Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0909/69817.html    Veröffentlicht: 16.09.2009 12:10    Kurz-URL: https://glm.io/69817

"... und alle Hausarbeit ist von Robotern gemacht"

Ein Gespräch mit iRobot-Chef Colin Angle

Zwei Verkaufsschlager hat das Unternehmen iRobot: den Staubsaugerroboter Roomba und den militärischen Roboter Packbot. IRobot-Chef Colin Angle sprach mit Golem.de über kleine und große, coole und sinnvolle Roboter sowie über eine Zukunft ohne Wäschefalten.

Der US-Roboterhersteller iRobot ist vor allem für seine Haushaltsroboter bekannt und hat gerade auf der IFA spezielle Modelle des erfolgreichen Staubsaugerroboters Roomba für den deutschen Markt präsentiert. Doch Haushaltsroboter machen nur einen Teil des Geschäfts des Unternehmens aus. Der andere Teil sind Roboter für das Militär. Kürzlich erhielt das Unternehmen einen großen Auftrag der US-Armee: Es soll 500 Roboter vom Typ Packbot 510 FasTac liefern, der zum Entschärfen von Bomben eingesetzt wird.

IRobot-Mitbegründer und Chef Colin Angle legt Wert darauf, dass die militärischen Roboter des Unternehmens nicht bewaffnet sind: "Ich bin fest davon überzeugt, dass Roboter nicht schlau genug sind, um Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen. Deshalb werden alle von uns gebauten militärischen Roboter immer von einem Menschen kontrolliert", sagte er im Gespräch mit Golem.de.

Wenn ein Roboter mit gefährlichen Gerätschaften ausgerüstet werde, müsse ein Mensch die Kontrolle übernehmen. Eine Wasserkanone zum Entschärfen von Sprengsätzen etwa schießt einen Wasserstrahl mit so hohem Druck ab, dass er Metall durchschlagen kann. Eingesetzt wird sie, um Bomben unschädlich zu machen. Daher kann das gefährliche Gerät nur von einem Menschen aktiviert werden.

Stolz auf den lebensrettenden Roboter

Auf den bombenentschärfenden Packbot ist Angle besonders stolz. "Er entstand aus der Überlegung: Warum müssen wir einen Menschen schicken, um eine Bombe zu entschärfen? Warum schicken wir nicht lieber einen Roboter hin?" Laut Angle sind derzeit rund 2.500 Packbots im Irak und Afghanistan im Einsatz, wo sie helfen, Menschenleben zu retten.



Colin Angle (Foto: wp)
Colin Angle (Foto: wp)
Angles persönlicher Liebling aber ist der Staubsaugerroboter Roomba. Er war "der erste praktisch nutzbare Roboter für den Massenmarkt überhaupt - und er hat den Traum erfüllt, um den herum wir das Unternehmen gegründet hatten", erklärt er.

Seit knapp 20 Jahren ist iRobot im Geschäft. Angle gründete das Unternehmen 1990 mit seiner Kommilitonin Helen Greiner und Rodney Brooks, der damals Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) war. "Ich habe schon an der Universität an Robotern gearbeitet, und ich war frustriert, dass es trotz aller Bemühungen keinen praktisch einsetzbaren Roboter gegeben hat. Das wollte ich ändern", beschreibt er seine Motivation.

Sinnvolle Anwendung statt cooler Prototyp

Roboter begeisterten Menschen zwar und regten ihre Fantasie an, doch das sei keine Basis für ein tragendes Geschäftsmodell. "Wir mussten lernen, zuverlässige und günstige Roboter zu bauen. Und wir mussten lernen, welche Anwendungen eines Roboters so sinnvoll sind, dass wir den Wechsel von einem coolen Unternehmen, das tolle Prototypen baut, zu einem profitablen Unternehmen schaffen." Das dauerte immerhin zwölf Jahre. 2002 kamen die Erfolgsmodelle Packbot und der Roomba auf den Markt, das war der Durchbruch.

Der Erfolgsfaktor sei klar, so Angle: "Schauen wir einfach an, was wir alles tun müssen, um unseren Haushalt in Ordnung zu halten, und wie wenig wir das leiden können. Aufgaben, die wir oft erledigen müssen und die wir nicht mögen, eignen sich gut dafür, dass sie künftig Roboter erledigen." Da passe der Roomba genau ins Muster. Außerdem gibt es da noch Scooba, der den Fußboden putzt und etwa Looj, der aussieht wie ein kleiner Panzer und Regenrinnen von Schmutz und Laub befreit.

