Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0910/70817.html    Veröffentlicht: 29.10.2009 13:41    Kurz-URL: https://glm.io/70817

Spieletest: Torchlight - das Überraschungs-Diablo

Ex-Blizzard-North-Spieldesigner veröffentlichen Klon ihres eigenen Klassikers

Während Blizzard an Diablo 3 arbeitet, veröffentlicht ein kleines Spielestudio ohne großen Vorabrummel einen erstklassigen Diablo-Klon. Kein Wunder - denn die Macher sind die gleichen, die bei Blizzard North die legendäre Action-Rollenspielreihe miterfunden haben. Auch schön: Das Programm kostet gerade mal 15 Euro.

Torchlight (Windows-PC)
Torchlight (Windows-PC)
Wer in den Handbüchern von Diablo 1 und 2 einen Blick in die "Credits" wirft, findet ganz oben zwei Namen: Max und Erich Schaefer. Die beiden waren 1993 Mitgründer von Blizzard North, vor allem aber waren die Schaefers entscheidend an der Erfindung und Entwicklung der Diablo-Reihe beteiligt. Irgendwann hatten sie und einige Kollegen Lust auf etwas Neues und haben 2003 ein neues Studio namens Flagship gegründet. Dessen Hauptprojekt war das nur mittelprächtige Hellgate: London - und ein paar Monate nach dessen Veröffentlichung war das Unternehmen pleite. Also haben Max und Erich ein neues Entwicklerstudio gegründet. Das heißt Runic Games, und jetzt hat es Torchlight veröffentlicht - ein Actionrollenspiel, das von der Bedienung über den Suchtfaktor bis hin zur Atmosphäre an Diablo erinnert.

Wie in Diablo kämpft sich der Spieler in der Kampagne - einen Multiplayermodus gibt es nicht - durch düstere Ruinen- und Höhlengänge. Mit Axt und Schwert sowie mit Flammenkugeln, Blitzen, Energiedonnern, heraufbeschworenen Skelettarmeen und was es sonst noch an Waffen und Zaubern gibt, schnetzelt er sich durch Gegnerhorden. Das Ziel: durch Quests vorgegebene Gegenstände oder schlicht der Ausgang - so etwas wie eine Handlung gibt es zwar, sie spielt aber keine ernsthafte Rolle. Für getötete Monster und gelöste Aufgaben gibt es Erfahrungspunkte, mit denen sich regelmäßig die eigene Stärke, Beweglichkeit, Magiefähigkeit und Gesundheit ausbauen lassen. Dazu gesellen sich eine riesige Auswahl an Waffen und Rüstungen, die sich teils mit wirkungssteigernden Steinen verbessern lassen, sowie das Horten von Heil- und Manatränken.

Spieler treten mit einer von drei Klassen an: Der Destroyer entspricht im Grunde dem Barbaren, der Alchemist einem Magier und die Vanquisher einer Amazone in Diablo 2. Allerdings sind die Figuren breiter angelegt als im Vorbild - der Destroyer etwa lernt schneller und mehr Zauber, wirkt dann fast wie eine Hybridklasse. Jeder Charakter kann bei Levelaufstiegen und gelegentlich zwischendurch einen Talentbaum ausbauen, der jeweils für drei leicht unterschiedliche Varianten des Charakters steht. Dem Helden steht ein Haustier zur Seite: Wahlweise begleitet ihn ein Hund oder eine Katze, die sogar fleißig mitkämpfen.

Die Grafik wirkt deutlich bunter als in Diablo 2 und verwendet mehr Cartoonelemente - stellenweise erinnern Figuren und Umgebungen fast an den Stil in Warcraft 3. Die gesamte Welt, von der oberirdischen Stadt bis zu den über 30 teils riesigen unterirdischen Gangsystemen, wird mit der Open-Source-Engine Ogre in 3D-Grafik dargestellt; die meisten dieser Levels werden mit Hilfe eines Zufallsgenerators erstellt - sonderlich groß sind die Unterschiede allerdings nicht. Es gibt sieben Landschaftsarten, alle mit typischen Monstern. Neben kargen Steingängen gibt es grünliche Ruinen - in denen kleine Monster im Inka-Stil unterwegs sind, die ebenfalls jedem Diablo-2-Spieler bekannt vorkommen - sowie dunkelgrün schimmernde Unterwelten.

