Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0908/68710.html    Veröffentlicht: 05.08.2009 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/68710

Analoges Twittern im Betahaus

Ein Ort für digitale Nomaden

Ein Dach über dem Kopf, ein Tisch und WLAN. Im Berliner Betahaus finden Freischaffende alles, was für ein vernetztes Leben wichtig ist. Und gleichzeitig entsteht in dem sich ständig wandelnden Bürohaus ein ganz analoges soziales Netzwerk.

Mitten im Raum steht eine Typenhebel-Schreibmaschine aus dem VEB Optima. Allen zugänglich, sogar Papier ist eingelegt. Wie aus einer anderen Welt, denn wer im Betahaus unterwegs ist, ist in der digitalen Welt zu Hause.

Auf dem Papier sind getippte Wörter zu entdecken. Hilferufe: "christoph ich komme mit diesem rechner nicht ins wlan" steht dort in kleinen Buchstaben. "Christoph", das ist Christoph Fahle, einer der Macher des Betahauses. Manchmal gibt es eine getippte Antwort auf so einen Hilferuf. Analoges Twittern nennt ein Nutzer das.

Christoph sagt, er sei ein Nerd. Er kümmert sich um das Hausnetzwerk, die Telefonie und Fehler auf der Webseite. Er sitzt vor einem Computer und zückt gern sein iPhone. Und er ist der "Außenminister" des Betahauses.

Im April 2009 wurde das Betahaus eröffnet, erklärt er. Eigentlich wollte er mit ein paar Freunden ein Büro gründen. "Doch es konnte nicht sein, dass wir uns 20 Quadratmeter mieten und uns dann zu zweit jeden Tag blöde anstarren". Die Atmosphäre einer Universität sollte bewahrt bleiben, wo sich Menschen begegnen und gegenseitig beeinflussen können. Ein "open space", wie Christoph sagt. So entstand die Idee vom coworking space in Berlin, einem Ort zum Zusammenarbeiten, als Teil einer internationalen coworking community.

Offen für Nachtarbeiter

Es ist ein Ort für mehr als 100 Leute geworden, die hier einen Arbeitsplatz mit Internetanschluss finden. Jeder kann kommen, wann er will - mit Schlüssel auch nachts. Büroarbeitszeiten gibt es hier nicht, nur flexible Nutzungsverträge.

Das Bürohaus der Zukunft liegt am Kreuzberger U-Bahnhof Moritzplatz in der Prinzessinnenstraße. Wer die Adresse kennt - die Nutzer erfahren vom Betahaus über analoge und digitale Mundpropaganda -, steht vor einem Gewerbehaus mit mehreren Mietern. Ein Schild gibt es nicht, große Klebereste deuten auf einen Versuch hin, der einen Windtest nicht überstanden hat.

Under construction

Auch im Haus ist vieles nicht fertig. Hinter dem kürzlich eröffneten Café gibt es einen Bürobereich "under construction", wie Christoph es formuliert. Kein Mensch ist zu sehen, in einer Ecke liegt eine enorme Anzahl von Kabeln und Steckdosen. Hier sollen sich später Nutzer einmieten können, die keinen festen Schreibtisch brauchen. Sie können für ein paar Tage im Monat eine Nutzungserlaubnis erwerben und sich einen Tisch aussuchen, den sie abends wieder aufräumen müssen. Das Wichtigste ist vorhanden: ein Internetanschluss über das hauseigene WLAN.

Mehr braucht ein Freischaffender oder ein kleines Start-up-Unternehmen nicht. Ein eigenes Büro würde sich für die, die viel unterwegs sind oder gerade ihre Existenz gründen, nicht lohnen. Statt daheimzusitzen, können sich auch kleine Arbeitsgruppen an einigen Tagen zum Arbeiten im Betahaus treffen.

Temporäre Unterkunft für Projekte

Wer etwas Längerfristiges will, muss drei Stockwerke höher gehen. Auch hier gibt es flexible Schreibtische und viele Dreifach-Steckdosen-Leisten, die abenteuerlich von der Decke baumeln. Das sind die einzigen auffälligen Kabel im Betahaus, denn der moderne Büroarbeiter lebt bis auf den Strombedarf ungebunden. Einige Arbeitsplätze machen den Eindruck, als seien ihre Nutzer hier schon seit Monaten. Tastaturen warten auf die Rückkehr von Laptops, vollgepackte Ikea-Regale flankieren die Tische. Sogar Monitore und Rechner im Tower-Gehäuse finden sich in einer Ecke. Die dazugehörige kleine Bürogemeinschaft schleppt den Rechner am Abend wohl kaum wieder nach Hause.

Und so bekommen diese an eine Werkstatt erinnernden Räume fast etwas Gemütliches, auch wenn die irgendwo anders im Haus lebenden Kakadus so laut schreien, dass ein Unwissender denken könnte, in anderen Stockwerken würden Kinder gequält.

Jonas Liebmann gehört zu den Nutzern, die sich schon vor der Eröffnung des Betahauses einquartiert haben, als es sich sozusagen noch in der Alphaphase befand. Er arbeitet für das Iversity-Projekt - eine Plattform, die die Zusammenarbeit von Lehre und Forschung im Internet erleichtern und Präsentationen von Arbeitsergebnissen ermöglichen soll.

Eindruck schinden

Jonas fühlt sich wohl im Betahaus, er strahlt, wenn er darüber spricht. Er nutzt es vor allem, um sein Projekt zu koordinieren und Treffen abzuhalten. "Bei Kooperationspartnern fände ich es ein bisschen läppisch, das bei mir zu Hause zu machen". Da ist das Betahaus geradezu repräsentativ - zumindest im Vergleich zu "einem popeligen Büro für 300 Euro".

Seine Partner staunen dann über Jonas' großes Büro. Ist das alles euers und arbeiten die alle für euch? "Ich sag dann natürlich: jaja", sagt er und grinst. Nach der echten Erklärung finden die meisten das Betahaus dann interessant. Ein Umfeld, in dem viel passiert.

Alle, die im Haus arbeiten, befinden sich "in einer Art Schwebezustand", sagt Jonas. Selbst der "Klangteppich", der entsteht, wenn es in den großen Räumen mal lauter wird, gefällt ihm. Er lasse sich leichter ignorieren, als wenn zwei Menschen in einem kleinen Büro quatschen.

Menschen im Schwebezustand

Betahaus-Arbeiter wollen aber meist sowieso nicht nur ihre Ruhe, sondern auch vom Umfeld profitieren. So schätzt es ein kleines Team von iPhone-Entwicklern, dass sie schnell Feedback zu ihren Anwendungen bekommen. Und wer mal eben einen Grafiker sucht oder Fragen zu Förderanträgen hat, wird fündig - im Betahaus haben viele Nutzer Erfahrung mit so etwas.

Um diese Art der Zusammenarbeit zu erleichtern, bedient sich das Betahaus selbstverständlich moderner Mittel: Es gibt eine Bürowebseite, ein Wiki und eine Mailingliste. Das Projekt ist mit einer eigenen Facebook-Seite aktiv und viele Nutzer haben entsprechende Accounts bei Facebook, Xing und Co.

Doch das Besondere am Betahaus ist, dass es nicht nur die virtuellen sozialen Netze nutzt, sondern deren Konzept in die Realität rückübersetzt. Ähnlich wie bei Instant Messengern, die zeigen, wer gerade online ist, sollen die Nutzer künftig sehen können, wer gerade im Haus ist.

So verbindet das Betahaus mühelos die digitale mit der analogen Welt, das Twittern mit dem Hacken auf der Schreibmaschine. Analoges Twittern eben.  (ase)


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