Roboter bleibt Roboter

Technisch sei die Entwicklung der Roboter nicht sehr verschieden, sagt Angle. Bei der Entwicklung des Looj habe man auf Mechanismen des Bewegungssystems des Packbots zurückgegriffen. "Hier haben wir Militärtechnik für ein Produkt für den Massenmarkt eingesetzt. Auf der anderen Seite setzen wir Technik von den Heimrobotern bei der Entwicklung eines neuen kleinen und leichten Militärroboters ein." Zwar handle es sich um sehr unterschiedliche Geschäftsbereiche, aber ein Roboter bleibe eben ein Roboter.

Mit den praktischen Anwendungen hat sich für iRobot auch der wirtschaftliche Erfolg eingestellt: "In den ersten zwölf Jahren haben wir es gerade mal geschafft, den Ertrag von 1 Million US-Dollar im Jahr 1990 auf 10 Millionen im Jahr 2002 zu steigern", berichtet Angle. Im aktuellen Geschäftsjahr erwarte iRobot einen Ertrag zwischen 295 und 305 Millionen US-Dollar.

Roboter für die Pflege

Künftig, glaubt Angle, werden Roboter auch im Gesundheits- und Pflegebereich zum Einsatz kommen. "Unsere Gesellschaften überaltern, und die Kosten für die Pflege in Heimen oder Krankenhäusern belasten die Wirtschaft schwer." Roboter könnten die Wohnung in Ordnung halten und bei der medizinischen Versorgung helfen. Ärzte könnten über den Roboter regelmäßig oder bei Bedarf Kontakt mit einem Patienten aufnehmen, so Angles Zukunftsvision. "Der Nutzer kann also zu Hause wohnen bleiben, bekommt trotzdem Besuch vom Arzt, wenn er ihn braucht und muss sich nicht um den Haushalt kümmern. Dafür wird es eine neue Art von Robotern geben."

Falsche Erwartungen

Andere Visionen hält Angle hingegen für problematisch. So habe Hollywood hohe Erwartungen an Roboter geweckt, die nie existieren werden, weil sie sich über die Gesetze der Physik hinwegsetzen oder weil sie genauso intelligent sind wie Menschen - "wovon wir wirklich noch sehr weit entfernt sind." Das sei nicht hilfreich gewesen. "Stattdessen bieten wir ein kleines rundes Gerät an, und die Leute fragen sich, wie das funktionieren kann und warum es gerade jetzt kommt". Die Roboterhersteller stünden nun vor der Aufgabe, die Käufer davon zu überzeugen, "dass die Technik real ist, dass sie funktioniert und zuverlässig ist." Und dass sie sie nicht terminieren wird? "Ja, klar. Das auch", lacht er.

Eine Flotte spezialisierter Roboter

Ebenso wenig hilfreich sei die unrealistische Vorstellung, es werde eines Tages robotische Dienstmädchen geben, die wie Menschen aussehen und den Haushalt führen. "Es gibt Probleme mit Robotern, die alles können sollen. Vor allem werden sie groß. Und wenn sie groß sind, haben sie Schwierigkeiten, unter dem Tisch oder unter der Couch sauberzumachen. Ein Staubsaugerroboter sollte also nur so groß sein, wie er unbedingt sein muss. Will ich hingegen einen Roboter, mit dem ich mich unterhalten kann, dann sollte er so groß sein, dass ich ihn anschauen kann, dass ich seinen Bildschirm ablesen kann. Mit einem Menschen spreche ich auch lieber von Angesicht zu Angesicht als mit seinen Schuhen."

Künftig, davon ist Angle überzeugt, werden wir deshalb über eine Flotte spezialisierter Roboter verfügen. "Bei der Entwicklung von Robotern sollten wir immer an die Aufgabe denken, für die er gedacht ist, und nicht mehr hinzufügen als nötig. Sonst wird der Roboter zu teuer und auch weniger zuverlässig."

Da es viele dröge Haushaltsarbeiten gibt, wird iRobot weiter gute Geschäfte machen. Die Richtung gibt der Chef vor: "Ich wünsche mir einen Roboter, der meine Wäsche faltet - das tue ich nämlich nicht gern. Ich möchte nach Hause kommen - und alle Hausarbeit ist von Robotern gemacht."  (wp)


Verwandte Artikel:
Neue Roboter für die US-Armee   
(02.09.2009, https://glm.io/69531 )
Roboter revolutionieren den Krieg des 21. Jahrhunderts   
(30.04.2009, https://glm.io/66821 )
Roboter reagiert auf Handzeichen   
(13.03.2009, https://glm.io/65900 )
Roboterstaubsauger: Roomba saugt neben Staub auch Daten   
(26.07.2017, https://glm.io/129120 )
Roomba-Staubsaugerroboter werden günstiger (Update)   
(27.08.2009, https://glm.io/69367 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/