Torchlight ist derzeit nur für Windows-PC erhältlich; nach Aussagen der Entwickler ist eine Version für MacOS X bereits in Arbeit. Ob das Spiel auch für Linux kommt, ließ Runic Games offen. Das Programm läuft auch auf älteren Rechnern noch sehr gut: Runic Games nennt als Mindestvoraussetzung einen Hauptprozessor mit 800 MHz, 512 MByte RAM sowie eine Grafikkarte mit 64 MByte RAM. Auf der Festplatte belegt das Programm rund 800 MByte. Es lässt sich stark an die Hardware anpassen und unterstützt alle gängigen, auch hohen Auflösungen.

Im Optionsmenü befindet sich unter anderem eine Option namens "Netbook Mode": Wer die ankreuzt, bekommt die Grafik mit weniger Details und niedriger aufgelösten Texturen angezeigt, außerdem ist die Kamera deutlich näher an der Hauptfigur - was es zwar erschwert, weiter entfernte Gegner früh zu sehen, aber auf kleinen Bildschirmen trotzdem sinnvoll ist.

Torchlight ist nur als rund 370 MByte großer Download erhältlich. Das Programm kostet rund 20 US-Dollar - umgerechnet sind das weniger als 15 Euro. Der Kauf läuft über die offizielle Torchlight-Website, bezahlt wird wahlweise über Paypal oder Google Checkout. Im Test lief das Verfahren ohne große Schwierigkeiten: Nach Abschluss des Bezahlvorgangs bekommt der künftige Spieler einen Downloadlink sowie einen Code, den er dann nach Programmstart eingeben muss. Außerdem ist das Spiel über Steam verfügbar, kostet dort aber knapp 16 Euro. Über die gängigen Downloadseiten im Internet und über Steam ist eine spielbare Demoversion erhältlich.

Derzeit ist Torchlight nur in Englisch verfügbar - Texte spielen aber keine große Rolle, so dass sich auch Helden mit wackeligen Sprachkenntnissen problemlos bis ins Finale kloppen können. Offizielle Jugendschutzeinrichtungen wie die USK haben das Programm nicht untersucht, aber nach Einschätzung von Golem.de tragen Spieler ab etwa zwölf Jahren wahrscheinlich keine bleibenden Schäden davon.

Ein eigener Torchlight-Editor soll in Kürze folgen, wenn auch voraussichtlich nur für Windows-PCs. Die Spieler sollen mit dem "Preditor" eigene feststehende oder zufällig generierte Level, Gegenstände, Fertigkeiten, Berufsklassen, Monster und Quests erstellen können. Auch die Spielbalance lässt sich damit verändern.

Fazit:

Wer gerne an Diablo 2 zurückdenkt, den Klassiker auch jetzt noch regelmäßig spielt und sich wie ein Barbar auf Teil 3 freut, für den ist Torchlight ein Geschenk des Höllenfürsten. Das Ding spielt sich wie Diablo: flüssig, schnell, mit hohem Sucht- und noch höherem Spaßfaktor. Die paar Neuerungen täuschen nicht darüber hinweg, dass die Schaefer-Brüder schamlos bei ihrem eigenen Erfolgstitel abgekupfert haben - aber wenn den jemand kopieren darf, dann sie.

Torchlight hat ein paar Schwächen, etwa die völlig belanglose Handlung und das auf Dauer abwechslungsarme Spielprinzip - aber beides war schon in der Diablo-Reihe nie anders. Etwas schwerer wiegt die manchmal fehlende Übersicht in Kämpfen. Richtig störend ist das aber selten, weil man mit wildem Geklicke und Flächenzaubern trotzdem prima vorankommt. Es gäbe noch ein paar weitere Punkte, über die man motzen könnte - etwa die nicht ganz zu Ende gedachten Talentbäume oder die niedrige Anzahl an Helden. Aber eigentlich ginge das am Kern vorbei: Torchlight ist unterm Strich der bislang beste Diablo-Klon.  (ps)


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