Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0912/71988.html    Veröffentlicht: 26.12.2009 09:58    Kurz-URL: https://glm.io/71988

E-Book-Reader sind cool, aber...

Verkaufsschlager in den USA, zurückhaltende Kunden hierzulande

2009 ist der Markt mit den E-Book-Readern richtig in Schwung gekommen. In den USA sowieso, eine Reihe von Geräten ist mittlerweile auch hierzulande zu haben. Doch in Deutschland lässt der große Durchbruch auf sich warten. Gründe gibt es viele.

Von E-Book-Readern, mobilen Lesegeräten mit einer Bildschirmtechnik, die wenig Strom verbraucht und deshalb ein langes Lesevergnügen verspricht, ist schon länger die Rede. Einzelne Geräte wie Amazons Kindle sind schon seit längerer Zeit erhältlich. Doch erst im Jahr 2009 hat der Markt richtig Fahrt aufgenommen.

Die Geräte haben in etwa die Größe und das Gewicht eines Taschenbuchs. Sie zeigen Texte und Bilder an, die meisten spielen auch Musikdateien ab. Wegen der besonderen Funktionsweise kommt das E-Ink-Display anders als ein Flüssigkristallbildschirm (LCD) ohne Hintergrundbeleuchtung aus. Es besteht aus zwei hauchdünnen Folien, von denen eine mit einem dichten Netz aus unsichtbaren Leiterbahnen überzogen ist. Zwischen den beiden Folien befinden sich viele winzige Zellen, in denen schwarze und weiße Pigmente schwimmen. Die Farbpigmente sind elektrisch geladen. Werden die Leiterbahnen unter Spannung gesetzt, bewegen sich die Pigmente an die Oberfläche und bilden schwarze oder weiße Flächen: Buchstaben, Satzzeichen und die weißen Flächen dazwischen. Vorteil dieser Technik ist, dass nur dann Strom gebraucht wird, wenn der Nutzer blättert, wenn also ein neuer Inhalt auf dem Bildschirm aufgebaut wird. Nachteil ist, dass die Bildschirme nur Graustufen darstellen.

Neue Geräte auf dem Markt

Den ersten Akzent setzte im Februar Amazon mit seinem zweiten E-Book-Reader, der Einfachheit halber Kindle 2 genannt. Das Gerät verfügte wie der Vorgänger über eine Mobilfunkschnittstelle und eine Tastatur, wartete aber mit einem schickeren Design, mehr Speicher und einem besseren Display auf. Das reichte jedoch, um das Kindle 2 in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager zu machen, dessen Erfolg sogar Amazon überraschte. Seit Herbst ist das Gerät auch in Deutschland erhältlich.

Drei Monate später legten die Seattler nach und brachten den Kindle DX auf den Markt. Das Gerät hat einen deutlich größeren Bildschirm: 9,7 Zoll, knapp 25 cm misst der E-Ink-Bildschirm in der Diagonale - gut das Zweieinhalbfache des Kindle. Mit dem Gerät sollen Nutzer vor allem Zeitungen, Magazine, Geschäftsdokumente und Lehrbücher lesen.

... auch in Deutschland

Seit 2009 sind auch in Deutschland E-Book-Reader in nennenswertem Umfang erhältlich: Den Anfang machte Sony. Die Japaner brachten im Frühjahr den Reader PRS-505, der international bereits auf dem Markt war, nach Deutschland. Ein weiterer Schwung wurde im Spätsommer auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) vorgestellt, darunter Sonys neues Gerät PRS-600 Touch Edition und die an Amazons Erfolgsprodukt Kindle 2 erinnernde Story des koreanischen Herstellers iRiver.

Aber nicht nur Hersteller aus Übersee bieten solche Geräte an. Aus Berlin etwa stammt der Txtr Reader, um den der Hersteller gleich eine ganze Community aufbaut. Der französische Hersteller Bookeen ist mit dem Cybook Gen3 und dem handlichen Cybook Opus auf dem deutschen Markt vertreten. Der ukrainische Hersteller Pocketbook hat kürzlich die auf der IFA präsentierten Modelle Pocketbook 360° und Pocketbook 301 hierzulande herausgebracht.

