Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0907/68326.html    Veröffentlicht: 14.07.2009 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/68326

Test: Nokias N97 bleibt hinter den Erwartungen zurück

Enttäuschende Tastatur, inkonsistente Bedienung, aber gute Ausstattung

Das N97 ist Nokias neues Topmodell. Das Gerät setzt das bekannte Symbian-Betriebssystem ein, wird jedoch über einen Touchscreen bedient, ergänzt durch eine QWERTZ-Tastatur. Mit der Konkurrenz von iPhone und Android-Geräten hat es Nokias neues Smartphone aber trotz des überarbeiteten Bedienkonzepts schwer.

Mit dem N97 hat Nokia ein neues Smartphone mit Touchscreen auf den Markt gebracht. Doch die Bedienung kann nicht nur über das 3,5 Zoll große Display mit einer Auflösung von 640 x 360 Pixeln und mit bis zu 16 Millionen Farben erfolgen. Das Gerät verfügt zusätzlich über eine ausschiebbare Tastatur, bei der das Telefon - ähnlich wie früher beim Nokia Communicator - quer gehalten wird.

Wird die Tastatur aufgeschoben, wechselt die Anzeige vom Hoch- ins Querformat. Allerdings: War das Display aus und wurde die Tastatur dann geöffnet, dauerte es im Test oft einige Sekunden, bis die Beleuchtung aktiviert wurde. Das Display sprang zwar sofort an, das Licht fehlte aber noch, so dass der Bildschirminhalt nur schwer zu erkennen war. So konnte es drei bis vier Sekunden dauern, bis das Display nach dem Aufklappen der Tastatur nutzbar war.

Umgehen lässt sich dieses lästige Verhalten mit einem Kniff. Zunächst muss in den Optionen aktiviert werden, dass der Displayinhalt nicht nur gedreht wird, wenn die Tastatur geöffnet wird, sondern auch, wenn das Gerät nicht hochkannt gehalten wird. Wird das Display dann ausgeschaltet, während das N97 quer gehalten wird, schaltet sich das Display beim Aufklappen der Tastatur in rund einer Sekunde ein. Es reagiert dann also so zügig, wie man es von einem Mobiltelefon erwarten sollte.

Ungewöhnliche QWERTZ-Tastatur

Die Tastatur des N97 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Sie besteht aus nur drei Buchstabenreihen. Das bedeutet, dass Zahlen erst nach Bestätigung einer Funktionstaste eingegeben werden können. Und es ist kein Platz für eine Leertaste. Die Leertaste ist in die untere Buchstabenreihe rechts außen eingeschoben worden. Wer solche Minitastaturen gewohnt ist, wird zumindest Startschwierigkeiten haben, da sich die Leertaste nicht an der üblichen Stelle befindet. Allerdings ist es durchaus möglich, sich an die seitliche Leertaste zu gewöhnen, zumal sie größer ist als andere Tasten. Wer das Gerät mit beiden Händen hält, wird die Leertaste aber immer nur mit der rechten Hand betätigen können.

Die meisten Umlaute werden mit einer Funktionstaste aufgerufen. Seltsamerweise hat nur das Ü eine eigene Taste erhalten. Die Umlaute liegen auf der Tastatur dicht beieinander. Sie sind jedoch nicht an die Basisbuchstaben gebunden, wie es sonst oft der Fall ist.

Wirklich negativ ist, dass weder Punkt noch Komma eine eigene Taste erhalten haben. Auch diese beiden essenziellen Satzzeichen lassen sich also nur mit der Optionstaste eingeben. Positiv steht dem gegenüber, dass die Tasten einen angenehmen Druckpunkt haben und gut dimensioniert sind. Ein oder zwei Tastenreihen mehr hätten die Eingabe mit der Tastatur wesentlich verbessert.

Links neben der Tastatur findet sich ein praktischer 5-Wege-Navigator. Ist die Tastatur ausgeklappt, muss also nicht zwangsweise auf dem Display navigiert werden, wenn die Hände ohnehin auf der Tastatur liegen. Mit dem 5-Wege-Navigator lässt sich auch Text markieren, was aber auch bequem mit dem Finger gelingt. Wird der Navigator genutzt, muss dazu die Umschalttaste gedrückt werden. Das ist etwas umständlich, da sich diese ebenfalls auf der linken Seite der Tastatur befindet. Bequemer wäre es, wenn die Umschalttaste zum Markieren von Text mit dem 5-Wege-Navigator auf der rechten Seite der Tastatur wäre.

Bei der Eingabe per Tastatur fehlt oft die Information, ob die Umschalt- oder Funktionstaste betätigt ist und wie der Status gerade ist. Auch die Formulareingabe ist nicht unproblematisch, denn der sichtbare Bereich scrollt oft nicht mit. Das führt dazu, dass der Nutzer Text halb versteckt eingibt.

