Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1001/72613.html    Veröffentlicht: 25.01.2010 11:02    Kurz-URL: https://glm.io/72613

Webvideo: Mozilla wehrt sich

Mozilla hofft auf freien On2-Codec von Google

Der Start von Youtubes HTML5-Player setzt Mozilla unter Druck, denn Firefox bleibt bei Googles Videosite außen vor. Schuld daran ist ein wohl bekanntes Problem, das jetzt seine ersten Auswirkungen zeigt und nicht auf Youtube und Firefox beschränkt ist. Bei der Lösung hofft Mozilla auf Google.

Mozilla gehört zu den größten Verfechtern des Videotags aus HTML5, erlaubt es doch, Videos direkt im Browser ohne proprietäre Plugins wie Adobe Flash abzuspielen. Doch Youtubes HTML5-Video-Player spielte unter Firefox keine Videos ab, was zum Teil Mozilla vorgeworfen wird.

Das Problem dahinter ist aber nicht neu und hat in der Vergangenheit schon für hitzige Diskussionen gesorgt: HTML5 standardisiert zwar, wie Videos in Webseiten eingebettet werden, legt aber keinen Standardcodec für das Web fest, denn die Beteiligten konnten sich dabei nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Und genau das sorgt jetzt für die Probleme.

Google setzt auf H.264

Google setzt bei Youtubes HTML5-Player auf H.264 als Codec, doch Mozillas Browser unterstützt ausschließlich Ogg Theora und Ogg Vorbis. Zwar handelt es sich bei H.264 um einen zunehmend verbreiteten Industriestandard, doch dieser ist mit Patenten behaftet, die lizenziert werden müssen. Das ist auf Seiten der Inhalteanbieter im Internet derzeit kein großes Thema, denn noch kann H.264 kostenlos genutzt werden. Die Betonung liegt dabei auf noch, denn die MPEG-LA, die einen Patentpool rund um H.264 verwaltet, hat von Anfang an angekündigt, später einmal auch von Inhalteanbietern im Internet Lizenzgebühren zu verlangen. Softwarehersteller werden schon heute zur Kasse gebeten.

Und genau das ist ein Problem für Mozilla, das konsequent auf Open Source setzt. Ein freier Browser verträgt sich nicht mit patentbehafteter Technik. Zwar könnte Mozilla entsprechende Lizenzen erwerben, doch Anbieter, die auf Basis von Firefox eigene Produkte anbieten, blieben außen vor. Die Idee hinter dem Open-Source-Konzept würde ausgehebelt. Das ist auch der Grund, warum Google H.264 nur in seinem Browser Chrome unterstützt, nicht aber in dessen freier Basis Chromium.

Freie H.264-Implementierungen sind keine Lösung

Auch der Verweis auf freie H.264-Implementierungen hilft nicht, denn wer diese einsetzt, muss ebenfalls mit Lizenzforderungen der Patentinhaber rechnen, denn die freie Softwarelizenz bezieht sich nur auf die Implementierung, wie Mozilla-Entwickler Robert O'Callahan erläutert.

Davon abgesehen, wären die Lizenzkosten für Mozilla beachtlich. Mozilla-Entwickler Mike Shaver beziffert die für Mozilla anfallenden Lizenzgebühren auf etwa 5 Millionen US-Dollar pro Jahr. Sein Kollege Christopher Blizzard warnt, H.264 könnte zu einem ähnlichen Problem wie GIF werden. Einst hatte Unisys begonnen, Lizenzgebühren für das im Web etablierte Grafikformat zu verlangen. So könnte es auch bei H.264 kommen: Der Codec würde demnach solange kostenlos angeboten, bis er etabliert sei, dann aber würde abkassiert. Seit dem 1. Oktober 2006 sind die GIF-Patente ausgelaufen.

Für Mozilla sind nur freie Codecs eine Option

Daher setzt Mozilla auf die freien Audio- und Videocodecs Ogg Vorbis und Ogg Theora, denn sie können frei von Lizenzgebühren genutzt werden. Ursprünglich war angedacht, die freien Codecs auch als Standardcodecs in HTML5 festzuschreiben, doch dagegen machte sich unter anderem Nokia stark. Einige Unternehmen lehnen Ogg Vorbis und Ogg Theora ab, da sie Lizenzforderungen aus sogenannten U-Boot-Patenten fürchten, also Forderungen von Patentinhabern, die darauf warten, dass die Technik ausreichend Verbreitung findet, um dann die Nutzer zur Kasse zu bitten.

Mit ihren Forderungen, H.264 als Standardcodec in HTML5 festzuschreiben, konnten sich diese Unternehmen aber ebenfalls nicht durchsetzen. Dies würde aus den oben genannten Gründen gegen die W3C-Richtlinien verstoßen.

Googles On2-Übernahme ein Ausweg?

So zeigt die zunehmende Unterstützung von HTML5-Video nur das seit geraumer Zeit bekannte Dilemma auf, das schon bei der Standardisierung von HTML5 nicht einvernehmlich gelöst werden konnte. Eine Lösung des Problems erhofft sich Mozilla-Entwickler Christopher Blizzard von Google. Er spekuliert darauf, dass Google die mit der Übernahme von On2 erworbene Codectechnik nutzen wird, um einen neuen freien Codec zu etablieren. Die Technik von On2 sei H.264 überlegen, ist bislang aber proprietär. Blizzard geht aber davon aus, dass Google dies ändern wird, und verweist auf die Philosophie des Suchmaschinenanbieters. Mit Google als starke Kraft hinter einem solchen seit Jahren kommerziell genutzten, aber künftig freien Codec, bei dem alle Patente in einer Hand liegen, könnten auch die Bedenken der heutigen H.264-Verfechter entkräftet werden.

Mozilla, so Blizzard weiter, sei gern bereit, einen freien Codec von Google zu unterstützen. Offiziell aber hat Google noch nicht erklärt, was das Unternehmen mit der zusammen mit On2 gekauften Technologie vorhat. Doch eine Frage bleibt offen: Haben Anbieter, die heute H.264 unterstützen und selbst Patente an der Technik halten, überhaupt eine Motivation, eine andere Technik zu unterstützen?  (ji)


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