Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0910/70218.html    Veröffentlicht: 02.10.2009 14:05    Kurz-URL: https://glm.io/70218

Spieletest: Risen ist eigentlich Gothic 4

Piranha Bytes' Rollenspielepos entführt in ein faszinierendes Inselreich

Düstere Fantasy, einsamer Held in begrenztem Gebiet, mehrere Fraktionen und derbe Sprache: alles Elemente, mit denen die Gothic-Reihe zum Erfolg wurde. Jetzt veröffentlichen deren Macher Piranha Bytes ihr neues Werk. Es erinnert in fast allem an die alten Spiele - nur ohne Bugs.

Risen (PC, Xbox 360)
Risen (PC, Xbox 360)
Ein Schiffsunglück, ein Strand - und schon steht die Hauptfigur auf einer Insel. Das Rollenspiel Risen verzichtet auf langen Vorlauf und versetzt seine Hauptfigur mitten in eine Welt, hinter deren Geheimnisse der Held gemeinsam mit dem Spieler erst nach und nach kommt. Als da wären: ein übermächtiger Inquisitor als wichtigste menschliche Macht, drei Fraktionen mit jeweils eigenen Wohngebieten. Jede Menge raubeinige und glaubwürdige Figuren, vom witzereißenden Ordensbruder über die Bordellchefin bis hin zum haschischrauchenden Arbeitervorsteher. Das klingt vertraut? Ist es auch, denn obwohl auf der Verpackung von Piranha Bytes' neuem Werk "Risen" steht, riecht und schmeckt alles nach Gothic. Doch weil das Entwicklerteam aus Essen die Namensrechte daran nicht mehr besitzt, hat es sich zum neuen Namen entschlossen.

Der Spieler steuert einen vorgegebenen namenlosen Helden - ein System zur Charaktergenerierung gibt es nicht. Erst im Handlungsverlauf kann der Spieler sein Alter Ego nach seinen eigenen Vorstellungen auf zwei grundlegende Arten formen: Wenn er sich etwa den Banditen im Sumpflager anschließt, lernt er dort den Umgang mit Schwert und Armbrust und entwickelt sich zum Kämpfer. Wer hingegen der Inquisition in die Hände fällt, wird zwangsweise am Kampfstab ausgebildet und erlernt Magie; Banditen können Zauber per Spruchrolle ausführen. Das Charaktersystem ist unkompliziert und erinnert ebenfalls an Gothic: Lebens- und Manapunkte steigen bei Levelaufstiegen automatisch, zusätzliche Lernpunkte darf der Spieler bei Trainern in Fähigkeiten seiner Wahl investieren, etwa für bessere Bogenkampf- oder Diebstahlkenntnisse.

Drei große Orte gibt es in Risen, neben dem neblig-grünen Sumpf und der düsteren Inquisitionsburg noch eine helle Hafenstadt im Südosten der Insel. Dazwischen liegen neben viel Wald ein paar Bauerndörfer, Tempelruinen und Höhlen, in denen selbstverständlich jede Menge Abenteuer warten. Welchen Ort der Spieler aufsucht und in welche Richtung er seinen Charakter ausbaut, bleibt ihm selbst überlassen. Auch mit Ratschlägen hält sich das Programm zurück: Es empfiehlt sich, kurz nach dem Start mit einem Savegame in der Mitte der Insel zur Sicherheit einen Abstecher in jede der Karrieren zu wagen; dem noch übermächtigen Getier kann man problemlos rennend entkommen. Nach einer gewissen Zeit münden die drei Hauptwege dann aber wieder in einen zentralen Handlungsweg, der zum Finale führt.

In den ersten zehn bis 15 Stunden ist der Spieler an seinem jeweiligen Ort damit beschäftigt, eine Vielzahl von Haupt- und Nebenquests zu absolvieren. Er muss einem mysteriösen Seefahrer auf die Spur kommen, hat immer wieder mit drei tollpatschigen Archäologenbrüdern zu tun, klärt Verbrechen auf und kommt Schmugglern auf die Spur. Viele Missionen bestehen vor allem aus Gesprächen mit NPCs, in denen der Spieler meist alle Multiple-Choice-Optionen abarbeiten muss. Aber nicht immer: Gelegentlich hat er auch die Möglichkeit, ausschließlich bestimmte Informationen weiterzugeben und so Intrigen zu spinnen; echte Auswirkungen auf die Handlung hat das aber nur selten.

