Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1001/72656.html    Veröffentlicht: 26.01.2010 14:12    Kurz-URL: https://glm.io/72656

Spieletest: Mass Effect 2 - alles besser im All

Mittlerer Teil der Trilogie von Bioware glänzt mit Kämpfen und Story

Riesige Flottenverbände sind normalerweise nötig, um außerirdische Aggressoren in die Knie zu zwingen. Nicht so in Mass Effect 2: Da besiegt ein menschlicher Superheld die Aliens - und zwar mit schnellen Reflexen, ein paar Handfeuerwaffen und guter Gesprächsführung.

Mass Effect 2 (Xbox 360, PC)
Mass Effect 2 (Xbox 360, PC)
"Pfft, pfft" - ungefähr so klingt es, wenn kurz nach dem Start von Mass Effect 2 mitten im All die Luft aus dem Raumanzug von Commander Shepard entweicht. Auch Helden können sterben? Von wegen: Der Weltenretter aus Teil 1 steht auch in der Fortsetzung im Mittelpunkt des Geschehens. Das Actionrollenspiel von Bioware schickt ihn mit neuen Teammitgliedern sowie einigen alten Bekannten erneut in ein galaktisches Abenteuer, in dem neben dem ganz persönlichen Wohlbefinden auch die Zukunft der Menschheit bedroht ist. Die Kollektoren heißt das außerirdische Volk, das Kolonien überfällt und einen mysteriösen Plan zu verfolgen scheint...

Shepard stellt sich den insektenähnlichen Aliens nicht allein entgegen, und an diesem Punkt erzählt Mass Effect 2 eine zweite und mindestens genauso interessante Handlung. Denn Shepard wurde nach seiner Nahtoderfahrung von einem Geheimbund namens Cerberus gerettet, den Spieler aus Teil 1 bereits kennen. Cerberus und sein geheimnisvolle Anführer - der gemeinhin nur "Der Unbekannte" genannt wird - sind aber ausdrücklich keine Guten, sondern sollen immer wieder mit unlauteren Mitteln für ihre rassistische "Pro Menschen"-Ideologie gekämpft haben. Auch Shepard hält zwar nicht viel von Cerberus, nutzt aber Raumschiff und Geld der Organisation - und kommt nach und nach dahinter, was dort wirklich vor sich geht.

Zentraler Handlungsort ist das Raumschiff Normandy, wo Shepard mit Teilen der Besatzung plaudern kann oder sich mit seinen engeren Teamgefährten unterhält. Auch die Sternenkarte zur Navigation befindet sich dort - ein paar Klicks, und schon nimmt das Schiff Kurs auf einen Planten auf. Dort sind dann in erster Linie Missionen zu erfüllen. Anfangs ist der Spieler vor allem damit beschäftigt, einerseits das Schicksal überfallener Kolonien aufzuklären und andererseits sein Team aufzustocken. Dazu besucht er ein galaktisches Gefängnis, ist erneut auf der legendären Regierungsstation Citadel unterwegs und besucht einen düsteren Vergnügungsplaneten.

Später kommen noch Nebenmissionen mit dazu, in denen Shepard - wenn er denn Lust dazu hat - nach Familienmitgliedern von Teamgefährten sucht, oder sich mit deren traumatischer Kindheit befasst. Diese Einsätze sind freiwillig, etwas kürzer als die meisten Kampagnenmissionen, aber grafisch und inhaltlich ebenso aufwendig in Szene gesetzt.

In nahezu allen Missionen muss Shepard früher oder später zur Knarre greifen - Feuergefechte machen einen Großteil des Spiels aus. In Mass Effect 2 gibt es 19 Waffenarten, das Angebot reicht von der einfachen Knarre über die außerirdische Energiekanone bis zum Granatwerfer. Die Ankündigung von Bioware, dass sich die Kämpfe fast wie ein Ego-Shooter anfühle, entpuppen sich allerdings als nur halberfülltes PR-Versprechen: Shepard und sein Team können fast immer aus halbwegs sicherer Deckung auf ihre Feinde schießen, wirklich wilde Action mit fortgeschrittenen Ausweichmanövern ist so gut wie nie nötig. Trotzdem sind die Feuergefechte spannender als im Vorgänger - das gilt insbesondere für die gelegentlichen Oberbosse.

