Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0911/71543.html    Veröffentlicht: 30.11.2009 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/71543

Trotz DJ-Spielen: Technics-Plattenspieler 1210 läuft aus

Kultmodell wird zunächst in Australien nicht mehr ausgeliefert

Apple stellt keine iPods mehr her? So ähnlich muss die Nachricht auf DJs und Hi-Fi-Fans wirken, dass Technics seine legendären Turntables der Serien SL1200 und SL1210 angeblich nicht mehr produzieren will. Dabei soll laut der deutschen Niederlassung des Unternehmens der Vertrieb zunächst nur in Australien eingestellt werden.

"Für den deutschen Markt gilt das nicht", sagte eine Sprecherin von Panasonic Deutschland Golem.de mit Bezug auf zahlreiche Medienberichte vom Ende der Technics-Plattenspieler. Diese scheinen offenbar auf einer Meldung der australischen Musikwebseite 'In the Mix' zu basieren, in der ein Mitarbeiter der Technics-Mutter Panasonic zitiert wird. Diese Seite wiederum beruft sich auf das Forum 'Global Hardstyle', das wiederum einen Händler zitiert, der einen Produktmanager von Panasonic als Quelle angibt.

Jener Produktmanager gibt an, dass das japanische Panasonic-Hauptquartier die Produktion der Serien SL1200 und SL1210 im Februar 2010 einstellen wolle und die letzte Lieferung nach Australien für den März 2010 geplant sei. Der Produktionsstopp soll jedoch weltweit erfolgen, so dass das Ende der Kult-Plattenspieler besiegelt scheint.

Nach Angaben des Unternehmens wurden seit 1972, als das erste ähnliche Modell erschien, über drei Millionen der Geräte verkauft. 1978 kam die Serie "Mk2" auf den Markt, die seitdem nahezu unverändert gebaut wird. Die beiden verschiedenen Modellnummern weisen nur auf die Farbe hin, ein 1200 ist silbern, ein 1210 in einem dunklen Anthrazit gehalten, was meist als Schwarz bezeichnet wird.

Massives Drehmoment für Rundfunkeinsatz

Der populärere SL1210 Mk2, von Liebhabern auch "Zwölfzehner" oder "der Technics" genannt, war eigentlich als High-End-Laufwerk für Hi-Fi-Fans und Rundfunksender gebaut worden. Daher stammt auch die regelbare Geschwindigkeit, die unter anderem helfen sollte, Stücke ins Zeitschema einzupassen. Die nahezu unzerstörbare Konstruktion des 12-Kilo-Geräts und seine Ausstattung machten den Plattenspieler aber schnell zum Standard für DJs, bei denen er heute noch beliebt ist.

Das liegt vor allem am quarzgesteuerten Direktantrieb, bei dem ein Teil des Motors direkt am Plattenteller befestigt ist. Mit einem Drehmoment von 1,5 Kilogramm pro Zentimeter erreicht der Plattenspieler in rund einer Drittel Umdrehung aus dem Stand exakte 33 1/3 rpm, die Geschwindigkeit einer Langspielplatte.

Club-DJs starten ihre Platten zwar bei laufendem Teller aus der Hand, für Rundfunksender ließ sich dieser Plattenspieler aber aus einer leeren Einlaufrille fast wie ein stehendes Tonband auf Knopfdruck starten. Die Hochlaufzeit von unter einer Sekunde konnte man schnell einschätzen, und so verdrängte der 1210er in kleineren Sendern schnell andere Laufwerke von Unternehmen wie Studer und Revox, die ein Mehrfaches kosteten.

Vom Rundfunk auf den Dancefloor

Seinen Siegeszug konnte er aber erst in den 1980er Jahren antreten, als mit dem Boom des Hip-Hop auch Scratchen modern wurde: Die dafür nötigen elliptisch geschliffenen Nadeln, die weniger springen und die Schallplatten weniger abnutzen, waren durch den Rundfunkbetrieb bereits verfügbar.

Auch durch die CD wurden die Disco-Plattenspieler zunächst kaum bedroht, bis es entsprechende CD-Player gab. Der direkte Zugriff auf das Medium blieb jedoch unerreicht, so dass moderne DJ-CD-Spieler, die auch MP3s beherrschen, sogar über einen rotierenden Plattenteller verfügen, um das Look & Feel eines Plattenspielers nachzubilden.

Inzwischen lassen sich mit speziellen Timecode-Platten über einen analogen Plattenspieler wie den 1210er auch DJ-Programme für den Computer steuern. Diese Software wird dann fast komplett über den Plattenspieler bedient und gibt trotzdem MP3s oder andere Audioformate wieder.

Nachbauten besser als das Original

In den über 30 Jahren seiner Produktion hatte Technics bis auf einige Sonderausgaben und kleine Änderungen wie einen Rückstellknopf auf die Normalgeschwindigkeit den 1210er kaum weiterentwickelt. Andere Unternehmen wie Stanton und Numark sowie fernöstliche Billighersteller bauten den Technics-Plattenspieler zunächst fast identisch nach. Danach kamen aber neue Modelle auf den Markt, die über noch mehr Drehmoment, einen weiteren Regelbereich der Geschwindigkeit und schließlich sogar Digitalausgänge verfügten.

Auch die ursprünglich teure Technik des Direktantriebs wurde immer erschwinglicher. Aktuell bietet ein deutscher Lebensmitteldiscounter einen direkt angetriebenen Plattenspieler mit USB-Port für unter 100 Euro an. Das Modell sieht dem 1210er sehr ähnlich, das Original kostet als Neuware immer noch um 500 Euro.  (nie)


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