Verkaufsschlager in den USA, Zurückhaltung bei uns

Anders als die US-Bürger, die sich auf die Geräte stürzen, sind die Deutschen zurückhaltend. Das liegt zum einen am Preis: Die Geräte sind relativ teuer. 200 bis 300 Euro muss der Käufer für so ein Gerät bezahlen. Doch anders als in den USA, wo die digitalen Bücher deutlich günstiger sind als die gedruckten, haben die Käufer hierzulande kaum einen Preisvorteil beim Kauf von E-Books.

Ein digitales Buch sei etwa 15 Prozent günstiger als ein gedrucktes, schreibt Jonathan Beck vom Beck-Verlag in einem Blogkommentar. Zum Vergleich: Amazon oder Barnes & Noble bieten in den USA E-Books zum halben Preis der gedruckten Ausgabe an, stoßen mit ihrem Preisdiktat allerdings auch nicht auf die Zustimmung der Verlage.

Die Ersparnis von 15 Prozent entspricht laut Beck in etwa den Kosten für Druck und Papier. "Der Großteil der Verlagskosten entsteht dabei, die Autoren zum Schreiben zu bringen und sie dafür zu honorieren, ihre Texte zu lektorieren und diese schließlich dem Buchhandel und der Presse nahezubringen. Diese Arbeit wird durch das E-Book nicht weniger." Dazu komme die Mehrwertsteuer: Für ein gedrucktes Buch beträgt sie 7 Prozent. Für ein E-Book hingegen verlangt das Finanzamt den vollen Satz von 19 Prozent. Sei ein E-Book 15 Prozent günstiger als ein gedrucktes, büßten Buchhändler und Verlag 20 Prozent ihres Erlöses ein, sagt Beck. Die spanische Regierung hat kürzlich angekündigt, die digitalen steuerlich den gedruckten Büchern gleichzusetzen.

Formate: offen oder proprietär?

Hinzu kommt die Unsicherheit bei den Formaten. Zwar gibt es das offene Format ePub, das das International Digital Publishing Forum (IDPF) 2007 für digitale Publikationen entwickelt hat. Einige Hersteller wie etwa Sony setzen auf dieses Format. Längst aber nicht alle. Marktführer Amazon beispielsweise weigert sich, ePub auf das Kindle zu bringen. Auch Konkurrent Barnes & Noble setzt in seinem digitalen Buchshop lieber auf ein proprietäres Format.

Dahinter stecken natürlich handfeste wirtschaftliche Interessen: Wer sich für Amazons Kindle oder den Nook von Barnes & Noble entscheidet, muss gezwungenermaßen bei den beiden Anbietern auch künftig seinen Lesestoff kaufen. Darunter leidet der Kunde, der Texte seiner Wahl beim Händler seiner Wahl kaufen und sie lesen will, wann, wo und auf welchem Gerät er möchte. Seinen deutschen Kunden macht es Amazon zusätzlich noch dadurch schwer, dass kaum deutsche E-Books im Kindle-Shop angeboten werden.

Hierzulande, so scheint es auf den ersten Blick, hat die Buchbranche aus den negativen Erfahrungen der Musikindustrie gelernt und versucht, im digitalen Geschäft kräftig mitzumischen. Besonders geschickt ist das Vorgehen jedoch nicht. So hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2008 - noch bevor das Geschäft mit den E-Books anlaufen konnte - festgelegt, dass E-Books wie gedruckte Bücher der Buchpreisbindung unterliegen.

Wo kommen die Bücher her?

Immerhin hat sich die Einsicht breitgemacht, dass ein Angebot, über das Nutzer legal Inhalte beziehen können, das unrechtmäßige Herunterladen von Inhalten eindämmen kann. Also machte der Börsenverein aus der 2007 eingerichteten Datenbank für lieferbare deutschsprachige Bücher ein Vertriebsportal für elektronische Bücher. Im März 2009 wurde das umgebaute Portal Libreka eröffnet.