Das zweitwichtigste Element sind die Gespräche, die der Spieler mit Teamgefährten, Auftraggebern, Händlern, Feinden und weiteren Figuren führt. Das Dialogsystem mit seinen Multiple-Choice-Optionen ähnelt dem aus Teil 1 - und hat erneut gelegentlich das Problem, dass die Antworten von Shepard ganz anders ausfallen als das, was die markierten Stichworte vorher angedeutet haben. Neu ist die Option, ab und zu den Redefluss zu unterbrechen: Dann leuchtet ein Mauszeichen am Bildschirmrand, und wenn der Spieler in diesem Moment klickt, führt Shepard meist eine etwas drakonischere Aktion aus - die ebenfalls nicht vorhersehbar ist, und sowohl die Rettung eines Feindes bedeuten kann als auch einen plötzlichen Todesstoß.

Die Rollenspielelemente hat Bioware gegenüber Teil 1 deutlich reduziert. Wer sich auf eine Mission außerhalb der Normandy begibt, muss meistens nur zwei Teammitglieder auswählen, dann geht es los. Wer mag, darf sich zwar um die Bewaffnung und sonstige Details kümmern - aber das ist schlicht nicht sinnvoll, weil die Begleiter die optimalen Schießprügel so gut wie immer schon in der Hand halten. Auch die Vergabe der Fähigkeitenpunkte ist übersichtlicher geworden: Jede Figur verfügt nur noch über eine Handvoll Spezialbegabungen, die in vier Stufen ausbaubar sind.

Wer noch Spielstände von Mass Effect besitzt, kann diese in Mass Effect 2 einlesen; Voraussetzung bei der Version für Xbox 360 ist, dass die Dateien auf Festplatte und nicht nur auf Speicherkarte vorliegen. Die alten Savegames bieten ein paar Vorteile: Shepard verfügt vom Start an über mehr Rohstoffe oder Geld, außerdem gibt es ein paar zusätzliche Optionen in Gesprächen. Weiterhin gibt es unter Umständen mehr oder weniger mögliche Teammitglieder - je nachdem, ob sie in Teil 1 gestorben sind oder überlebt haben.

Mass Effect 2 ist ab 28. Januar 2010 für Xbox 360 und Windows-PC erhältlich. Auf beiden Plattformen umfasst das Programm zwei DVDs - ein Wechsel ist an zwei Stellen der Kampagne nötig. Wer auf PC spielt, benötigt einen Rechner mit Windows XP, Vista oder 7 sowie einer CPU ab 1,8 GHz Core 2 Duo - empfohlen ist aber eine 2,6 GHz oder mehr. An Arbeitsspeicher müssen 2 GByte RAM vorhanden sein, nur unter XP genügt 1 GByte. Die Grafikkarte muss Shader Model 3.0 beherrschen und mindestens über die Güteklasse ATI X1600 Pro oder Nvidia Geforce 6800 mit 256 MByte RAM verfügen. Electronic Arts weist selbst darauf hin, dass teils verbreitete Karten wie die HD 3200 oder die HD 4350 von ATI oder die 7300, 8100 bis 8400 und 9300 von Nvidia nicht schnell genug sind.

Als Kopierschutz dient ein einfacher Key von der Handbuchrückseite, der ohne Onlineaktivierung und Securom-Software auskommt und beliebig oft verwendbar ist. Außerdem bietet das Programm per Code freischaltbare Zusatzinhalte, die nur für Erstkäufer kostenlos sind. Die USK hat Mass Effect 2 ab 16 Jahren freigegeben.

Fazit

Mission erfüllt: Mit Mass Effect 2 liefert Bioware einen würdigen Nachfolger ab. Die Handlung um die mysteriösen Kollektoren und um Cerberus ist gelungen, vor allem aber die einzelnen Missionen machen Spaß: Sie sind nicht so überlang wie teils in Dragon Age: Origins, nicht so generisch wie in Mass Effect 1 - sondern genau richtig portioniert und aufgebaut. Das verführt aufs Herrlichste dazu, sich noch auf ein halbes Stündchen an das Spiel zu setzen - und dann doch länger als geplant hängen zu bleiben.

Die Rollenspielelemente hat Bioware fast zu radikal reduziert - aber die jetzige Lösung fühlt sich trotzdem um Welten besser an als die Klickorgie in Teil 1. Und auch die Action macht mehr Spaß, obwohl oder weil die Gefechte in Mass Effect 2 sich nicht wie ein ganz auf erhöhte Adrenalinausschüttung optimierter Shooter anfühlen, sondern vergleichsweise taktisch sind. Wer den Vorgänger mochte, greift wohl sowieso zu. Aber auch Einsteiger sollten Shepard jetzt eine Chance geben.  (ps)


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