Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0910/70420.html    Veröffentlicht: 13.10.2009 06:10    Kurz-URL: https://glm.io/70420

Test: Radeon HD 5770 bringt DirectX 11 in die Mittelklasse

Zwei neue Grafikkarten von AMD unter 150 Euro

Nur drei Wochen nach dem derzeit schnellsten Grafikprozessor "Cypress" auf der Radeon HD 5870 startet AMD den Verkauf der abgespeckten Mittelklassemodelle 5770 und 5750. Unter 150 Euro sollen sie DirectX-11 und geringe Leistungsaufnahme in die Mittelklasse bringen. Das geht jedoch mit deutlichen Verlusten der Spieleleistung einher.

Früher als erwartet bringt AMD mit der GPU "Juniper" den ersten Ableger der Radeon HD 5870 auf den Markt. Die bisherigen Ankündigungen des Unternehmens sahen zwar vor, dass Juniper mit seinen beiden Grafikkarten 5770 und 5750 noch vor Windows 7 erscheint, aber nicht über eine Woche vor dem ersten Betriebssystem mit DirectX-11. In aller Eile will AMD offenbar den Vorsprung vor den ersten Karten von Nvidia mit der Fermi-Architektur nutzen, die frühestens Ende 2009 erscheinen sollen.

Unter den im Einzelhandel verkauften Grafikkarten ist die Mittelklasse mit Preisen um 150 Euro laut Aussagen der Chiphersteller traditionell das Segment mit den höchsten Stückzahlen. Für den wirtschaftlichen Erfolg von AMD sind die Juniper-Karten damit sogar noch wichtiger als das Renommee, das sich aus der 5870 mit der im Moment schnellsten GPU ziehen lässt.

Dazu müssen die Karten aber kostengünstig hergestellt werden, und statt wie beim Wechsel von 4870 zu 5870 die Rechenwerke zu verdoppeln, hat die 5770 mit 800 Einheiten die gleiche Zahl an Stream-Prozessoren wie die 4870.

Salopp gesagt handelt es sich also um eine halbe 5870. Bei der 5750, die AMD zum Test noch nicht zur Verfügung stellen konnte, sind es auch nur noch 720 Stream-Prozessoren und 36 statt 40 Textureinheiten.

Beiden Juniper-Karten gemein ist der auf 128 Bit halbierte Speicherbus, es kommt jedoch weiterhin GDDR5 zum Einsatz - wenn die Kartenhersteller, insbesondere bei der 5850, nicht noch weiter sparen, die Chips können auch mit dem billigeren und langsameren GDDR3 arbeiten. Den Takt der GPU hat AMD bei der 5770 mit 850 MHz gegenüber der 5870 nicht reduziert, ihn bei der 5850 dafür aber mit 700 MHz schon deutlich gesenkt. Der Speichertakt von 1.200 MHz ist bei 5870 und 5770 gleich, bei der 5850 wurde er mit 1.150 MHz wiederum nur ein wenig reduziert.

Kein echter Nachfolger für 4770

Die Namensgebung der 5770 legt sie als Ablösung für die 4770 nahe, AMDs erste Grafikkarte mit einer GPU in 40-Nanometer-Technik, die monatelang kaum lieferbar war. Vergleichbar sind die beiden Modelle jedoch kaum, was nicht nur am Preisunterschied liegt. Die 4770 ist schon um 70 Euro erhältlich, die 5770 soll laut AMD um 140 Euro kosten, und die 5750 um 120 Euro.

Die 4770 ist zudem nur mit 512 MByte erhältlich, für die beiden neuen Modelle sind 1 GByte Speicher vorgesehen, was die Kartenhersteller durch die gefallenen Speicherpreise für GDDR wohl auch einhalten werden. Der verdoppelte Speicher bringt vor allem bei hohen Auflösungen und Verbindung mit Filterfunktionen deutliche Vorteile, in Crysis beispielsweise ist die 5770 ab 1.680 x 1.050 Pixeln doppelt so schnell wie die 4770. Die 5850 soll es aber auch mit 512 MByte geben, was aber für eine DirectX-11-Karte kaum noch sinnvoll erscheint.

Günstiger können durch die neuen Karten aber auch Spiele-PCs der Mittelklasse werden, weil die 5770 und 5750 laut AMD nur noch 18 und 16 Watt im 2D-Betrieb und maximal 108 und 86 Watt unter Last aufnehmen können. Die Messungen mit 3DMark Vantage bestätigen das, und auch der Worst-Case-Test mit FurMark treibt das Gesamtsystem mit dem sehr stromhungrigen Core i7 975 samt X58-Chipsatz nur knapp über 200 Watt.

