Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1002/73353.html    Veröffentlicht: 24.02.2010 09:51    Kurz-URL: https://glm.io/73353

Telekom-Strategie 2.0 - Obermanns Plänen fehlt der Biss

Fünf-Punkte-Plan enthält wenig Neues

Der Telekom-Chef will seine "Strategie 2.0" im März präsentieren. Schon jetzt ist klar, dass er dem Konzern keine neuen Impulse geben wird. Der Vorstandsvorsitzende verordnet vielmehr eine Fortführung der bisherigen Praxis: Die Telekom will im Mobilfunk wachsen und die Netze weiter ausbauen.

Das geht aus den fünf Punkten seines Plans hervor, die das Handelsblatt kennt. Offiziell veröffentlicht die Deutsche Telekom ihre "Strategie 2.0" allerdings erst Mitte März 2010. Führungskräfte der Deutschen Telekom, denen die Strategie bereits präsentiert worden ist, reagierten enttäuscht. "Das ist sehr konservativ und visionslos", sagte ein Manager. Es fehle weiterhin eine Aussicht darauf, wie der Konzern künftig wachsen wolle.

Die unter Verschluss gehaltenen fünf Punkte sehen zum einen vor, dass die Telekom ihre Leistung in den Ländern verbessern will, wo sie nur ein Mobilfunknetz besitzt. "Obermann glaubt fest daran, dass er mit dem mobilen Internet die Umsätze steigern kann", heißt es im Führungskreis. Zu den reinen Mobilfunkländern gehören unter anderem die USA, der mit Abstand wichtigste Auslandsmarkt der Telekom. Zahlreiche Kündigungen von Kunden dort waren im vergangenen Jahr der Grund dafür, dass die Telekom ihre eigene Gewinnprognose senken musste.

Kapazitäten im Netz sollen deutlich ausgebaut werden

Darüber hinaus will Obermann in allen Ländern, wo die Telekom sowohl Festnetz als auch Mobilfunk anbietet, beide Einheiten zusammenführen - so wie das in Deutschland bereits geschieht. Am "vernetzten Leben" mit konvergenten Endgeräten (Fernseher, Handy und PC) will Obermann ebenso festhalten wie am "vernetzten Arbeiten mit eigenen Lösungen für verschmolzene IT- und Telekommunikationsanwendungen", das vor allem die Geschäftskundensparte T-Systems verfolgt. Sowohl ihren Privat- als auch ihren Unternehmenskunden will die Telekom künftig mehr Innovationen bieten, um sich damit von ihren Wettbewerbern zu unterscheiden. Geplant sind auch kleinere Zukäufe, um selbst Inhalte und neue Internetdienste anbieten zu können.

Der wichtigste Punkt der bislang nur dem Top-Management bekannten Strategie ist der "Bau von Netzen und Prozessen für die Gigabit-Society". Damit ist ein deutlich steigender Bedarf an Kapazitäten gemeint. Die Telekom hat in der vergangenen Woche auf der Mobilfunkmesse in Barcelona erklärt, dass bisherige Anwendungen meist einige Megabit verbraucht haben, während neue Dienste wie das Einstellen hochauflösender Videos ins Internet und Videokonferenzen leicht mehrere Gigabit verschlängen. Für Mobilfunk- und Festnetze bedeutet das: Sie müssen massiv ausgebaut werden. Die Telekom wollte sich zum Inhalt ihrer Strategie nicht äußern. Der Konzern räumte jedoch selbst ein, dass sie keine Revolution sei. "Da steht nichts komplett Neues drin, sondern es ist eine Überarbeitung dessen, was sich in den vergangenen drei Jahren bewährt hat", sagte ein Sprecher.

Damit verspielt Obermann nach Meinung von Experten aber eine wichtige Chance. Die Aktie dümpelt seit Wochen unter zehn Euro, Anleger kritisieren vor allem eine fehlende Orientierung. "Ich erwarte mir von der Strategie Informationen, wo die Telekom in fünf Jahren sein will und wofür der Konzern steht", sagt Andreas Mark, Fondsmanager bei Union Investment, dem Handelsblatt. "Andere Konzerne wie France Télécom geben wesentlich konkretere und klarere Ausblicke als die Deutsche Telekom."

Auch Klaus Kaldemorgen, Chef der Fondsgesellschaft DWS, wetterte jüngst, er könne nicht erkennen, wie die Telekom vom Megatrend mobiles Internet profitieren wolle. Sie finanziere zwar den massiven Ausbau der Netze, habe aber nichts davon, weil den Gewinn andere kassierten - Konzerne wie Google und Apple.

Milliarden investieren, ohne an den Umsätzen beteiligt zu sein

Das Problem der Telekom besteht darin, dass die Kunden zwar immer mehr Datendienste wie Apps auf dem Handy oder Videos auf Youtube nutzen, der Konzern selbst daran aber kaum etwas verdient. Zwar kann er seinen Kunden größere Datenpakete verkaufen, doch die Preise dafür sind unter Druck. Die Dienste selbst bieten andere an und heimsen entsprechend auch den Kaufpreis dafür oder die Werbung damit ein.

Damit ihre Kunden die neuen Dienste nutzen können, muss die Telekom sogar Milliarden in den Ausbau ihrer Netze investieren - ohne dass sie an den folgenden Umsätzen beteiligt wäre.

Obermann hat in der Vergangenheit immer wieder erklärt, dass er an den Ausbau der Netze glaubt. Im Mobilfunk werden in den kommenden Monaten in den meisten Ländern Europas neue Frequenzen versteigert, mit denen sich die Kapazität deutlich erhöhen und die nächste technische Generation der mobilen Datenübertragung bauen lässt.

Für das Festnetz hat die Bundesregierung eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit schnellen Netzen gefordert. Dabei geht es zunächst um den weiteren Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes VDSL, das die Telekom in 50 deutschen Städten gebaut hat.

Netze der Kabelanbieter schneller als das der Telekom

Experten halten es auch für denkbar, dass der Konzern künftig noch einen Schritt weitergeht und schnelle Glasfaserkabel bis in die Häuser legt, im Fachjargon Fibre to the Home, FTTH. Damit könnte er die Kabelanbieter in Schach halten, die inzwischen auch Telefon- und Internetanschluss anbieten. Ihre Kabel reichen bereits heute bis in die Wohnzimmer und sind damit schneller als die Leitungen der Telekom.

Ein solcher Netzausbau bis ins Haus würde allerdings viele Milliarden Euro kosten - und ist damit zunächst keine gute Nachricht für die Kapitalmärkte. "Die Telekom hat die Wahl zwischen Pest und Cholera", sagt ein Analyst. "Entweder sie schont ihren Free Cash-Flow und lässt die Kabelkonzerne erstarken, oder sie investiert massiv und riskiert ihre Barmittel." Morgen legt die Telekom ihre Jahreszahlen für 2009 vor und gibt dabei möglicherweise einen Ausblick auf die geplanten Investitionen.

Kein Schub für T-Aktie

Die vermeintliche Volksaktie dümpelt unter zehn Euro. Analysten machen für das schlechte Abschneiden unter anderem eine fehlende Wachstumsfantasie und mangelnde Orientierung in Bezug auf die langfristigen Ziele des Konzerns verantwortlich. Abhilfe hatten sie sich von der neuen "Strategie 2.0" erhofft, die Obermann Mitte März der Öffentlichkeit vorstellen will. Doch das geheim gehaltene Fünf-Punkte-Papier bleibt nach Informationen des Handelsblatts die Antworten schuldig. [von Sandra Louven / Handelsblatt]  (ji)


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