Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1001/72361.html    Veröffentlicht: 12.01.2010 17:53    Kurz-URL: https://glm.io/72361

Speichert Facebook gelöschte Daten und Nutzerverhalten?

Facebook weist Darstellungen einer Mitarbeiterin zurück

In einem Interview mit dem US-Blog The Rumpus hat eine anonyme Mitarbeiterin des sozialen Netzes Facebook über Datenschutz und andere Interna geplaudert. Das Unternehmen weist die Darstellung als ungenau und falsch zurück.

Geht es um Datenschutz, sorgt das soziale Netz Facebook immer wieder für Unmut. Anfang Dezember etwa führte eine Neufassung der Datenschutzbestimmungen für Facebook zu Aufregung unter Datenschützern. Gründer und Chef Mark Zuckerberg scheint den Schutz der Privatsphäre ohnehin für überflüssig zu halten: In einem Podiumsgespräch mit Michael Arrington, dem Gründer des Blogs Techcrunch, sagte er, Facebook-Nutzer fühlten sich sehr wohl damit, Bilder und Details aus ihrem Leben anderen zugänglich zu machen. Privatsphäre sei eben "keine soziale Norm mehr".

Blick hinter die Kulissen

Ein interessanter Blick hinter die Kulissen ist angeblich dem US-Blog The Rumpus gelungen. Dessen Autor Phil Wong hat im Sommer 2009 ein Interview mit einer Freundin geführt, die seinen Angaben nach seit über zwei Jahren bei Facebook arbeitet. Das jetzt erst veröffentlichte Interview gibt einen Einblick in die Arbeitsweise von Facebook. Allerdings weist Facebook die Darstellung zurück.

Daten zu sammeln ist demnach oberstes Gebot bei Facebook. Alles werde und bleibe gespeichert, sagte die anonyme Facebook-Mitarbeiterin. Statusmeldungen, Fotos, Nachrichten - "Wir behalten alle Daten." Auch dann, wenn der Nutzer sie gelöscht hat. An dieser Maxime halte die Unternehmensführung fest. Wenn überhaupt, sei es denkbar, dass Fotos gelöscht werden könnten - aus Performancegründen: Jedes Foto werde nämlich in sechs Versionen vorgehalten. Das sei aus technischen Gründen nötig, um die Ladezeiten für die Seiten kurzzuhalten.

Vier Rechenzentren

Zur Zeit des Interviews hatte Facebook geschätzt eine Billion Fotos gespeichert und sei damit "der größte Fotoanbieter der Welt". Entsprechend große Kapazitäten braucht Facebook. Das Unternehmen unterhält nach Angaben der Mitarbeiterin vier Rechenzentren - drei in den USA, in Santa Clara, San Francisco und in New York, sowie eines in London.

Gespeichert werden aber nicht nur Daten. Auch das Nutzerverhalten wird sorgfältig mitgeschnitten "Wie, glauben Sie, wissen wir sonst, wer Ihre besten Freunde sind?" Wenn der Nutzer Buchstaben in das Suchfeld eintippt, wird der Namen der Freunde ergänzt. Früher geschah das nach dem Alphabet. Seit vergangenem Frühjahr aber erscheine der Name der engsten Freunde zuerst. Wer das ist, weiß Facebook anhand der Interaktion mit dieser Person.

Sesam, öffne dich

Glaubt man Rumpus' Interviewpartnerin, speichert Facebook nicht nur alles, sondern die Mitarbeiter haben auch Zugang zu allem. Es habe ein Masterpasswort gegeben, mit dem man in jedes Nutzerprofil gekommen sei. Gedacht war es nur für technische Mitarbeiter. "Aber es war da und jeder Mitarbeiter, der wusste, wo er danach suchen musste, konnte es auch finden." Es sei aber ausschließlich von den Rechnern im Büro nutzbar gewesen.

Inzwischen sei das Masterpasswort ersetzt worden durch ein etwas ausgefeilteres Zugangssystem: Will ein Mitarbeiter das Profil eines anderen öffnen, muss er einen Grund angeben, dann erhält er Zugang dazu.

