Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0911/71080.html    Veröffentlicht: 10.11.2009 11:34    Kurz-URL: https://glm.io/71080

IMHO: Scheinheiliger Jugendschutz bei Call of Duty 6

Deutsche Version vermeidet Verkaufsverbot mit Alibiänderung

Das deutsche Jugendschutzsystem für Computerspiele hat ein neues Problem: Call of Duty 6. Denn mit dem "Flughafenmassaker" setzt der Ego-Shooter die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) unter Rechtfertigungsdruck: War es richtig, dem Spiel eine Freigabe ab 18 Jahren zu erteilen?

Der Spieletest zu Call of Duty: Modern Warfare 2 mit Videotest ist online.

Die Fakten: In Call of Duty - Modern Warfare 2 richten Terroristen in einer der frühen Missionen ein Massaker unter Zivilisten auf einem Flughafen an. Langsam schreiten schwer bewaffnete Männer voran und feuern ohne jede Gnade in die Menge, Blut fließt in Strömen. Nicht nur das ist verstörend, sondern die gesamte Inszenierung des Einsatzes. Denn die kaltblütige, vom Entsetzen unberührte Art der Gewalttäter erinnert weniger an fanatische Terroristen, sondern an psychisch gestörte, in ihrer Empathie eingeschränkte Amokläufer und an die Bilder, die mit solchen Tätern weltweit in Verbindung gebracht werden.

In der international erhältlichen Version kann auch der Spieler selbst auf die Zivilisten schießen. Anders in der deutschen Fassung: Sobald er auf die wehrlosen Männer oder Frauen feuert, heißt es hierzulande "Game Over". Mit dieser Änderung hat die USK das Spiel ab 18 freigegeben. Hätte sie es ganz abgelehnt, wäre das einem weitgehenden Verkaufsstopp in Deutschland gleichgekommen.

Der Unterschied der beiden Versionen besteht also lediglich darin, dass der Spieler nicht selbst den Abzug drückt, sondern mit seinen virtuellen Terrorkameraden mitläuft und nur ab und zu einen Polizisten tötet. Dabei kann er durch sein Handeln oder Nichthandeln nichts verhindern oder ändern - die Mission ist so geskriptet, dass sie bis zu einem bestimmten Punkt immer "gelingt".

Die Altersfreigabe der USK lässt sich also etwa so übersetzen: Das passive Unterstützen eines Blutbads durch Mitlaufen ist für Erwachsene im Spiel okay. Verboten ist nur, selbst in die dem Tod geweihte Menge zu feuern. Diese Unterscheidung ist pervers.

Publisher Activision und das Entwicklerteam Infinity Ward verteidigen das virtuelle Blutbad mit den Hinweisen, dass man den Einsatz überspringen könne, und dass er die Gedankenwelt der Terroristen zeige. Beides ist Unsinn, der die Intelligenz der Zielgruppe beleidigt: Wozu dient der Level im Spiel, wenn der Spieler ihn auch einfach so auslassen kann? Es wäre albern zu erwarten, dass Spieler nicht zumindest einen Blick auf das Gemetzel werfen. Und was die terroristische Gedankenwelt angeht: Darüber erzählt das Programm schlicht nichts.

Langfristig dürfte Call of Duty 6 für das deutsche Jugendschutzsystem und übrigens auch für die Spielebranche zum Problem werden, weil sich das Flughafenmassaker künftig in jeder Reportage über sogenannte Killerspieler viel besser verwenden lässt als die bislang gängigen Szenen aus Counter-Strike. Da muss nicht einmal auf die ungeschnittene internationale Version zurückgegriffen werden, denn die in Deutschland im Laden stehende ist grausam genug.

Viele erwachsene Spieler und wohl auch jüngere, die in dieser Mission mitmachen wollen, werden sich sowieso die "uncut" Originalversion von Call of Duty: Modern Warfare 2 aus den USA oder aus Großbritannien besorgen. Bei der deutschen Fassung hat die USK mit dieser Form der Freigabe aber versagt. Es wäre konsequenter gewesen, das Programm ganz ohne das Blutbad am Flughafen freizugeben - statt mit dieser scheinheiligen Minimaländerung.

IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)  (ps)


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