Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0909/69553.html    Veröffentlicht: 03.09.2009 10:51    Kurz-URL: https://glm.io/69553

Ersteindruck: Nokias N900 mit neuer Bedienoberfläche

Bedienoberfläche von Maemo5 wirkt strukturiert und aufgeräumt

Auf der Nokia World 2009 in Stuttgart zeigt der Handyhersteller auch das erste Maemo-Smartphone N900. Golem.de hat sich ein Vorserienmodell des N900 etwas genauer angeschaut. Vor allem die neue Bedienoberfläche konnte begeistern.

Bisher setzt Nokia bei seinen Touchscreen-Smartphones auf eine modifizierte S60-Bedienoberfläche. Die Ursprünge in der Nicht-Touchscreen-Welt sieht man diesen Geräten weiterhin an. Das ist auch beim N97 nicht anders. So stören vor allem lange und unübersichtliche Befehlslisten sowie an einigen Stellen eine inkonsistente Bedienung. Mit der Vorstellung des N900 in der vergangenen Woche schürte Nokia die Hoffnung auf ein Mobiltelefon mit Touchscreen, das keine lästigen Altlasten mitschleppt.

Und der erste Eindruck beim Arbeiten mit dem N900 kann diese Erwartungen erfüllen. Die Bedienoberfläche wirkt klar strukturiert, aufgeräumt und erschließt sich dem Nutzer schnell. Dabei unterteilt sich die Bedienoberfläche in drei Ebenen. Quasi die Hauptebene dient zur Anzeige von Widgets, Programmverknüpfungen oder auch Browserlesezeichen. Auf vier Seiten kann der Nutzer Funktionen und Informationen verteilen, wie er es wünscht. Die einzelnen Elemente lassen sich wie bei Android-Geräten beliebig auf der Oberfläche ablegen.

Bedienoberfläche mit drei Ebenen

Auf einer weiteren Bedienebene befindet sich der Programmstarter, über den alle Applikationen erreichbar sind. Die dritte Ebene zeigt kleinere Fenster der laufenden Programme in Echtzeit, so dass der Nutzer auch in dem Taskfenster sieht, was in der Applikation passiert. So sieht der Nutzer in der Taskübersicht, wenn ein Video weiterläuft. Über diese Taskübersicht lassen sich laufende Programme auch bequem beenden. Eine Umsortierung der laufenden Programme ist nicht vorgesehen. Das Konzept des Taskmanagers erinnert an das Bedienkonzept von Palms WebOS. Auch dort gibt es eine Echtzeit-Taskübersicht.

Der Wechsel zwischen den drei Bedienebenen ist allerdings nicht so eingängig gelöst. Auf der Widget-Ansicht und im Taskmanager zeigt ein Icon in der oberen linken Bildschirmecke, dass der Nutzer hier woanders hinwechseln kann. Ein Tippen darauf öffnet den Programmstarter und aus diesem gelangt der Nutzer, indem er auf einen leeren Bereich tippt. Vom Taskmanager gelangt der Nutzer ebenfalls durch Tippen auf einen leeren Bildschirmbereich zur Widget-Ansicht.

Hier wäre es sinnvoller, wenn der Knopf in der linken oberen Ecke auf allen drei Ebenen zu finden wäre und darüber ein Umschalten zwischen den drei Ebenen erlauben würde. Optimalerweise wäre dafür ein echter Knopf auf der Vorderseite des Geräts, das würde keinen Platz auf dem Bildschirm einnehmen. Da es sich beim N900 noch um ein Vorseriengerät handelt, kann es sein, dass Nokia hier noch nachbessert, bis das Gerät auf den Markt kommt.

Ein Kritikpunkt an der Touchscreen-Anpassung der S60-Bedienoberfläche war auch, dass ein Tippen auf Statusinformationen keine Reaktion am Gerät nach sich zog. Das hat Nokia mit dem Maemo-Smartphone geändert. Tippt der Nutzer auf die Anzeige von Akkustand, Uhrzeit, Netzabdeckung und Ähnlichem, öffnet sich ein Dialog. In diesem gibt es eine genauere Angabe des Akkustands, Information zum Lautstärkeregler sowie Verknüpfungen zur Uhr, zur Profilverwaltung, zur Internetverbindung sowie zu den Bluetooth-Einstellungen. Mit wenigen Schritten ist damit etwa Bluetooth umgeschaltet oder ein anderes Profil gewählt.

Bei allen geöffneten Dialogen oder Pop-ups fällt auf, dass auf einen Abbruchknopf komplett verzichtet wurde. Das spart wertvollen Platz auf dem Bildschirm und sorgt dafür, dass Dialoge nicht überladen wirken. Alle Dialoge werden geschlossen, indem der Nutzer außerhalb dieses Bereichs tippt. Nach einiger Gewöhnung erweist sich diese Idee als eingängig.