Aus Datenschutzgründen entlassen

Der Grund müsse jedoch gut sein - etwa das Vorhaben, Profile mit falscher Identität zu finden oder Nutzer, die andere belästigen, aufzuspüren. Andernfalls drohten Konsequenzen: So seien mindestens zwei Angestellte entlassen worden, weil sie die Profile von Nutzern verändert hätten, erzählte die Interviewpartnerin und gab zu, ihrerseits in fremde Nutzerkonten hineingeschaut zu haben - aus beruflichen Gründen, aber auch aus persönlicher Neugier.

Aber auch ohne das Masterpasswort hätten Facebook-Mitarbeiter Zugang zu dem, was die Nutzer für privat halten. So würden alle Nachrichten, auch die gelöschten, in einer Datenbank gespeichert. "Wir brauchen die Datenbank nur zu durchsuchen und können sie lesen, ganz ohne Zugang zum Nutzerkonto. Das wissen viele gar nicht."

Facebooks Datenschutzbeauftragter

Immerhin: Trotz der Tatsache, dass Zuckerberg Privatsphäre für veraltet hält, leistet sich Facebook einen Datenschützer, den Chief Privacy Officer Chris Kelly. Doch das Vorgehen beim Datenschutz ist nicht sehr konsequent: Setze sich ein Team daran, neue Bedingungen zu formulieren, würden diese lediglich einem Projektmanager vorgelegt und dann veröffentlicht, berichtet die Mitarbeiterin. Riefen sie Proteste bei der Nutzerschaft hervor, zöge Facebook sie eben wieder zurück.

An anderer Stelle wird indes mehr Aufwand getrieben: Gehe es darum, Funktionen einzuführen, die die Seite schneller machen, mehr Klicks pro Minuten generieren und dabei möglichst auch noch das Datenaufkommen verringern, werden aufwendige Testverfahren wie Eye-Tracking eingesetzt.

Die Interviewpartnerin äußerte sich schließlich auch zur Strategie des Angebots: Ziel sei, die Internationalisierung konsequent weiter zu betreiben. Wie vehement, zeige das Beispiel Iran: Als 2009 die Bedeutung von Facebook für den Präsidentschaftswahlkampf offenkundig wurde, sei das komplette Angebot in nur anderthalb Tagen in Farsi übersetzt worden. In Ländern wie dem Iran oder in vielen Drittweltländern gehe es dabei nur darum, Menschen zu ermöglichen, in Kontakt zu bleiben - "was ja unser eigentliches Ziel ist". Für Werbeeinnahmen sind diese Regionen wenig interessant. Einnahmen werden praktisch vollständig in den USA, Kanada, Mexiko, Europa und Australien generiert.

Wahrheit oder Fälschung?

Facebook selbst weist die Darstellung der Interviewpartnerin von The Rumpus zurück. "Dieses Interview enthält genau die Ungenauigkeiten und falschen Darstellungen, die man von einer anonymen Quellen zu erwarten hat. Dabei wollen wir es belassen", sagte Facebook-Sprecher Larry Yu dem US-Branchendienst Cnet. Der US-Branchendienst bezweifelt ebenso wie viele Kommentatoren im Blog The Rumpus die Echtheit des Interviews und der Angaben. Nicht zuletzt deshalb, weil die Interviewpartnerin dadurch Gefahr liefe, aus der Anonymität geholt zu werden. Der Name des Interviewers ist schließlich bekannt, so die Überlegung. Daher dürfte es kaum Probleme bereiten, die Interviewpartnerin anhand dessen Freundesliste bei Facebook zu identifizieren.

The Rumpus hingegen beharrt auf der Echtheit des Interviews. "Lange vor der Veröffentlichung stellte ich zu meiner Befriedigung fest, dass dieses Interview wirklich stattgefunden hat. Ich hätte es nicht gebracht, wenn es auch nur den geringsten Hinweis auf eine Falschmeldung gegeben hätte", hält Mitarbeiter Jeremy Hatch den Zweiflern entgegen.  (wp)


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