Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0909/69777.html    Veröffentlicht: 24.09.2009 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/69777

Test: Windows 7 Multitouch - inkonsequent umgesetzt

Hersteller müssen eigene Multitouch-Oberflächen bauen

Windows 7 bringt eine große Neuerung, die das Arbeiten verändern kann: Multitouch-Unterstützung. Golem.de hat sich Multitouch unter Windows 7 angeschaut. Die Bedienung des Betriebssystems mit mehreren Fingern steht aber noch am Anfang. Schuld daran sind weder die Hardware- noch die Treiberhersteller, sondern Microsoft selbst.

Die direkte Unterstützung einer Mehrfingerbedienung durch Windows 7 ist nicht nur für Microsoft eine große Neuerung. Auch die Hardwarehersteller versuchen davon zu profitieren und zeigten auf der IFA 2009 multitouchtaugliche Geräte - meist in Form eines All-in-One-PCs oder als Tablet-PC. Zu den Anbietern, die sich viel von Windows 7 und Multitouch erhoffen, zählen Acer, Dell, Fujitsu, HP, Lenovo, Medion und MSI. Die Technik in den Multitouchscreens stammt unter anderem von Wacom, Next Window und N-Trig. Während Wacom und N-Trig mit einer kapazitiven Fingererkennung arbeiten, setzt Next Window auf eine optische Erkennung der Finger.

Multitouch und die Treiber

Golem.de konnte Multitouch unter Windows 7 mit einem von Dell zur Verfügung gestellten Latitude XT2 testen. Dazu wurden auf dem Tablet-PC die fertige Version von Windows 7 und verschiedene Multitouch-Treiber installiert. Zwar wird das N-Trig Duo-Sense-Panel im XT2 auch ohne Treiber als multitouchtauglich mit zehn Touchpunkten erkannt, doch kann das Betriebssystem dann nichts damit anfangen und erlaubt nur eine Ein-Finger-Bedienung. Das ist erstaunlich, immerhin ist diese Touchscreentechnik schon seit Anfang 2008 auf dem Markt.

Erst mit den Treibern des Herstellers konnte Multitouch auf dem Gerät aktiviert werden. Von den Treibern gibt es derzeit zwei verschiedene. Der offizielle Treiber von Dell erlaubt die Nutzung von zwei Fingern. N-Trigs eigener Treiber liegt als Betaversion vor, kann sogar vier Finger erkennen und besitzt zusätzlich den Auto-Modus. Er ermöglicht es dem Nutzer, frei zwischen Stift- und Fingerbedienung zu wechseln.

Der N-Trig-Treiber ist vor allem interessant, wenn Text über die virtuelle Tastatur eingegeben wird und wenn Aufgaben erledigt werden, bei denen zwei Nutzer gleichzeitig auf dem Display arbeiten. Der Betastatus ist dem Treiber zwar noch anzumerken, er wurde aber wegen der besseren Multitouchumsetzung dennoch hauptsächlich für den Test verwendet.

Was gut funktioniert

Auf der virtuellen Tastatur von Windows 7 tippt es sich erstaunlich gut mit Multitouch. Zwar muss auf dem kleinen Tablet-PC die Tastatur etwas vergrößert dargestellt werden, Tastenkombinationen oder das gleichzeitige Drücken der Shift-Taste beim Schreiben gehen aber dennoch flott von der Hand. Wer also einen All-in-One-Rechner kauft und die Tastatur verlegt, kann durchaus mit dem System arbeiten.

Gut funktioniert auch das Zeichnen mit dem Malprogramm Paint - zumindest aus technischer Sicht. Paint ist eine der wenigen Anwendungen im Lieferumfang von Windows 7, die für Multitouch vorbereitet wurden. Außerdem hat Microsoft eine vereinfachte Form des Aufrufs des Kontextmenüs integriert. Mit einem Finger musste früher so lange auf den Bildschirm gedrückt werden, bis ein Kontextmenü auftauchte. Mit Multitouch reicht es, zunächst einen Finger aufzulegen und dann einen zweiten dazu - schon öffnet sich das Kontextmenü.