Entscheidet sich der Nutzer zum Kauf bei Libreka, wird er feststellen, dass die meisten digitalen Bücher mit einem digitalen Rechtemanagement (DRM) ausgestattet sind. Das schützt, so Libreka, die E-Books "gegen unerlaubte Vervielfältigung". Im Klartext: Was mit gedruckten Büchern geht - sie verleihen oder nach der Lektüre im Antiquariat verkaufen -, verhindert die von Adobe entwickelte Verschlüsselungstechnik.

Dem Nutzer bereitet das DRM aber auch ohne Verleih oder Verkauf einige Mühe. Bevor er ein E-Book lesen kann, muss er es erst reichlich umständlich freischalten. Dafür braucht er zunächst eine sogenannte Adobe-ID sowie die Software "Adobe Digital Editions" (ADE). Die läuft derzeit nur auf Computern mit Windows oder Mac OS, nicht aber auf solchen mit Linux. Weiteres Manko: Nicht alle E-Book-Reader unterstützen das Adobe-DRM. Wer das falsche Gerät besitzt, kann nicht bei Libreka einkaufen.

Stolperstein DRM

Unterm Strich: Die Nutzer sollen ein virtuelles Buch kaufen, das komplizierter zu handhaben ist und mit dem sie weniger anfangen können als mit einem aus Papier. Dafür sollen sie aber fast den gleichen Preis bezahlen. Der wirtschaftliche Erfolg des Angebotes ist entsprechend übersichtlich: Glaubt man dem Dokument "Zur Buchmesse 200: Libreka ungeschminkt", das zur Buchmesse auf Wikileaks aufgetaucht war, hat Libreka im September 32 E-Books verkauft.

"Ja, ein restriktives DRM und Nutzungsbeschränkungen sind verkaufsverhindernd, da sollten wir von der Musikindustrie lernen", gibt auch Beck zu. "Aber Verleihen und Weiterverkaufen sind auch in der Musikindustrie zumindest rechtlich immer noch nicht erlaubt." Die jedoch hat sich - insofern hinkt der Vergleich - unter dem Druck einer Reihe von Anbietern, allen voran Amazon, vom DRM verabschiedet und verkauft digitale Musik inzwischen im MP3-Format. Der Leser dürfte ohnehin eher den Vergleich zum gedruckten Buch ziehen, das er, so oft er will, verleihen oder problemlos weiterverkaufen kann. Hier muss sich noch etwas tun, um die Akzeptanz zu erhöhen.

Die Technik steht dem nicht im Weg: Adobe wird in die kommende Version der Software die Möglichkeit implementieren, die digitalen Bücher zu verleihen. Ob die Anbieter mitmachen, wird sich zeigen.

Erfolg ohne DRM

Dabei ist Erfolg gar nicht von Schutzrechten abhängig. Der kanadische Autor Cory Doctorow etwa stellt - mit Erlaubnis seines Verlages - seine Bücher unter einer Creative-Commons-Lizenz (CC) kostenlos im Internet zur Verfügung. Mit Erfolg: "Die meisten betrachten meine elektronischen Bücher als Lockmittel, nicht als Ersatz für die gedruckten.", sagte er im Frühjahr im Gespräch mit Golem.de. "Tatsächlich verkaufen sich meine Bücher besser als es der Verlag erwartet hat." Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho kurbelte den Verkauf seiner Bücher in Russland an, indem er einen seiner Romane über das Internet verteilte. In nur einem Jahr verzehnfachte er so seine Verkäufe.

