Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0909/70021.html    Veröffentlicht: 23.09.2009 16:26    Kurz-URL: https://glm.io/70021

Britische Musiker streiten erbittert über Filesharer

Musiker mit "Stockholm-Syndrom"?

Wie soll man mit Filesharern umgehen? Soll man ihnen den Internetzugang sperren oder lieber Fans und Kunden nicht verärgern? Britische Musiker sind da ganz und gar nicht einer Meinung.

Lily Allen gegen Nick Mason, James Blunt gegen Ed O'Brien und Tinchy Stryder gegen Billy Bragg. So etwa verlaufen die Fronten in den aktuellen Wortgefechten britischer Musiker. Im Mittelpunkt des Streits steht die Frage nach dem Umgang mit notorischen Filesharern, die ihre Musik lieber saugen statt kaufen. Ja, sagen die einen; nein, meinen die anderen. Die anderen, das sind in erster Linie die Mitglieder der Featured Artists' Coalition (FAC).

Die in der FAC zusammengeschlossenen Musiker, zu denen neben Radiohead-Gitarrist Ed O'Brien, Pink-Floyd-Drummer Nick Mason und Sänger Billy Bragg auch Tom Jones und Robbie Williams gehören, hatten den britischen Wirtschaftsminister Peter Mandelson vor zwei Wochen scharf angegriffen. Sie kritisierten seine Pläne, in Großbritannien Internetsperren nach französischem Vorbild einzuführen. Mandelson hatte entsprechende Absichten nach einem Urlaub beim Medienunternehmer und Dreamworks-Mitbegründer David Geffen verkündet.

Jüngere Musiker wie Lily Allen, James Blunt oder Tinchy Stryder schlugen sich hingegen auf die Seite von Mandelson. Ihrer Meinung nach bringen die Filesharer hart arbeitende Musiker um den verdienten Lohn und bedrohen den Nachwuchs in seiner Existenz.

Taxigeschichten als Argument

Um ihre Positionen in der Öffentlichkeit zu vertreten, setzt Lily Allen auf das Web. In einem eigenen Blog berichtet sie täglich über ihren persönlichen Kampf gegen das illegale Downloadwesen. Ihre Berichte gipfelten am Montag in der folgenden - nach ihren Aussagen wahren - Geschichte von Prefab-Sprout-Musiker Paddy McAloon:

"Letzte Woche fuhr ich mit dem Taxi zu einem Interview in Durham. Der Fahrer erzählte mir, dass er Musik illegal herunterlädt. Er mache das aber nur in kleinem Umfang und deshalb sei es okay. Als wir am Ziel waren, bezahlte ich ihm nur drei Viertel des Fahrpreises und sagte zu ihm: 'Jetzt wissen Sie, wie Ihre Handlungen mich persönlich betreffen.'" Wie der Taxifahrer darauf reagierte, teilte Lily Allen nicht mit.

Bei den Mitgliedern der FAC diagnostizierte McAloon das "Stockholm-Syndrom, bei dem die Geiseln sich mit den Terroristen verbünden".

Allens Mitkämpfer, der Rapper Tinchy Stryder, bläst in seinem Blog unter dem Abbild eines Totenschädels mit gekreuzten Knochen ins selbe Horn:

"Im Grunde geht es darum, dass gewisse ältere, etablierte und sehr, sehr reiche Musiker/Künstler, die MILLIONEN mit CD-Verkäufen verdient haben, bevor es mit der Piraterie und dem Internet losging und die heute regelmäßig ausverkaufte Tourneen veranstalten..., behauptet haben, dass Filesharing (Piraterie) KEIN Problem für das Musikgeschäft darstellt (jedenfalls nicht für sie!)."

Künstler bezahlen

Billy Bragg, Vorstandsmitglied bei der FAC, bemüht sich derweil, die Wogen zu glätten. Die BBC zitiert Bragg mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass die FAC ganz andere Auffassungen vertritt als Lily Allen, abgesehen von ihrem Vorwurf, dass wir für Filesharing wären. Das sind wir nicht, wir sind gegen Filesharing. Wir glauben, dass immer dann, wenn die Musik eines Künstlers von den Leuten verbreitet und genutzt wird, die Künstler dafür bezahlt werden sollten."

Und Keane-Keyboarder Tim Rice-Oxley rief die Musiker dazu auf, sich nicht spalten zu lassen: "Andernfalls werden wir Musiker in alter 'Teile-und-herrsche-Manier' von den Internetprovidern, den Labels und der Regierung gemeinsam über den Tisch gezogen werden." [von Robert A. Gehring]  (md)


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