Inkonsequent umgesetzte Fingerbedienung

Wer unter Windows mit den Fingern arbeiten will, macht dies in den meisten Fällen mit nur einem einzigen Finger. Die Zoom-Geste, bei der die Finger gespreizt oder zusammengeführt werden, und die Drehgeste, bei der der Bildschirminhalt gedreht wird, sind nur selten genutzte Gesten, die obendrein ohne Animationen auskommen müssen. Wer ein Bild dreht, dreht das Bild nicht etwa Stück für Stück, sondern lediglich in 90-Grad-Stufen. Es gibt also deutlich weniger Rückmeldung von der Anwendung, als es wünschenswert wäre. Das gilt auch für die Zoom-Geste. Hier ruckelt das Geschehen eher, als dass der Bildschirminhalt sanft vergrößert würde.

Zum Scrollen oder Bewegen von Bildinhalten wird nur ein Finger genutzt. Die Bedienung unterscheidet sich dabei von der traditionellen Maus- oder Stiftsteuerung. In einigen Fällen hat Microsoft die Fingerbedienung um sinnvolle Möglichkeiten erweitert, diese Erweiterung aber nicht für andere Bedienmöglichkeiten freigeschaltet. Ein Beispiel für diese inkonsistente Bedienung findet sich im Media Center von Windows 7. Mit dem Finger kann der Anwender einfach über die Bilderleiste streifen, sie nachlaufen lassen und so leicht durch Inhalte stöbern. Ist der Finger weg, bewegt sich der Inhalt noch ein wenig weiter, als würde er von einem Schwungrad angetrieben.

Benachteiligter Stift

Benutzt der Anwender hingegen den Stift eines Tablet-PCs, was letztendlich einer Ein-Finger-Bedienung entspricht, gibt es dieses Nachlaufen von Inhalten nicht. Der Stiftnutzer muss präzise Steuerschaltflächen treffen. Das gilt auch für die Nutzung der Maus. Dabei wäre gerade ein Betriebssystemaufsatz wie das Media Center der ideale Ort, um neue Bedienmöglichkeiten auch abseits der Fingerbedienung möglich zu machen.

Wie es eigentlich gemacht werden sollte, zeigt Google Earth seit langem. Hier unterscheidet die Bedienoberfläche nicht zwischen verschiedenen Ein-Punkt-Eingabegeräten. Ob der Nutzer die Erdkugel nun mit der Maus, dem Stift, einem Touchpad, einem Trackstick oder dem Finger anstößt: In allen Fällen wird die Erdkugel nachgezogen und läuft mit Schwung auch etwas nach. Microsoft hat sich leider entschieden, es anders zu machen.

Beim Internet Explorer 8 gibt es dieses Nachlaufen also nur bei der Fingerbedienung. Bei einer Mausbenutzung wäre es tatsächlich irritierend, wenn der Bildinhalt bewegt werden könnte, indem er mitgezogen wird. Bei der Stiftbedienung vermisst der Anwender es aber. Der Fingernutzer kann einfach eine leere Stelle greifen und so scrollen, der Stiftnutzer nicht. Ein Nachlaufen des Bildinhalts gibt es auch bei der Stiftverwendung nicht. Wer den Bildschirm mit einem Stift berührt, hat also Nachteile gegenüber der Fingerberührung. Der Stiftnutzer muss die Scrollleiste treffen, der Fingernutzer kann darauf verzichten. Zumindest in der Theorie.

Nachteile des Ein-Finger-Scrollens

In der Praxis hat Microsofts Entscheidung, Scrollen mit einem Finger zu ermöglichen, auch Nachteile. Das Scrollen versagt etwa bei einigen Webseiten, die mit Tabellen arbeiten. Die Schwierigkeit für das Betriebssystem liegt darin, zu erkennen, ob der Nutzer mit dem einen Finger Text auswählen oder scrollen möchte. Und genau hier kommt Windows 7 häufig durcheinander. Zwei-Finger-Scrolling wäre die bessere Alternative gewesen und von Betriebssystemseite auch leichter in der Erkennung gewesen. N-Trig hat dies unter Windows Vista daher genau so mit einem alten Treiber umgesetzt: Multitouch-Scrolling.

Auf Systemen mit Windows 7 muss dann doch wieder die Scrollleiste bemüht werden. Und im Falle von N-Trig-Paneln sogar häufiger, als es noch unter Windows Vista notwendig war. Die Leisten mit dem Finger zu treffen, ist aber selbst mit der Vergrößerung der Schaltflächen nicht so einfach. So gibt es etwa noch immer keine Trefferzonen für wichtige Systemelemente wie Schieberegler, Schaltflächen oder die besagten Scrollbalken.