Wer die Tastatur nicht nutzen will, dem stehen eine Bildschirmhandytastatur - mehrere Buchstaben auf einer Zifferntaste - und eine Handschriftenerkennung zur Verfügung.

Touchscreeneingabe nicht intuitiv

Die Eingabe über den Touchscreen geht leicht von der Hand. Neben dem Finger kann auch ein Stift genutzt werden. Der sollte allerdings für Touchscreens geeignet sein, um das Display nicht zu beschädigen. Einen Stylus liefert Nokia auch gleich mit. Eine Berührung quittiert das N97 mit Vibration, was nicht von jedem Nutzer als angenehm empfunden wird. Laut Nokia soll die Vibration die Bedienung erleichtern.

Teilweise erweist sich die Bedienung mit Stylus als wesentlich genauer als die Bedienung mit dem Finger. Wird beispielsweise der Browser im Vollbildmodus genutzt, gelingt es mit dem Finger nicht immer zu scrollen. Mit einem Stylus ist das kein Problem.

Das Hauptmenü lässt sich über die von Symbian-Geräten bekannte Home-Taste erreichen. Zudem gibt es Tasten zum Gesprächannehmen und -beenden. An der Seite findet sich ein Schiebeschalter, um den Bildschirm zu sperren - analog zur bekannten Tastensperre. Wird er aktiviert, geht auch das Display aus. Der Schutz wird automatisch deaktiviert, wenn die Tastatur aufgeschoben wird.

Der Rest der Bedienung erfolgt über den Touchscreen. Im Startbildschirm gibt es die Möglichkeit, etwas aus dem Bild zu wischen. Auch in der Fotogalerie kann zwischen Bildern gewechselt werden, indem mit dem Finger nach rechts oder links über das Display gestrichen wird. Andere Menüwechsel oder Ähnliches werden durch Klicken hervorgerufen, nicht mit Gesten. Da der Bildschirm keine Multitouchtechnik unterstützt, können Befehle immer nur mit einem Finger ausgeführt werden.

Leider macht sich bei der Arbeit mit dem N97 schnell bemerkbar, dass die Bedienung nicht ganz konsistent ist. Normalerweise werden Programme und andere Menüpunkte aktiviert, indem einmal darauf getippt wird. Listenelemente in Programmen hingegen benötigen zweifaches Tippen. Nur: Wird ein Programm geöffnet, ist das erste Listenelement bereits markiert. Daher genügt es dann wieder doch, nur einmal zu tippen - zweimaliges Tippen aktiviert gegebenenfalls bereits eine unerwünschte Option. Für den Nutzer wäre es einfacher gewesen, hätte Nokia auf diese Unterscheidung verzichtet. So muss der Anwender immer umdenken, was nicht intuitiv ist.

Gewöhnliches S60-System

Darüber hinaus entpuppt sich das Betriebssystem des Smartphones recht schnell als typisches S60-System. Der Symbian S60 5th Edition hat Nokia zwar eine Touchscreenbedieung aufgedrückt, das grundlegende Bedienkonzept aber nicht überdacht. Wer schon einmal mit einem S60-Telefon gearbeitet hat, wird viele Elemente wiedererkennen. Dazu gehören die beiden Softkeys links und rechts unten im Display, die in Anwendungen in der Regel "Optionen" und "Schließen" heißen und hier natürlich direkt angetippt werden können. Das Hauptmenü wird wie üblich über eine Hardwaretaste geöffnet. Langes Drücken dieser Taste bringt wie von S60 gewohnt einen einfachen Taskmanager hervor, der den Wechsel zwischen parallel laufenden Programmen erlaubt. Durch langen Druck auf ein Programmsymbol erscheint ein Menü, um eine Anwendung zu schließen. Die Anordnung der Programme im Menü kann einfach mit dem Finger erfolgen. Ruht der auf einem Programmsymbol, kann es anschließend verschoben und so auch in einen anderen Ordner gelegt werden. Alternativ lassen sich die Programme mit dem Fünf-Wege-Navigator markieren und dann verschieben.

Die vorinstallierten Programme sind ebenfalls bekannt und unverändert. Neben einer Kontaktverwaltung gibt es einen Kalender, wobei die üblichen von Symbian bekannten Unzulänglichkeiten noch immer vorhanden sind. So übernimmt der Kalender noch immer nicht die in der Kontaktverwaltung eingetragenen Geburtstage. Dafür kennt die Kontaktverwaltung mittlerweile unzählige Details, auch Facebook-Links können gespeichert werden.

Beim Browser verwendet Nokia weiter den S60-Browser, der keine Tabs unterstützt, so dass immer nur eine Seite geladen werden kann. Im Acid3-Test schneidet Nokias Browser nur mäßig ab: Er schaffte 47 von 100 Punkten. Der Safari-Browser des neuen iPhone 3GS erreicht hingegen 97 Punkte. Nokia Maps ist vorinstalliert und verwendet den verbauten GPS-Empfänger in dem Gerät. Wer das Gerät damit aber zum Navigationsgerät ausbauen will, muss die entsprechenden Zusätze von Nokia kaufen.

