Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0908/69001.html    Veröffentlicht: 12.08.2009 11:33    Kurz-URL: https://glm.io/69001

Interview Serious Games: "Frauen wollen etwas aufbauen"

Gespräch mit Thomas Zeitner über Serious Games und kommende GamesCom

In wenigen Tagen eröffnet die GamesCom in Köln - und im Mittelpunkt dürften große, aufwendige Produktionen stehen. Eher unbeobachtet wächst in Deutschland aber auch der Markt für Serious Games. Golem.de hat sich mit einem unterhalten, der beide Märkte kennt: mit Thomas Zeitner, dem Exchef des Branchenriesen Electronic Arts.

Thomas Zeitner, GCC
Thomas Zeitner, GCC
Thomas Zeitner war rund zwei Jahre lang Chef von Electronic Arts Deutschland, davor hat er unter anderem als Geschäftsführer von Sega Deutschland gearbeitet. Mitte 2008 hat Zeitner den Posten bei EA aufgegeben und sein eigenes Unternehmen namens Games Campus Cologne (GCC) mit Sitz in Köln gegründet. GCC entwickelt und konzipiert im Verbund mit anderen Firmen vor allem sogenannte Serious Games. Erstes Produkt ist die Fitnesssoftware Personal Trainer, die für Nintendo DS/i in einer Version für Frauen und einer für Männer erschienen ist.

Golem.de: Sie haben vor rund einem Jahr Electronic Arts verlassen und mit Games Campus Cologne einen neuen deutschen Publisher gegründet. Warum?

Thomas Zeitner: Nach 16 Jahren Tätigkeit für große Hardware- oder Softwarehersteller habe ich mich entschlossen, den Beweis anzutreten, dass auch wir Deutschen mit innovativer Software weltweit vertreten sein können.

Golem.de: GCC arbeitet mit deutschen Entwicklerteams zusammen. Wo sehen Sie deren Stärken im Vergleich mit Studios anderer Länder, etwa aus den USA und England?

Zeitner: Wir sitzen mitten in Europa und sind kulturell viel näher an unseren Märkten als zum Beispiel die Amerikaner oder Asiaten. Es gibt kurze Entscheidungswege und Zusagen sind verlässlich. Den größten Vorteil sehe ich allerdings in der Tatsache, dass wir nicht wie die Amerikaner glauben, nur wir könnten Software entwickeln und nur wir wüssten, was gutes Entertainment ausmacht. Versuchen Sie mal, in einem großen amerikanischen Publishing-Unternehmen lokale Inhalte für Ihre Software zu verlangen, und Sie werden schnell feststellen, dass die Zusammenarbeit mit lokalen Studios viel mehr Spaß macht.

Golem.de: Der Personal Trainer für Frauen verkauft sich deutlich besser als der für Männer. Auch die sportlichen Angebote etwa auf Wii sind primär als Software für Frauen positioniert. Teilt sich der Spielemarkt nach Geschlechtern auf - Sportspiele für Frauen, klassischer Daddelkram für Männer?

Zeitner: Im Sport glauben wir Männer, alle relevanten Übungen zu kennen und lassen uns nicht gerade gerne von einem Trainer zeigen, wie man gesünder leben und seine Fitness verbessern kann. Frauen sind viel offener für Titel wie den Personal Trainer, was Sie übrigens auch am Zeitschriftenregal feststellen können. Annähernd jedes Magazin für Frauen gibt Fitness- und Ernährungstipps. Bei den Magazinen für Männer finden Sie Autos und Motorräder auf den Titelseiten. Grundsätzlich muss man für den gesamten Markt der interaktiven Unterhaltungssoftware sagen, dass Männer sich im Spiel lieber miteinander messen, und Frauen wollen etwas aufbauen.

Golem.de: Einer der typischen Vorwürfe gegenüber Computerspielen: Die Kinder und Jugendlichen werden dick und unbeweglich. Wie könnte man Kinder per Konsole dazu bringen, abzunehmen - gibt es da neue Ansätze?

Zeitner: Politik und Wissenschaft haben erkannt, dass wir die Kinder und Jugendlichen mit den Medien erreichen müssen, die sie jeden Tag nutzen. Hierzu gehört neben dem Handy und dem Internet auch die Videospielkonsole. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln entwickeln wir gerade einen "Personal Trainer" für Kids. Zielsetzung der Software ist die gleiche wie beim Personal Trainer für Männer und Frauen. Nur der Weg zu mehr Fitness wird verspielter sein.

Golem.de: Bei Serious Games für Endkunden hat ein Großteil der Programme mit Sport oder Kochen zu tun. Welche weiteren Bereiche finden Sie noch vielversprechend?

Zeitner: Neben der körperlichen Fitness steht bei uns das Thema Musik auf der Agenda. Wir glauben, dass es in Zukunft nicht nur ein Zusammenspiel zwischen einer saitenlosen Plastikgitarre und den Konsolen gibt, sondern dass es echte, selbst gemachte Musik in Spielen geben wird.

Golem.de: Wie lukrativ ist das Geschäft mit den Serious Games eigentlich - erreicht das in der Breite die Renditen, die im klassischen Spielemarkt möglich sind?

Zeitner: Wenn man rein den Umsatz aus den Handelsregalen betrachtet, gibt es nur wenige Produkte, die ähnliche Renditen einfahren können. Serious Games bieten aber vielseitige Vertriebsmöglichkeiten, an die klassische Spiele nicht heranreichen.

Golem.de: Was glauben Sie: Welche Bedeutung für die Spielebranche hat das klassische Hardcore-Game in zehn Jahren?

Zeitner: Hardcore-Games werden auch in zehn Jahren noch eine Fangemeinde haben. Das ist wie bei der Musik oder dem Film. Hätten Sie vor zehn Jahren gedacht, dass am Samstagabend um 20 Uhr immer noch Volksmusik läuft? Der DVD-Markt ist zum Beispiel gerade wegen der Klassiker so schnell gewachsen.

Golem.de: Sie werden mit GCC in ein paar Tagen auf der GamesCom präsent sein - für Sie ja fast ein Heimspiel. Was erwarten Sie von der Messe?

Zeitner: Wenn ich nicht wüsste, dass es falsch ist, würde ich sagen: GamesCom is coming home! Die Industrie und die Messegesellschaft Leipzig haben über die letzten Jahre eine fantastische Messe aufgebaut, die nun in Köln zur ganzen Größe reifen kann. Wir werden eine wahnsinnige Show erleben, die alle Kölner und die Menschen in der Region mit einbinden wird. Ich habe vor einigen Jahren mal gesagt, dass unsere Messe eines Tages 400.000 Besucher haben wird. Wenn wir das wirklich wollen, bekommen wir es in Köln auch hin.  (ps)


Verwandte Artikel:
Ubisoft: "Ich freue mich, wenn ab und zu eine Revolution stattfindet"   
(04.08.2017, https://glm.io/129303 )
Neuer Geschäftsführer bei Electronic Arts Deutschland   
(17.07.2006, https://glm.io/46549 )
Burnout Paradise Remastered: Hochaufgelöste Wettrennen in Paradise City   
(21.02.2018, https://glm.io/132894 )
Basemental: Mod erweitert Die Sims 4 um Drogen   
(16.02.2018, https://glm.io/132830 )
Google: Chrome wird künftig mit Clang statt Visual C++ entwickelt   
(06.03.2018, https://glm.io/133171 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/