung der Klägerin viel auf dem Spiel stehe - "die (vermeintliche) Größe eines Schadens - hier die Vernichtung der Erde -" enthebe sie nicht von der Pflicht, einen möglichen "Zusammenhang zwischen der Versuchsreihe und dem Schadensereignis" ausreichend zu begründen.

Widerspruch nicht ausreichend begründet

Diese Anforderung habe die Klägerin jedoch unterschritten, indem sie "diverse Hilfserwägungen ('Atto-Quasar', 'Superfluidität')" vorgebracht habe, die "nach ihrem eigenen Vortrag bislang weder wissenschaftlich publiziert noch auch nur in Umrissenen theoretisch ausgearbeitet sind", so die Richter. "Die schlüssige Darlegung einer Warnung kann jedenfalls nicht auf solche Hilfserwägungen abstellen, die ihrerseits mit dem bewährten, anerkannten Hintergrundwissen des jeweiligen Faches in Widerspruch stehen."

Kritiker des LHC wie Otto Rössler befürchten, dass bei den Teilchenkollisionen schwarze Löcher oder sogenannte seltsame Materie entstehen und den Weltuntergang herbeiführen könnten. Sie versuchen deshalb, die Inbetriebnahme des Beschleunigers zu verhindern - bislang allerdings erfolglos. So war etwa die Züricherin 2008 schon einmal mit einem Eilantrag vor dem Kölner Verwaltungsgericht gescheitert.

Zu wenig Anziehungskraft

Zwar besteht die theoretische Möglichkeit, dass bei der Kollision von Teilchen im LHC schwarze Löcher entstehen können. Diese wären dann jedoch so klein, dass sie nicht genügend Anziehungskraft hätten, um Schaden zu verursachen. Außerdem würden sie in Sekundenbruchteilen zerfallen.

Der LHC ist der derzeit leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt. Obwohl er nach einem Unfall im September 2008 einstweilen nur mit halber Kraft betrieben wurde, haben die Genfer Forscher Ende 2009 bereits einen Energieweltrekord aufgestellt.

Von den Experimenten im LHC versprechen sich die Teilchenphysiker Antworten auf grundlegende Fragen über das Universum. Ein wichtiges Ziel ist der Nachweis des Higgs-Bosons. Benannt ist es nach dem schottischen Physiker Peter Higgs, der die Existenz dieses subatomaren Teilchens in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vorhergesagt hatte. Bislang konnte es jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Die Teilchenphysiker messen diesem Teilchen eine große Bedeutung bei. Mit seiner Hilfe wollen sie erklären, woher Elementarteilchen ihre Masse bekommen.  (wp)


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