Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0911/71169.html    Veröffentlicht: 12.11.2009 16:38    Kurz-URL: https://glm.io/71169

AMD und Intel legen Streit um Monopol und Patente bei (Upd2)

1,25 Milliarden US-Dollar als Wiedergutmachung

Die beiden seit Jahren vor Gerichten und Aufsichtsgremien im Clinch liegenden Prozessorhersteller AMD und Intel haben ihre Streitigkeiten überraschend beigelegt. Gleichzeitig erneuern die beiden Unternehmen ihr Patentaustauschabkommen um weitere fünf Jahre, AMD bekommt eine sofortige Finanzspritze.

Wie AMD in einer Pressemitteilung angibt, ist der Streit zwischen den beiden Unternehmen beigelegt. Dabei geht es um zwei Bereiche: Zum einen wirft AMD seit Jahren seinem Konkurrenten Monopolmissbrauch vor und forciert eine Verurteilung durch Regulierungsbehörden. Der spektakulärste Erfolg dabei eine von der EU-Kommission ausgesprochene Strafe gegen Intel in Höhe von 1,06 Milliarden Euro. Zum anderen sieht Intel ein seit 1976 bestehendes Patentaustauschabkommen verletzt, weil AMD seine Chipfabriken in das neue Unternehmen Globalfoundries ausgelagert hat.

Beide Punkte sind nach Angaben der Unternehmen nun vom Tisch. Das Patentaustauschabkommen wird um zunächst fünf Jahre verlängert, bisher wurde es alle zehn Jahre erneuert. Beide Firmen können nun die Erfindungen des jeweils anderen nutzen. Die Details sind nicht bekannt, ob AMD beispielsweise wieder neue Chipsätze für Intel-CPUs anbieten kann, ist damit noch nicht gewiss.

Zudem zahlt Intel an AMD 1,25 Milliarden US-Dollar und verpflichtet sich, "gewisse Geschäftspraktiken" in Zukunft zu unterlassen. Im Gegenzug lässt AMD alle Monopolvorwürfe fallen. Inwiefern sich das auf die laufenden Untersuchungen von staatlicher Seite auswirkt, ist noch nicht abzusehen. Derzeit laufen getrennte Telefonkonferenzen, in denen Intel und AMD die Hintergründe der Einigung erläutern wollen.

Nachtrag vom 12. November 2009, 16:47 Uhr:

AMDs CEO Dirk Meyer beglückwünschte Intel zur Einigung: "Hier ist jeder Gewinner". In Zukunft würden die beiden Unternehmen weiterhin hart konkurrieren, und Intel müsse AMD dabei nicht helfen - aber damit aufhören, AMD Steine in den Weg zu legen. Wie AMD weiter erklärte, lässt das Unternehmen eine Klage in den USA sowie zwei in Japan fallen. Weiterhin werden alle Monopolvorwürfe bei Regulierungsbehörden weltweit zurückgezogen.

Intel erklärte währenddessen schriftlich, die umstrittenen Geschäftspraktiken in Zukunft nicht mehr zu verwenden. Das Unternehmen hält sie weiterhin für rechtens. Dennoch verpflichtete sich Intel, Rabatte für seine Kunden nicht mehr an die Bedingung zu knüpfen, dass diese keine AMD-Produkte einsetzen. Dies war einer der Vorwürfe der EU gegen Intel. In Deutschland soll insbesondere die Media-Saturn-Gruppe mit Intel eine entsprechende Exklusivvereinbarung unterhalten haben.

Nachtrag vom 12. November 2009, 17:45 Uhr:
In seiner eigenen Telefonkonferenz gab sich Intel große Mühe, die Einigung nicht wie ein Schuldeingeständnis aussehen zu lassen. Die fraglichen Praktiken habe Intel nie so durchgeführt, wie es AMD behauptet habe, sagte Intel-Vize Andy Bryant. Daher sei es auch leicht gewesen, sie aufzuschreiben und sich zu verpflichten, sie nicht anzuwenden.

Intel-CEO Paul Otellini erklärte, die meisten Monopolstreite zwischen Unternehmen würden außergerichtlich beigelegt - vor allem, weil laut US-Recht die Strafe das Dreifache des entstandenen Schadens betrage. Zudem habe der Streit mit AMD eine Komplexität angenommen, die für beide Unternehmen nicht mehr sinnvoll erschien. Die beiden Firmen hätten über 200 Millionen Seiten an Dokumenten an Gerichte geschickt, Intel habe zudem mehrere tausend Seiten an Gutachten erstellen lassen.

Dass Intel mit den laufenden Prozessen noch eine Menge Arbeit vor sich hat, erkannte auch Otellini an. Im Falle der jüngsten Klage des New Yorker Generalstaatsanwalts Cuomo würde dieser aber "die Fakten grob verzerren", sagte der Intel-Chef. Die von Cuomo zitierten E-Mails, unter anderem von Dell, wären zudem völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Sollte es zu einem Prozess kommen, würde sich der Hintergrund dieser Aussagen ganz anders darstellen.

Den Einigungsvertrag mit AMD will Intel sobald möglich bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen, die ihn dann veröffentlicht. Die 1,25 Milliarden US-Dollar hat Intel in seiner Prognose für das laufende Quartal bereits zurückgestellt. Laut Andy Bryant werden sie innerhalb der kommenden 30 Tage an AMD gezahlt.

Laut Andy Bryant gibt es neben dieser Einigung auch noch einen separaten Vertrag mit Globalfoundries, so dass dieses Unternehmen auch völlig unabhängig von AMD x86-Prozessoren herstellen kann. Damit ist der Weg frei für AMD, seine Beteiligung an Globalfoundries ganz aufzugeben, was das Unternehmen bisher aber nicht angekündigt hat.

Der Kurs der AMD-Aktie machte nach Bekanntwerden der Einigung an den US-Börsen einen Sprung um über 20 Prozent nach oben und gab auch in den folgenden beiden Stunden nicht mehr nach. Intels Aktie verlor in derselben Zeit nur weniger als ein Prozent.  (nie)


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