Ein besonderes Negativbeispiel ist dabei die Multitouch-Anwendung Paint. Wer den Bildbereich vergrößern oder verkleinern möchte, muss ein Quadrat treffen, das nur wenige Pixel Kantenlänge hat. In unseren Tests gelang es zu 10 bis 20 Prozent, dieses Quadrat zu treffen. In den restlichen Fällen malt der Nutzer ungewollt auf der Fläche herum. Es fehlt eine künstliche Intelligenz des Systems, die versucht zu erahnen, was der Nutzer tun will. Das Ergebnis ist, dass der Anwender doch wieder zur Maus greift.

Unzureichende Handflächenerkennung

In einem weiteren Bereich, der ausschließlich Tablet-PC-Nutzer betrifft, hat Microsoft praktisch nichts getan: Die schlechte Handflächenerkennung stört immer noch. Sie beschränkt sich auf reines Erkennen des Stiftes in der Nähe des Displays. Liegt der Handballen zuerst auf dem Display und der Stift kommt danach in die Reichweite des Feldes, malt der Nutzer zunächst mit dem Handballen, das nennt sich auch Vectoring.

Hier wird Multitouch sogar zum Nachteil, denn der Nutzer malt jetzt gegebenenfalls an mehreren Stellen gleichzeitig, was natürlich nicht gewollt ist. Besonders unangenehm ist es, wenn der Anwender unvermittelt mit der Handfläche auf dem Bildschirm ruht. N-Trig umgeht diese Schwäche aber geschickt mit dem Auto-Modus, der das Panel erst nach einem doppelten Fingertippen für die Fingerbedienung freischaltet. Besser wäre es, wenn das Betriebssystem diese Aufgabe übernehmen würde.

Zu wenig Multitouch-Anwendungen

Demotivierend ist außerdem, dass nur wenige Anwendungen auf Multitouch vorbereitet wurden. Microsofts Journal etwa kann damit gar nichts anfangen. Schlampig ist zudem die Multitouch-Umsetzung in der Fotoanzeige. Das Drehen von Bildern funktioniert nicht immer. Und es fehlen Animationen, die verdeutlichen, ob der Nutzer Bilder rotiert oder sich vorwärts oder rückwärts bewegt. Das ist insbesondere ärgerlich, wenn die Flicks-Gesten benutzt werden, die schon seit Windows Vista existieren. Das sind schnelle Ein-Finger-Gesten, um sich vor oder zurück zu bewegen.

Wischt der Nutzer in der Fotoanzeige mit dem Finger von links nach rechts über den Bildschirm, wird eine Zurückgeste ausgeführt. Ein Symbol in Form eines Pfeils soll das verdeutlichen und zeigt dabei nach rechts. Rechts heißt also bei Gesten zurück, also das Gegenteil von dem, was der Anwender erwartet. Im Browser oder in der Navigation ist der Rechtspfeil aber mit der Vorwärtsfunktion belegt. Da die Bilder ohne jede Animation einfach nach einer Geste getauscht werden, weiß der Nutzer anschließend nicht mehr, ob er sich nach vorne oder nach hinten in der Galerie bewegt hat. Der Internet Explorer 8 bietet immerhin Animationen, die allerdings eher verwirren, da sie zum einen nicht sauber laufen und zum anderen nicht synchron mit der Fingerbewegung sind.

Das iPhone arbeitet in Bildergalerien wie Windows 7, eine Geste von links nach rechts entspricht also einem Zurück. Der große Unterschied dabei ist aber, dass der Anwender den Inhalt unter dem Finger mitzieht und damit sofort sieht und weiß, was passiert. Solche Selbstverständlichkeiten fehlen Windows 7 komplett und die Bedienung ist dadurch verwirrend und nicht intuitiv. Dabei verspricht Multitouch eigentlich eine intuitivere Bedienung, aber eben nur, wenn es nicht so unzureichend umgesetzt wurde, wie es Microsoft getan hat.

