Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1002/73263.html    Veröffentlicht: 19.02.2010 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/73263

Spieletest: Drakensang 2 - Am Fluss der Zeit

Gelungene Fortsetzung des "Besten Deutschen Spiels 2009"

Zwerge, Elfen, Kobolde und ganz viel klassisches Rollenspiel: Mit dem zweiten Drakensang beweisen die Berliner Entwickler Radon Labs, dass die Fantasywelt Das Schwarze Auge lebendiger denn je ist - und auch in Zeiten von World of Warcraft, Dragon Age und Co. noch wunderbare, augenzwinkernde Abenteuer in Aventurien zu erleben sind.

"Am Fluss der Zeit" setzt nicht am Ende des ersten Drakensang an, sondern erzählt die Vorgeschichte - das Ganze findet 23 Jahre vor den Geschehnissen des ersten Spiels statt. Im Mittelpunkt steht ein junger Lehrling, den natürlich der Spieler steuert. Der Held versucht, in das umtriebige Städtchen Nadoret zu gelangen, um dort seine Ausbildung abzuschließen. Allerdings stößt er schon auf dem Weg dorthin auf Schwierigkeiten: Ein mysteriöser Piratentrupp überfällt ihn und seine Reisegefährten im Nachtlager am Abend vor der Abfahrt. Das ist allerdings erst der Vorgeschmack auf das, was kommt, denn kaum ist der künftige Held in Nadoret angekommen, gehen die Probleme erst richtig los. Schritt für Schritt entfaltet sich eine packende Handlung mit Mord, Verrat und ebenso wertvollen wie verschwundenen Artefakten.

Für DSA-Veteranen wird es allerdings einige Zeit dauern, bis sie das erste Mal Nadoret betreten - bereits die Charaktererstellung bietet zahlreiche Möglichkeiten. Nicht unbedingt optischer Natur - die Auswahl an Frisuren, Gesichtern und Körperformen ist überschaubar. Dafür stehen über 20 Klassen zur Auswahl, von Magier über die Amazone bis hin zu neuen Optionen wie dem Gjalskerländer Stammeskrieger. Einsteiger wählen einfach die Wunschklasse, lassen einen Namen generieren und legen sofort los. Experten tauchen tief in die Zahlen ein, studieren jedes Detail des Charakterbogens und feilen so lange an den Attributen, bis der Held genau den Vorstellungen entspricht.

Die Charakterwahl hat großen Einfluss auf den Spielverlauf. Schon die Ausbildung verläuft je nachdem, ob eine kriegerische oder doch eine magiebegabte Klasse gewählt wurde, unterschiedlich ab. Auch danach unterscheiden sich Quests und Aktionen immer wieder spürbar, was den Wiederspielwert angenehm erhöht.

Ist die grundsätzliche Bedienung in Fleisch und Blut übergegangen, die Ausbildung abgeschlossen, die ersten Gefechte gegen Ratten, Wölfe, betrunkene Diebe und nächtliche Ruhestörer gewonnen - was schon einige Stunden dauern kann -, geht es langsam daran, die seltsamen Vorkommnisse in Nadoret und den später dazukommenden Orten zu ergründen. Natürlich nicht alleine: Schon bald wächst die vom Spieler kontrollierte Gruppe auf vier Personen an. Wer Drakensang gespielt hat, trifft hier auf alte Bekannte. Zwerg Forgrimm, Krieger Ardo und Schurke Cuano sind wieder mit von der Partie und zu Spielbeginn noch alles andere als leicht zu durchschauen. Auch außerhalb der eigenen Gruppe finden sich aber immer wieder Personen, die im ersten Spiel schon etabliert wurden.

Das erste Drakensang war bei Kritikern und an der Verkaufstheke eine Erfolgsgeschichte: Mehr als 100.000 verkaufte Exemplare laut Hersteller, Deutscher Entwicklerpreis als "Bestes Deutsches Rollenspiel" und dann auch noch die Auszeichnung als Bestes Deutsches Spiel beim Deutschen Computerspielepreis 2009. Kritische Stimmen gab es trotzdem - unter anderem wurden die teils unhandliche Bedienung, lange Laufwege und eingeschränkte Aktionsmöglichkeiten gerügt. Radon Labs hat sich diese Kritik zu Herzen genommen, und Drakensang 2 präsentiert sich in vielerlei Hinsicht verbessert.

