Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0912/71697.html    Veröffentlicht: 07.12.2009 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/71697

Spieletest: Tony Hawk Ride - Absturz im Wohnzimmer

Neuer Teil der Reihe kommt mit Skateboard als Zusatzhardware

Körpereinsatz auf dem Brett statt gemütlichen Knöpfedrückens auf der Couch: Nach Pistolen, Gitarren und Balanceboards war es nur eine Frage der Zeit, bis die ehrwürdige Tony-Hawk-Serie auch auf Zusatzhardware setzt. Das im Lieferumfang von "Ride" enthaltene Skateboard sorgt für viel Bewegung vor dem Bildschirm - aber auch für viel Frust und bei Unachtsamkeit gar für Verletzungen.

Tony Hawk Ride (Xbox 360, PS3, Wii)
Tony Hawk Ride (Xbox 360, PS3, Wii)
Schön sieht es aus, das mitgelieferte kabellose Skateboard. Die Verarbeitung wirkt wertig und solide, die Optik ist ansehnlich und trotz fehlender Rollen der eines echten Skateboards durchaus ebenbürtig. Ist es ausgepackt, mit Batterien versehen, vor dem Fernseher platziert und durch Drücken des Connectbuttons an Konsole und Brett verbunden, stehen zunächst einige Kalibrierungsaufgaben an, bevor die ersten Missionen in Angriff genommen werden können. Dank sympathischer Kommentare von Tony Hawk und leicht verständlicher Videos eine zwar nicht schnell zu erledigende, aber doch kurzweilige Angelegenheit.

Danach gilt es zunächst, sich mit dem Brett vertraut zu machen und einen halbwegs sicheren Stand zu erlangen - nicht ganz so schwierig wie auf einem echten Skateboard, aber auch nicht ganz einfach. Wer noch nie geskatet ist, wird eventuell Probleme haben, das Brett zu neigen, ohne absteigen zu müssen; auch das Herunterdrücken des vorderen oder hinteren Teils will erlernt sein. Wirkliche Sprünge werden natürlich nicht ausgeführt, sondern immer nur angedeutet - um sein Laminat muss sich also niemand sorgen. Etwas Vorsicht und Gleichgewichtsgefühl kann dennoch nicht schaden, um ein Ausrutschen oder Fallen zu vermeiden.

Am Brett selbst sind Sensoren angebracht - vorne und hinten ebenso wie an der Seite. Wer sich vorwärtsbewegen will, führt den Fuß also an den seitlichen Sensoren vorbei, für Ollis und Nollis hebt der Wohnzimmerskater das Ende beziehungsweise die Spitze des Brettes an, für Grabs greift er die Seiten. Natürlich erkennen die Sensoren nur, dass eine Bewegung stattfindet, nicht, wie sie ausgeführt wird - wer also den Fuß nicht wirklich abstößt, sondern nur dezent am Sensor vorbeiwedelt, erzielt das gleiche Ergebnis.

Ausführliche und gut inszenierte Tutorial-Videos erklären Schritt für Schritt alle Bewegungen und Tricks. Zunächst ist der Schwierigkeitsgrad noch recht niedrig, da das Board nach dem Abstoßen wie an einer gezogenen Linie entlanggleitet - gelenkt werden muss erst später. Dann allerdings wird Tony Hawk Ride zu einer äußerst herausfordernden Angelegenheit: Zum Sprung ansetzen, grinden, die Balance halten, zum nächsten Sprung ausholen, Extras einsammeln und dann noch die Richtung ändern - auch nach langer Übung gestaltet sich das alles andere als einfach.

Zumal spätestens an dieser Stelle zwei gravierende Mängel offensichtlich werden: Einerseits sind zwar zahlreiche Tricks implementiert worden - die Komplexität und Geschmeidigkeit der Gamepadbedienung wird aber nicht ansatzweise erreicht. Doppelt ärgerlich, da ein optionales Steuern via Pad nicht möglich ist. Ein Pad kann und sollte zwar angeschlossen werden, um die Auswahlen im Menü zu treffen. Am Board selbst befinden sich zwar auch Funktions- und Starttasten, per Pad ist die Bedienung aber deutlich bequemer. Ist der Level gestartet, wird allerdings nur noch via Board gearbeitet. Der andere, weitaus gravierendere Mangel ist die oft nur mit Verzögerung oder auch überhaupt nicht funktionierende Sensorerkennung: Immer wieder werden Tricks viel zu spät ausgeführt, oder aber das Brett verlangt eine so präzise Bedienung, wie sie im schnellen Skate-Alltag einfach nicht durchführbar ist. Andere Aktionen funktionieren hingegen nur mit viel Verzögerung - ärgerlich bei Sprüngen oder Sammelaufgaben, bei denen es auf präzises Timing ankommt, die Aktionen aber immer ein paar Sekunden zu spät passieren.

Inhaltlich unterscheidet sich Ride kaum von früheren Hawk-Spielen: Wieder gilt es, vom unbekannten Nachwuchssportler zum angesehenen Profiskater aufzusteigen, der es auch mit dem berühmtesten Namen aufnimmt. Erfolge schalten diverse Outfits bekannter Skate-Marken frei, dazu ertönt eingängiger Punkrock. Freies Fahren ist ebenso möglich wie das Erledigen einzelner Missionen oder das Ausführen von Tricks in der Halfpipe. Auch technisch hat sich kaum etwas getan, die Optik ist über weite Strecken deutlich antiquiert.

Tony Hawk Ride ist für Xbox 360, Playstation 3 und Wii erhältlich und kostet inklusive Skateboard-Controller etwa 100 Euro. Das Spiel ist von der USK ohne Einschränkung freigegeben.

Fazit

Tony Hawk irrt sich leider, wenn er die neue Skateboard-Hardware im Tutorialvideo als einen der "fortschrittlichsten Controller aller Zeiten" beschreibt - die Idee ist gut, die Ausführung nicht. So witzig die ersten Minuten auf dem Brett sind, so schnell setzt der Frust ein: Die Aufgaben werden schnell viel zu komplex, als dass sie mit der schlechten und langsamen Bewegungserkennung adäquat umgesetzt werden könnten. Mit echtem Skateboarding hat das Ganze ohnehin kaum etwas zu tun, aber auch Trendsportler, die sich bisher nur von der Couch aus in die Half-Pipe gewagt haben, werden sich schnell die Pad-Zeiten zurückwünschen - und ein altes Tony-Hawk-Spiel ausgraben.  (tw)


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