Touch Pack bleibt noch unberührbar

Microsofts Touch Pack konnten wir leider nicht ausprobieren. Microsoft gibt es nicht heraus und so basieren unsere Erfahrungen nur auf Microsofts Vorführung des Touch Packs. Dabei zeigten sich nur wenige Probleme und es gab einen Ausblick darauf, wohin die Entwicklung irgendwann führen wird.

Microsoft gibt das Touch Pack nicht heraus, weil der Softwareentwickler befürchtet, dass es auf den falschen Geräten installiert wird und damit Multitouch unter Windows einen schlechten Ruf bekommen könnte. Während der Vorführung stellte sich diese Befürchtung allerdings nicht ein, denn das Touch Pack ist eine der wenigen Anwendungen, die gut funktionieren. Das konnten wir von Windows 7 leider nicht sagen. Viele Optimierungen sind Einfinger-Optimierungen, schlecht umgesetzt und obendrein für Stift- oder Mausbenutzung nicht freigegeben.

Hersteller sind gefragt

Für Hersteller von Multitouch-Geräten heißt das, dass sie viel Zeit in die Entwicklung eigener Software stecken müssen. Diese wird für den Nutzer über die Bedienoberfläche von Windows gestülpt und verspricht eine bessere Bedienung. HP hat dies bei den Touchsmart-Geräten schon gemacht und damit gezeigt, dass auch unter Windows Vista Multitouch möglich ist. Die anderen Hersteller haben es jetzt sicher etwas einfacher, da das Betriebssystem nun Multitouch-Funktionen unterstützt.

Doch der Umstand, dass die Hardwarehersteller sich darauf konzentrieren müssen, einen eigenen Aufsatz für Windows 7 zu schreiben, wird im Endeffekt für Bedienchaos sorgen. Schon jetzt ist es so, dass die verschiedenen Touchaufsätze für Windows unterschiedlich in der Bedienung sind. Wer mit Asus' Touchsuite arbeitet, wird sich für Medions oder HPs Touchsoftware umstellen müssen. Wer Bedienerfahrung mit Surface hat, wird diese nicht unter Windows 7 nutzen können.

Immerhin ist Software mit Touchbedienung meist selbsterklärend und damit für den Nutzer trotzdem leichter erlernbar als der Wechsel zwischen Betriebssystemen.

Für den 22. Oktober 2009, wenn Windows 7 erscheint, haben viele Hersteller Multitouch-Geräte angekündigt. Viele davon haben alle eines gemein: Multitouch wird hauptsächlich in einer eigens entwickelten Oberfläche abgewickelt.

Fazit

Microsoft gelingt es anscheinend nur dann, Multitouch richtig umzusetzen, wenn die Anwendungen dafür entwickelt werden. Bei Windows 7 ist das leider nicht der Fall. Wer Microsofts Surface-Projekt kennt, wundert sich, warum es dort funktioniert, aber nicht mit Windows 7. Surface ist allerdings ein Oberflächenaufsatz für Windows Vista und damit eine eigene Plattform. Ohne einen solchen Oberflächenaufsatz oder speziell für Multitouch geschriebene Software macht die Mehrfingerbedienung mit Windows 7 daher nur halb so viel Spaß und ist im Arbeitsalltag mit dem Betriebssystem nur selten sinnvoll einsetzbar. Nur wenige Grundfunktionen, wie der Aufruf des Kontextmenüs mit zwei Fingern oder die multitouchtaugliche virtuelle Tastatur, erleichtern tatsächlich den Alltag.

Insgesamt enttäuscht Windows 7 beim Thema Multitouch. Zu viel Arbeit liegt bei den Softwareentwicklern, die eigene Oberflächen entwickeln müssen. Dabei ist zu befürchten, dass solche Touchscreen-Oberflächen nicht gut mit Applikationen anderer Hersteller zusammenarbeiten. Schlimmstenfalls setzt jede Touchscreen-Oberfläche ein anderes Bedienkonzept ein. Bleibt zu hoffen, dass Microsoft mit Windows 8 das Thema wirklich ernst nimmt. Noch besser wäre es natürlich, wenn ein Service Pack für Windows 7 entsprechende Verbesserungen brächte. Selbst kleine Mobiltelefone können schließlich mit vielen Fingern bedient werden und sind Windows 7 in diesem Bereich deutlich überlegen.  (ase)


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