Das beginnt bei den Laufwegen. Immer noch bleibt es nicht aus, dass dieselbe Strecke immer wieder gegangen werden muss, aber jetzt erleichtern freischaltbare Schnellreisepunkte dem Spieler das Abenteuern. Gut gelöst ist auch das Schiff, das das Spielerhaus ersetzt und auf dem zwischen Nadoret und den anderen Orten am Strom der Zeit entlanggereist wird. Diese Reisewege werden häufig zurückgelegt - im Spielverlauf werden an allen Orten bei jedem Besuch neue Möglichkeiten freigeschaltet. Darüber hinaus vermittelt Am Fluss der Zeit das Gefühl freier Entscheidungen deutlich besser: Viele Quests lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise lösen - mal mit Gehirnschmalz, mal mit Gewalt, mal ganz nebenbei. Allerdings bringt diese zusätzliche Freiheit auch Probleme mit sich, etwa, wenn zu häufig Aufgaben angegangen werden, für die die eigene Party noch gar nicht weit genug entwickelt ist. Frühes Ableben und häufiges Abspeichern vor jeder schwierig anmutenden Quest sind die Folge.

Die Atmosphäre ist bei allen Aufgaben - von den typischen Jagd- und Sammeltrips über kleinere Logik-, Puzzle- und Schieberätsel oder wunderbar in die Haupthandlung eingebettete Missionen wie Werwolfjagden - stimmiger und dichter. Das liegt vor allem auch an der hervorragenden Sprachausgabe: Der Großteil der Dialoge ist diesmal vertont, und fast alle Sprecher vermögen es, ihren Charakteren Seele einzuhauchen; die typischen Prahlereien und plumpen Witze inklusive. Schade nur: Der Spieler selbst bleibt stumm und im Gegensatz zu seinen Teammitgliedern auch seltsam farblos und blass.

Lebendiger und schöner sind auch die Ortschaften und ihre Umgebungen geworden. Da jagt eine Frau ihren Mann mit einem Nudelholz, Zeitungsverkäufer brüllen ihre Werbesprüche, Händler reißen Witze und in der Taverne sind interessante Gespräche zu belauschen. Die Drakensang-Welt wirkt umtriebig und DSA-typisch nicht nur aggressiv und düster, sondern auch liebenswert, sympathisch und oft witzig. Allerdings gilt das vor allem für die Außenareale und die schön in Szene gesetzten Charaktere. Die Innenareale wie Höhlen und Keller bieten kaum Abwechslung und wiederholen sich beständig.

Kaum geändert hat sich die Kampfmechanik - vor einem Gefecht wird in den Pause-Modus geschaltet, danach die jeweils auszuführenden Aktionen ausgewählt. Die werden dann gewohnt traditionell nach und nach abgearbeitet. Gut ist auch das Quest-Buch, das ständig aktualisiert wird und nie offenlässt, was als Nächstes zu tun ist. Symbole auf der Übersichtskarte machen zudem deutlich, wo die nächsten zu verrichtenden Aufgaben warten.

Technische Mankos gibt es immer noch einige: Ab und zu funktioniert die Wegfindung nicht und die Helden bleiben einfach an Steinen oder Bäumen hängen. Grafikfehler wie in Blumen oder Wänden verschwindende Personen sind von Zeit zu Zeit zu beobachten, außerdem sind die immer wieder auftretenden Ladezeiten - etwa beim Betreten von Gebäuden - nach einiger Zeit durchaus störend.

Drakensang - Am Fluss der Zeit ist ab sofort für Windows-PC erhältlich. Minimale Systemanforderungen sind ein Pentium 4 mit 2,8 GHz, 1 GByte RAM, 7 GByte Festplattenspeicher sowie eine Nvidia 6800GT mit 256 MByte RAM oder eine vergleichbare Grafikkarte. Das Spiel ist in einer Standardversion für etwa 40 Euro sowie einer Collector's Edition für etwa 70 Euro verfügbar. Letztere enthält zusätzlich eine Buchverpackung, die Soundtrack-CD, eine Stoffkarte Aventuriens sowie ein Wendeposter. Die USK hat das Programm ab 12 Jahren freigegeben.

Fazit

Eine lebendige und charmante Welt, spannende Nebenquests, tolle Sprachausgabe und schöne Wald- und Stadtareale auf der einen, ein blasser Held, eine nur langsam an Fahrt aufnehmende Hauptgeschichte, stereotype Gewölbe und ein paar technische Mängel auf der anderen Seite: Der jüngste Ausflug nach Aventurien bietet viel Licht, aber auch Schatten. Nicht jeder Kritikpunkt am Vorgänger wurde beseitigt, ein paar neue Mängel sind sogar hinzugekommen. Trotzdem lohnt ein Ausflug nach Nadoret und Umgebung nicht nur für DSA-Anhänger: So viel Herzblut, Atmosphäre und Liebe zum Detail haben nicht viele Rollenspiele zu bieten - da lässt Drakensang 2 auch viele deutlich teurere und aufwendigere Titel blass aussehen.  (tw)


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