Damit sind Spielerechner mit günstigeren Netzteilen und weniger aufwendiger Gehäusekühlung möglich, die trotzdem mit dem Marketingargument "fit für DirectX-11" beworben werden können. Mit zahlreichen DirectX-11-Titeln ist aber erst im ersten Quartal des Jahres 2010 zu rechnen, so dass erst dann abgerechnet wird, wie gut sich die kleinen Versionen von AMDs neuer Grafikgeneration mit dem neuen 3D-Interface schlagen.

Wir testen eine von AMD gestellte Radeon HD 5770 im Referenzdesign mit der zweiten Version von AMDs Betatreibern mit unserer für den Test der 5870 aktualisierten Testplattform, die auf dem Core i7 975 mit nominal 3,33 GHz auf einem Asus P6T Deluxe mit 6-GByte-DDR3-Speicher bei 1.333 MHz von Corsair und Windows Vista Ultimate in der 64-Bit-Version basiert.

Leistung der Mittelklasse, aber sehr sparsam

Im synthetischen Test des 3DMark Vantage und auch den Spieletests schlägt sich die 5770 erwartungsgemäß: Deutlich schneller als die 4770, die nur halb so viel Speicher besitzt, aber auch wesentlich langsamer als die teurere 4890. Mit unseren Einstellungen von 4x Anti-Aliasing und 8x Anisotropie erreicht die 5770 durchgehend spielbare Bildraten bis 1.680 x 1.050 Pixeln.

Der direkte Vergleich von 1.600 Stream-Prozessoren der 5870 zu den 800 der 5770 zeigt aber auch, dass Spiele nicht linear mit der theoretischen Rechenleistung skalieren, zumindest nicht beim gegenwärtigen Zustand der wenige Wochen alten Treiber. Die 5770 ist bei gleichen Takten in allen Tests nicht etwa halb so schnell wie die 5870, sondern stets deutlich fixer.

Auf dem Vista-Desktop war unser Exemplar etwas leistungshungriger als die 5870, unter Last aber viel sparsamer. Der Unterschied zwischen dem realitätsnahen 3DMark Vantage und dem GPU-Quäler FurMark fällt mit der 5770 sehr viel geringer aus als bei der 4770. Die Stromsparmechanismen greifen nun auch bei AMD voll: Im 2D-Modus läuft die GPU laut Catalyst Control Panel nur noch mit 157 MHz und der Speicher mit 300 MHz.

Fazit

Damit ist die 5770 gegenwärtig die Grafikkarte der Vernunft: sehr sparsam, für DirectX-10.1 mit allen Details und moderater Filterung schnell genug, und mit DirectX 11 gerüstet für künftige Spiele. Ob die Leistung für solche mit neuen Engines entwickelten Titel aber noch ausreicht, ist noch nicht abzusehen.

Ein Fragezeichen ist aber weiterhin bei der kontinuierlichen Verfügbarkeit zu machen. Die 5870 war zwar in den drei Wochen seit ihrem Marktstart immer wieder erhältlich und nie für mehr als einige Tage bei den deutschen Versendern knapp. Ob das aber mit vier AMD-Grafikkarten, die alle auf 40-Nanometer-GPUs aus der Fertigung von TSMC stammen, so bleibt, ist in Zweifel zu ziehen.

Sollte AMD und TSMC aber dieses Kunststück gelingen, ist Nvidia noch mehr unter Druck als bei der Vorstellung der Serie Radeon 4800. Die ohnehin inzwischen schon sehr günstige GTX-260 bietet kein DirectX-11, was noch kein Problem für Spieler darstellt. Die neuen Karten mit Fermi-Architektur müssen jetzt aber nicht nur als High-End-Modelle, sondern auch in der Mittelklasse um 150 Euro erscheinen, um AMD in allen Bereichen Paroli bieten zu können.  (nie)


Verwandte Artikel:
Erste Stückzahlen von AMDs DirectX-11-GPU "Evergreen"    
(21.07.2009, https://glm.io/68496 )
Meltdown und Spectre: NSA will nichts von Prozessor-Schwachstelle gewusst haben   
(07.01.2018, https://glm.io/131999 )
AMD startet Open-Physics-Initiative   
(30.09.2009, https://glm.io/70168 )
Hardware-Umfrage: 85 Prozent der Steam-Spieler nutzen eine Geforce   
(05.03.2018, https://glm.io/133142 )
AMDs Embedded-Pläne: Ein bisschen Wunschdenken, ein bisschen Wirklichkeit   
(23.02.2018, https://glm.io/132925 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/