Was, wenn es den Verlagen nicht gelingt, die Nutzer von ihren Angeboten zu überzeugen? Es gibt durchaus Alternativen. Txtr etwa baut zu seinem Lesegerät eine Onlinecommunity auf, auf der Nutzer Texte veröffentlichen und anderen kostenlos zur Verfügung stellen können. Oder die Leser stürzen sich auf die kostenlosen Angebote, von denen es im Netz eine ganze Reihe gibt: das Project Gutenberg und sein deutscher Ableger, den Bookserver, das E-Book-Angebot des Internet Archive, Feedbooks, Many Books oder Zeno.org. Dort finden sie massenhaft gemeinfreie digitale Bücher, die sie herunterladen und auf ihre Lesegeräte übertragen können. Handelt es sich um ein Format, das der E-Book-Reader nicht verarbeitet, gibt es die Möglichkeit, mit einem Programm wie Calibre den Text in ein kompatibles Format zu wandeln. Im schlimmsten Fall aber droht den digitalen Büchern ein vergleichbares Schicksal wie der Musik: Die Nutzer werden sie illegal in Tauschbörsen verbreiten.

Durchbruch mit Zeitschriften?

Doch auch wenn Formatunklarheiten, DRM und Preis die E-Book-Reader verzögern, Gründe zum Umstieg auf die digitalen Lesegeräte gibt es durchaus: Auf dem Speicher hat im Normalfall eine halbe Bibliothek Platz - auf Reisen ein Vorteil. Und Textarbeitern bieten manche der Geräte die sinnvolle Möglichkeit, Anmerkungen zum Text zu machen.

Vielleicht sind es am Ende aber gar nicht die Buchverlage, die den E-Readern in Deutschland zum Durchbruch verhelfen, sondern Zeitungs- und Zeitschriftenverlage. Denn ausgestattet mit einer Mobilfunkschnittstelle, können die Geräte zum Ersatz für die gedruckte Zeitung werden, die morgens statt auf Papier im Briefkasten digital auf dem E-Book-Reader landet. Kindle 2 und Txtr Reader verfügen über eine 3G-Schnittstelle. Sony hat mit dem Reader Daily Edition, der auch hierzulande auf den Markt kommen soll, ein entsprechendes Gerät im Angebot.

Die Verlage schielen bereits auf die Lesegeräte. Die in Berlin erscheinende Tageszeitung (taz) beispielsweise bietet seit Mai ihre digitale Ausgabe für die Lesegeräte auch im ePub-Format an. Allerdings ist das auf XML basierende ePub nur bedingt geeignet, Zeitungen oder Zeitschriften auf die E-Book-Reader zu bringen, da sich damit Layouts nicht so umsetzen lassen wie die Leser das von Hochglanzmagazinen gewohnt sind.

Auch einige große US-Verlage sind sehr bemüht, ihre Produkte auf die E-Book-Reader und andere mobile Geräte zu bringen. Dazu entwickelt Condé Nast zusammen mit Adobe derzeit eine digitale Ausgabe des US-Technologiemagazins Wired. Ziel ist es, ein Format zu bekommen, das es ermöglicht, Magazine wie Wired, Vogue oder Vanity Fair auf E-Book-Readern darzustellen - mit aufwendigen Layouts ebenso wie mit Werbung.

Außerdem haben die Großverlage Condé Nast, Hearst, Meredith, News Corporation und Time gemeinsam eine Plattform gegründet, über die sie ihre Magazine kostenpflichtig für verschiedene mobile Endgeräte vertreiben wollen.

Format in Arbeit, Vertriebskanal ebenfalls - fehlt nur noch der Farbbildschirm, auf dem die Fotostrecken genauso gut aussehen wie auf Hochglanzpapier. Doch auch auf den müssen Nutzer möglicherweise nicht mehr lange warten: Anfang 2009 war bekanntgeworden, dass Hearst zusammen mit E-Ink an einem E-Book-Reader mit Farbdisplay arbeitet. Und Wired-Chefredakteur Chris Anderson deutete kürzlich an, dass Mitte 2010 eine neue Generation von E-Book-Readern auf den Markt kommen wird, die deutlich mehr Möglichkeiten bietet als die heutigen.  (wp)


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