Browser auf Basis von Firefox vorinstalliert

Im N900 kommt ein Browser auf Basis von Firefox zum Einsatz. Der Browser hat oben und unten Statuszeilen, die sich beide ausblenden, wenn auf einer Webseite navigiert wird. Dadurch steht dem Nutzer der komplette Bildschirm zur Verfügung. Beide Statusleisten haben Befehle übersichtlich angeordnet und wirken aufgeräumt. Allerdings sind die Browseroptionen etwas versteckt. Ein Tippen auf den Seitentitel einer Webseite öffnet Einstellungen und weitere Befehle wie Neues Fenster, Seite speichern, Suchen auf Seite und Downloads.

Der Browser kann in zwei Modi bedient werden: Im normalen Hover-Modus scrollt der Anwender durch Webseiten und kann Bedienelemente in Webseiten nutzen. Im Manipulationsmodus kann dann Text markiert und kopiert werden. Dazu wird der Finger links in den Bildschirm hineingezogen, so dass ein virtueller Mauspfeil erscheint, mit dem sich Textteile markieren lassen. Wird der Finger rechts in den Bildschirm bewegt, öffnet sich der Browserverlauf.

Das Zoomen in Webseiten geschieht wahlweise mit einem Doppeltipp oder mit einer kreisenden Drehbewegung. Letztere ließ sich auf dem Vorseriengerät noch nicht so einfach durchführen. Aber Nokia will daran noch feilen, um das Vergrößern oder Verkleinern möglichst einfach zu gestalten. Außerdem lassen sich Webseiten über die Lautstärketasten am Gerät vergrößern und verkleinern.

Im Unterschied zu anderen Smartphones von Nokia wird das N900 überwiegend im Querformat bedient. Das gilt auch, wenn die Tastatur eingeklappt ist. Nur zwei Applikationen stehen auch im Hochformat zur Verfügung. Das ist einerseits die Telefonapplikation und andererseits die SMS-Software. Wenn die Tastatur eingeklappt und das Mobiltelefon eingeschaltet ist, öffnet sich automatisch die Telefonapplikation, wenn das Mobiltelefon hochkant gehalten wird.

Dieser Kniff ist auch dringend notwendig, denn eine Taste zum Aufrufen der Telefonapplikation gibt es am N900 gar nicht. Auch eine Auflegentaste wird der Handynutzer vermissen. Nur wenige Knöpfe und Anschlüsse finden sich an dem Maemo-Smartphone. Auf der Vorderseite gibt es keine einzige Taste. Am oberen Gehäuserand finden sich neben dem Einschalter und dem Kameraknopf auch Lautstärketasten. Auf der rechten Seite findet sich der bei den Touchscreen-Mobiltelefonen von Nokia üblich gewordene Schiebeschalter zum Sperren und Entsperren des Displays. Außerdem findet sich dort eine 3,5-mm-Klinkenbuchse für den Anschluss von Kopfhörern.

Auf der linken Seite befindet sich dann noch der USB-Anschluss sowie auf der Rückseite die Kameralinse, die von einer Klappe vor Schmutz und Beschädigung geschützt wird. In den Kameraschutz ist außerdem ein ausklappbarer Ständer integriert, um das Gerät aufstellen und dabei Videos schauen zu können. Nach unten hin öffnet sich die Tastatur, die an die Tastatur des N97 angelehnt ist.

Tastatur stammt in Grundzügen vom N97

Auch beim N900 hat sich Nokia für eine dreireihige Tastatur entschieden, obwohl der Hersteller weiß, dass dies Umlernprozesse auf Seiten des Anwenders erfordert. Denn weil es nur drei Reihen für die Buchstaben gibt, fehlt Platz für die Leertaste. Die hat Nokia daher nach rechts unten in die unterste Tastenreihe gequetscht. Es bedarf schon viel Umgewöhnung, bis Anwender darauf so schnell wie auf einer normalen Minitastatur tippen können.

Unglücklich ist auch die Nähe zum Bildschirm ausgefallen. Die oberste Tastenreihe ist so dicht am Display dran, dass die Finger unwillkürlich immer wieder an die Unterkante des Bildschirms stoßen. Das schränkt das Tippen zwar nicht ein, macht sich aber dennoch störend bemerkbar, weil die Tasten bereits sehr dicht beieinander sind.

Noch befindet sich das N900 in der Entwicklung, aber das Vorserienmodell zeigt bereits in Grundzügen, welchen Weg Nokia mit dem N900 einschlägt. Die Bedienoberfläche ist wesentlich aufgeräumter und strukturierter als bei der S60-Plattform, so dass sich die Steuerung schnell und einfach erschließt. Auch die Hardwareausstattung des N900 ist über jeden Zweifel erhaben. Enttäuschend ist lediglich die Tastatur, die leider nicht sonderlich viel Tippkomfort verspricht. Auch wenn das getestete N900 noch ein Vorserienmodell ist, ist nicht zu erwarten, dass Nokia an der Tastatur noch entscheidende Änderungen vornehmen wird.  (ip)


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