Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0911/71434.html    Veröffentlicht: 24.11.2009 16:42    Kurz-URL: https://glm.io/71434

Roboter in der Seniorenpflege

Feldversuch in einer neuseeländischen Seniorensiedlung

In Neuseeland ist ein Feldversuch mit Robotern in der Seniorenpflege angelaufen. Der Testroboter wurde nach einer Umfrage unter den Bewohnern einer Seniorensiedlung und ihren Pflegern entworfen.

Immer wieder ist die Rede davon, dass die Pflege von Senioren künftig ein wichtiges Anwendungsgebiet für Roboter sein wird. In Neuseeland haben die Universität von Auckland und die Rentnersiedlung Selwyn Retirement Village im Aucklander Vorort Point Chevalier eine Studie durchgeführt, um herauszufinden, welche Anforderungen ein Pflegeroboter erfüllen sollte.

Senioren, Angehörige und Pfleger befragt

"Robotische Helfer können zur Pflege beitragen, wenn die Bevölkerung altert. Designer müssen aber verstehen, wie ältere Menschen Robotern gegenüberstehen, was sie von ihnen erwarten, wenn sie sie akzeptieren sollen", erklärt Bruce MacDonald, der die Forschungsgruppe der Universität leitet. Die Forscher befragten aber nicht nur die Senioren selbst, sondern auch deren Angehörige und die Mitarbeiter der Einrichtung.

Letztere äußerten Bedenken, die Roboter könnten ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Das sei eine Befürchtung, die öfter geäußert werde, wenn Roboter neu eingeführt werden, sagte MacDonald. Er beruhigte die Mitarbeiter: Die Roboter sollen die Mitarbeiter nur bei untergeordneten Tätigkeiten unterstützen. Verantwortungsvolle Aufgaben wie die persönliche Pflege, medizinische Betreuung oder den Gemütszustand eines Patienten einzuschätzen blieben weiterhin den menschlichen Pflegern vorbehalten.

Was soll der Roboter tun?

Die Bewohner der Siedlung wünschten sich, dass die Roboter sie in verschiedenen Bereichen unterstützen sollen. So sollen sie beispielsweise erkennen, wenn ein Mensch hingefallen ist und dann Hilfe holen. Im Alltag sollen ihnen die Roboter das Leben erleichtern, indem sie bei lästigen oder beschwerlichen Aufgaben helfen; dazu gehören etwa das Heben von schweren Gegenständen, Aufräumen, das Ein- und Ausschalten Haushaltsgeräten und die Wohnung in Ordnung halten. Schließlich sollen die Roboter soziale Funktionen übernehmen, wie etwa daran zu erinnern, Medikamente zu nehmen, den Arzt anzurufen oder feststellen, wo sich andere Menschen aufhalten. Das Pflegepersonal hielt zudem noch die Überwachung von Lebensdaten für eine sinnvolle Aufgabe, sowie darauf zu achten, dass das Haus nachts abgeschlossen ist.

Die Wissenschaftler wollten aber nicht nur wissen, was ein Roboter tun soll, sondern fragten Pfleger und Senioren auch nach dem Aussehen. Bemerkenswert: Ein menschliches Aussehen ist nicht erforderlich. Einige lehnten es sogar ab, dass der Roboter so etwas wie ein Gesicht hat. Einen gewissen Respekt wie ein Mensch mittleren Alters sollte der Roboter aber ausstrahlen und über eine klare und deutliche Stimme verfügen - ob männlich oder weiblich spielte dabei keine Rolle. Der ideale Roboter soll silbergrau, etwa 1,25 m groß sein, sich auf Rädern fortbewegen und über einen Bildschirm verfügen.

Ein Roboter für Neuseeland

Ein Roboter, der diesen Vorgaben in etwa entspricht, ist der etwa 1,10 m große Charlie. Mit ihm wollen die Wissenschaftler um MacDonald den Einsatz von Robotern in der Pflege testen, Charlie hat statt eines Gesichts einen rund 26 cm (10,4 Zoll) großen Touchscreen. Er orientiert sich mit Hilfe des Systems Stargazer, das eigens für die Positionsbestimmung von Robotern in Räumen entwickelt wurde, und anhand von Markierungen an der Decke. Hindernisse erkennt der Roboter, den die Wissenschaftler Charlie nennen, mit einer Kamera und mit Sensoren. Um mit Menschen zu kommunizieren, verfügt er über ein Spracherkennungs- und -ausgabesystem. Außerdem ist er drahtlos mit dem Internet verbunden.

Charlie verfügt über zwei Computer, einen Steuerungsrechner, der unter Linux läuft, und einen Windows-Rechner für die Nutzeroberfläche. Sein Akku hat eine Laufzeit von drei Stunden. Ist der Speicher leer, fährt er automatisch zur Ladestation. Bis der Akku wieder voll ist, dauert es drei Stunden. Hergestellt wurde der Roboter von dem koreanischen Unternehmen Yujin Robot, das vor zwei Jahren den Haushaltsroboter iClebo vorgestellt hat.

Markt: Roboter im Gesundheitswesen

Pflege und Gesundheitswesen gelten als wichtiges Anwendungsgebiet für Roboter. Im Spätsommer unterstrich beispielsweise iRobot-Chef Colin Angle im Interview mit Golem.de die Bedeutung der Robotik für diesen Bereich: "Unsere Gesellschaften überaltern, und die Kosten für die Pflege in Heimen oder Krankenhäusern belasten die Wirtschaft schwer." Roboter könnten, so Angle, älteren Menschen helfen, länger zu Hause zu wohnen und dabei gleichzeitig die Kosten für die Pflege verringern. Ende Oktober hat iRobot bekanntgegeben, Roboter für das Gesundheitswesen zu bauen.

Japanische Roboterhersteller haben technische Lösungen für die Pflege in Gesellschaften, denen eine Überalterung droht, bereits vor einiger Zeit als Markt erkannt. Toyota etwa stellte im Herbst 2007 den robotischen Rollstuhl Mobiro für den Personentransport vor.

In Deutschland beschäftigt sich seit Anfang des Jahres die Universität Duisburg-Essen mit dem Einsatz von Servicerobotern in der Pflege.  (wp)


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