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Moorhuhnmacher: "Ist die Republik nicht mehr ganz dicht?"

Tom Putzki von der Phenomedia AG über Moorhühner und die Zukunft

Auf der von der Games Academy veranstalteten Diskussionsrunde "Goldgräberstimmung am Joystick?" äußerte sich Tom Putzki, Marketing & Kommunikationschef der Phenomedia AG, zu den zukünftigen Plänen der Moorhuhn-Entwickler und den nötigen Voraussetzungen, um der Spieleentwicklung auch in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen.

Tom Putzki v. Phenomedia
Tom Putzki v. Phenomedia
Die Phenomedia AG, die als erster deutscher Spieleentwickler im November letzten Jahres an die Börse ging, vereint unter ihrem Dach unter anderem die Unternehmen Art Department, Entwickler von Werbespielen und Schöpfer des Moorhuhns, und Greenwood Entertainment, Entwickler von Spielen wie der Planer und Ran Trainer. Über diese ist man zudem an den kürzlich gegründeten Charakter- und Contententwickler Daywalker sowie am mittlerweile größten deutschen Lokalisierugsunternehmen Effective Media und dem Online-Unternehmen Better Day beteiligt.

Das Moorhuhnspiel, das die Phenomedia AG einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, werde laut Putzki noch einige Veröffentlichungen nach sich ziehen. So wird es, wie bereits bekannt, einen zweiten Teil und eine Online-Variante des Federvieh-Shooters geben. Zudem soll das Merchandising in großen Umfang angegangen werden. Dazu gehöre auch die Veröffentlichung einer Single von Wigald Boning, auf der er ein Duett mit dem Huhn singt.

Thema Moorhuhn-Hype
Thema Moorhuhn-Hype
Geplant sei der Erfolg des Moorhuhns in dieser Form nicht gewesen, vielmehr sei man selbst vom Erfolg überrascht worden. "Manchmal fragt man sich schon, ob die Republik nicht mehr ganz dicht ist, wenn man sieht, was für ein Hype um dieses Spiel entstanden ist", so Putzki. Positiver Nebeneffekt dabei sei, dass sich nun viele Unternehmen ebenfalls für den Werbespielemarkt interessieren. Putzki nannte zwar keine Namen, sagte aber, "dass da Unternehmen auf uns zukommen, von denen wir früher nicht mal zu träumen gewagt hätten."

Dieser Erfolg könnte auch dazu beitragen, dass Computerspiele endgültig die "Schmuddelecke" verlassen, in die sie von vielen immer noch gedrängt werden. "Bisher war es doch immer so, dass Spieleentwicklung ein wirkliches Imageproblem hatte. Wenn die Leute nun zusätzlich zu Minesweeper und Solitär jetzt auch das Moorhuhn spielen, verhilft das der ganzen Branche zu mehr Anerkennung."

Akzeptanzprobleme
Akzeptanzprobleme
Insbesondere bei der Finanzierung von StartUps werde diese Akzeptanz auch dringend benötigt. Laut Putzkis Aussage habe Phenomedia bzw. damals noch Piranha Bytes alles versucht, um in den Genuss eines Förderprogrammes oder sonstiger Unterstützung zu gelangen, sei aber überall nur auf taube Ohren gestoßen. "Wenn Du außer einem Büro mit fünf Rechnern keine Sicherheiten hast und dein Endprodukt sich auf einer goldenen Scheibe befindet, wirst Du kaum jemanden finden, der bereit ist, Dir Geld zu geben."

Sparkasse & Start-Ups
Sparkasse & Start-Ups
Auch bei den Banken sehe die Situation ähnlich aus. "Wir wollten damals von der Sparkasse Bochum-Wattenscheid einen Betrag von 100.000,- DM erhalten. Diesen Betrag haben wir auch bekommen, allerdings nur als Überziehungskredit. Im Gegenzug durften wir 90.000,- DM auf ein Sperrkonto einzahlen, und zusätzlich musste jeder von den vier damaligen Gründern eine Bürgschaft über den vollen Betrag übernehmen." Da sei die Genugtuung natürlich groß gewesen, als man kürzlich der Sparkasse die aktuellen Zahlen zeigen und ihr demonstrieren konnte, was man sich dort hat entgehen lassen.

Der Börsengang habe der Phenomedia AG über 54 Millionen DM eingebracht, was große Vorteile, aber auch eine hohe Verantwortung mit sich bringe. "Die Anleger wollen nicht, dass wir das Geld auf einem Girokonto mit niedriger Rendite ruhen lassen, sondern wollen zusätzliche Erfolge. Wir sind zum Wachstum verdammt". Das bringe auch zusätzliche Anforderungen an die Mitarbeiter und den Teamspirit mit sich. "Wenn jemand jeden Tag um 9 Uhr kommt und um 17 Uhr geht, funktioniert das auf Dauer nicht. Das hier ist nun mal ein Job, wo Einsatz und Herzblut benötigt wird."  (tw)


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