Ab und an sind aber, etwa nach einer nächtlichen Verbrecherverfolgung durch die Hafenstadt, auch kriegerische Auseinandersetzungen nötig. Das Kampfsystem setzt ähnlich wie in den "Vorgängern" auf unkomplizierte Action. Per linken Mausklick schlägt der Held etwa mit dem Schwert zu, mit der rechten Taste blockiert er einen Angriff des Gegners. Wer seine Fähigkeiten ausbaut, lernt zusätzlich ein paar weitere Schlagvarianten, die aber allesamt nicht sonderlich kompliziert sind. Das System funktioniert gut - nur anfangs haben wir uns gelegentlich geärgert, weil beispielsweise Wildtiere zu leicht Schaden anrichten, und das mit etwas Pech tödlich endet.

Die Entwickler setzen für Risen als minimale Hardware einen Rechner mit Windows XP oder Vista sowie einer CPU mit 2,0 GHz und unter XP 1 sowie unter Vista 2 GByte RAM voraus. Die Grafikkarte muss DirectX 9.1 beherrschen, Pixel Shader 3.0 unterstützen und über 256 MByte RAM verfügen - Piranha Bytes empfiehlt etwa eine Geforce 7900 oder eine ATI 1800. Damit lässt sich das Programm schon sehr ordentlich spielen, allerdings nicht mit allen Details wie Schatten und hochdetaillierten Effekten. Dafür benötigen Spieler eine CPU der 3.0-GHz-Dual-Core-Klasse und eine Grafikkarte mit 512 MByte RAM - etwa eine Geforce 8800 oder eine ATI Radeon HD 2900. Die ressourcenfressende Option "Tiefenunschärfe" haben wir generell deaktiviert - sie soll den räumlichen Eindruck verbessern, wirkt aber seltsam unnatürlich. Auf der Festplatte belegt das Programm rund 2,5 GByte. Der Publisher hat eine rund 1,1 GByte große, spielbare Demo veröffentlicht.

Den Spielstand speichert Risen automatisch, außerdem darf der Spieler Quicksave und -load verwenden und auch richtige Savegames mit Namen anlegen. Zum Spielstart muss die DVD im Laufwerk liegen, die durch ein Kopierschutzsystem von Tagès vor der Duplizierung geschützt ist. Auf weitergehende DRM-Maßnahmen haben die Entwickler verzichtet - nicht einmal die Eingabe eines Codes bei der Installation ist nötig.

Risen kostet rund 40 Euro, eine Sammleredition mit ein paar Extras ist für rund 60 Euro erhältlich. Neben der PC-Fassung erscheint gleichzeitig eine Version für Xbox 360, die inhaltlich identisch sein soll - uns lag die Konsolenversion zum Test nicht vor. Die USK hat das Programm auf beiden Plattformen ab zwölf Jahren freigegeben.

Fazit

Wer Gothic mochte, kann bedenkenlos zu Risen greifen: Das jüngste Rollenspiel von Piranha Bytes ähnelt den alten Werken sowohl in inhaltlichen Details als auch in der Atmosphäre. Stellenweise ist es fast schon zu ähnlich, richtig frisch fühlt sich Risen nicht an und aufregende neue Ideen sind Mangelware. Wer sich auf das vertraut wirkende Szenario und die Welt einlässt, kann aber erneut in eine Handlung eintauchen, die vor allem von den interessanten Figuren und deren Beziehungsgeflechten lebt. Stellenweise fühlt es sich fast wie in einem Adventure an, wenn die Hauptfigur Lügengeschichten enttarnt, Morde aufklärt oder zwischen Streithähnen vermittelt.

Das Rollenspielsystem ist gelungen, aber für Kenner von Gothic nicht weiter aufregend. Die Kämpfe sorgen ebenfalls nur am Anfang für einen beschleunigten Puls. Allerdings nicht nur auf positive Art, denn in den ersten paar Stunden kann der Held mit etwas Pech selbst gegen ein harmloses Insekt verlieren. Gegen Ende geht es dann oft etwas zu einfach zu. Ein Lob geht an die Qualitätssicherung: Während Gothic 3 nach Erscheinen wegen Programmfehlern unspielbar war, sind uns in Risen tatsächlich keine nennenswerten Bugs aufgefallen.  (ps)


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