Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1002/73368.html    Veröffentlicht: 24.02.2010 14:02    Kurz-URL: https://glm.io/73368

Spieletest: Heavy Rain - Psychothriller zum Mitmachen

Filmreife Inszenierung im Playstation-3-Titel der Fahrenheit-Macher

Ein sadistischer Killer, drogenabhängige FBI-Mitarbeiter, Großstadtschluchten und Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Was klingt wie ein neuer David-Fincher-Film im Stil von "Sieben" ist das Playstation-3-Spiel Heavy Rain. Selten waren die Grenzen zwischen Videospiel und Leinwanddramatik so fließend.

Ein grausamer Mörder treibt sein Unwesen - und geht auf mysteriöse Art und Weise vor. Nicht nur, dass er sich immer Kinder als Opfer aussucht. Auffällig ist auch, dass die getöteten Körper keinerlei Einwirkung von Gewalt aufweisen. Sie tauchen ein paar Tage nach ihrem Verschwinden wieder auf - ertränkt. Als Erkennungszeichen hinterlässt der Täter einzig eine gefaltete Papierfigur, ein Origami. Die Polizei tappt im Dunkeln, der Spieler muss ermitteln - und das nicht in der Rolle einer einzelnen Person, sondern gleich als vier verschiedene, sich von Szene zu Szene abwechselnde Personen.

Gesteuert wird unter anderem Ethan Mars - einst ein erfolgreicher Architekt, jetzt ein nervliches Wrack. Sein erster Sohn kommt bei einem Autounfall ums Leben, sein zweiter gerät in die Fänge des Origami-Killers. Depressionen, aber auch Wahnvorstellungen sind die Folge. Ebenfalls auf der Suche nach dem Mörder sind ein älterer Privatdetektiv, eine Journalistin und ein FBI-Agent mit Drogenproblemen. Ihre jeweiligen Ermittlungsbemühungen berühren sich im Spielverlauf zwangsläufig, für den Spieler macht es abgesehen von den unterschiedlichen Storysträngen kaum einen Unterschied, welcher Charakter in der jeweiligen Szene gesteuert werden muss - die Bedienung ist immer die gleiche. Einzige Ausnahme ist der FBI-Agent: Er verfügt über technisches Spielzeug, um Spuren zu sichten, Fußspuren oder Blumenstaub zu finden und Akten abzurufen.

Die Handlung von Heavy Rain gehört zu den besten, die im Videospielsegment je erzählt wurden. Die Wendungen sind selten vorhersehbar, die Auflösung ganz am Ende eine Überraschung. Dazwischen liegen unzählige Filmsequenzen, die immer wieder überzeugen und alle Zutaten eines guten Thrillers haben: Schlägereien, nächtliche Streifzüge, Ladenüberfälle, aber auch Liebe und Sex.

Was Heavy Rain auf inhaltlicher Ebene perfekt macht, lässt es dafür spielerisch vermissen: Dem Titel fehlen Tiefgang und Herausforderung. Der Spieler ist meist dazu verdammt, im richtigen Moment die richtige Taste zu drücken. Das kann manchmal spannend sein; etwa, wenn in einem Kampf schnell aufeinanderfolgend mal die X-Taste wieder und wieder gedrückt, dann der Stick in die richtige Richtung gehalten werden muss, um das Gerangel für sich zu entscheiden. In manch anderer Situation wirkt das aber nur aufgesetzt: zwei Tasten gedrückt halten, um Einkaufstüten zu schleppen, das Pad schütteln, um Fruchtfleisch in der Orangensaftverpackung aufzuwirbeln, oder den Controller rauf und runter bewegen, um sich mit einem Handtuch nach dem Duschen trocken zu rubbeln? Hier vermittelt Heavy Rain den Eindruck, als hätten die Entwickler krampfhaft versucht, dem Spieler irgendwas zu tun zu geben, damit er nicht nur der Story zuschaut.

Komplett linear ist Heavy Rain zwar nicht - je nachdem, wie schnell in bestimmten Situationen die eigenen Reaktionen sind, können sie für den Spieler positiv oder negativ verlaufen. Wer zu spät reagiert, riskiert etwa das Ableben von Charakteren oder gelangt nicht in den Besitz wichtiger Hinweise. Allerdings sind das immer nur Abweichungen vom Hauptstrang, in Sackgassen geraten die Ermittlungen in Heavy Rain nie.

Die gelungene Technik sorgt für zusätzliche Intensität und Glaubwürdigkeit: Schauplätze und Charaktere sind detailliert und wunderbar in Szene gesetzt, die Animationen flüssig und realistisch. Allerdings mit Abstrichen: Kleinere Grafikfehler gibt es ebenso wie ein paar Ruckler. Etwas zwiespältig ist auch die deutsche Sprachausgabe ausgefallen. Nicht alle Figuren haben wirklich passende Stimmen bekommen. Da wirkt die englischsprachige Version im direkten Vergleich deutlich professioneller.

Heavy Rain ist exklusiv für Playstation 3 ab dem 26. Februar 2010 erhältlich und kostet etwa 60 Euro. Das Spiel hat eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Inhaltlich oscarreif, spielerisch mangelhaft: Heavy Rain dürfte die PS3-Gemeinde spalten. Erfahrene Spieler werden vor allem mangelnde Einflussmöglichkeiten und sich ständig wiederholende Knopfdrückorgien kritisieren. Einen Bogen um Heavy Rain sollte trotzdem niemand machen - zu gut ist die Inszenierung, zu spannend die Story. Der Titel ist eher interaktiver Spielfilm denn wirkliches Videospiel; vor allem Einsteiger und Anhänger spannender Handlungen werden das den französischen Entwicklern von Quantic Dream aber bestimmt nicht als Kritik auslegen.  (tw)


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