Weiterhin ist Software vorinstalliert, um PDF- und Microsoft-Office-Dateien zu betrachten.

Widgets bringen Abwechslung auf den Startbildschirm

Der Unterschied zu früheren Symbian-Geräten besteht im Startbildschirm, denn die Touchscreenoberfläche des N97 unterstützt Widgets. Einige davon liefert Nokia direkt mit, andere lassen sich über den Ovi Store nachladen. Die Widgets lassen sich im Startbildschirm frei anordnen und mit einem Fingerwisch ausblenden. Damit lässt sich verhindern, dass vertrauliche Informationen von Unbefugten eingesehen werden können. Ein weiterer Fingerwisch genügt, um alle Informationen wieder ins Bild zu holen. Widget-Profile, etwa privat und beruflich, gibt es nicht.

Zu den verfügbaren Widgets zählen Funktionen wie ein Schnellstarter, eine Wettervorhersage und ein Newsticker. Ein E-Mail-Widget informiert über neue Nachrichten und auf bevorzugte Kontakte lässt sich so ebenfalls direkt zugreifen. Auch die Profilwahl wird über ein - allerdings nicht entfernbares - Widget vorgenommen. Alternativ ist dies, wie für Symbian typisch, über den Einschaltknopf möglich. Hier liegt allerdings "Ausschalten" auf der ersten Position und eine Sicherheitsabfrage gibt es nicht. Da passiert es schon mal, dass das Telefon versehentlich ausgeschaltet wird.

Da beim N97 nicht wie gewöhnlich über Tasten gewählt werden kann, gibt es eine Wählanwendung. Hier kann der Nutzer über eine große Bildschirmwähltastatur die Rufnummer eingeben. Wie bei Nokia-Geräten gewohnt, ist die anschließend gebotene Sprachqualität gut.

Die Mitteilungsanwendung ist gegenüber älteren S60-Telefonen unverändert. Außer SMS und MMS lassen sich hierüber auch E-Mails empfangen und versenden, wobei Nokia die Standards POP3, IMAP und SMTP unterstützt.

Ovi Store - App Store für Symbian

Der Ovi Store ist Nokias App Store für Symbian-Geräte. Im Ovi Store finden sich neben Symbian-Applikationen auch Videos und Podcasts sowie standortbasierte Dienste. Der Shop kann über einen normalen Webbrowser aufgerufen werden. Auf dem N97 ist eine Anwendung zum Zugriff auf den Ovi Store vorinstalliert. Wie auch beim Apple-Vorbild erhalten die Softwareanbieter 70 Prozent der Umsätze, die übrigen 30 Prozent behält der Shopbetreiber ein, in dem Fall also Nokia.

Nach einer Anmeldung können dann Inhalte heruntergeladen werden. Zu finden sind beispielsweise Programme wie der Browser Opera Mini. Hier fällt allerdings die Sortierung auf: Der Alternativbrowser ist unter "Hilfsprogramme" versteckt. Eine Kategorie wie "Internet" oder "Kommunikation" gibt es nicht.

Heruntergeladene Videos landen nicht im Downloadbereich der Videoapplikation, wie es zu erwarten wäre, sondern werden in den allgemeinen Clips-Bereich gelegt. Auf das Display des N97 sind diese Filme auch nicht ausgelegt. Spezielle Trailer für die Filme Ice Age 3 und Star Trek nutzen das Display nicht aus. Stattdessen erscheint nur ein kleiner Ausschnitt mit einem breiten schwarzen Rand. Die integrierte Zoomfunktion des Players vergrößert das Video dann aber bildschirmfüllend. Zudem kosten viele der angebotenen Filmschnipsel Geld.

Werden Anwendungen heruntergeladen, so ist nicht ersichtlich, wie lange die Installation läuft. Das ist unpraktisch. Positiv sind die Sortierfunktionen. So kann der Nutzer bei Bedarf nur kostenlose oder nur kostenpflichtige Inhalte aktivieren. Empfehlungen und oft geladene Programme sollen bei der Orientierung im Ovi Store helfen. Auch Suchen ist möglich.

Innere Werte

Die Ausstattung des N97 ist gut. 32 GByte Speicher bieten genügend Platz für Programme und Multimediadaten. Zusätzlich lassen sich Daten auf einer Micro-SD-Karte ablegen. Die muss allerdings unter der Akkuabdeckung eingelegt werden. Das hätte praktischer gelöst werden können. Hinzu kommt eine ordentliche 5-Megapixel-Kamera. Das UMTS-Gerät unterstützt Quadband-GSM, Datenübertragung per HSDPA mit bis zu 3,6 MBit/s, besitzt eine Mini-USB-Schnittstelle und unterstützt Bluetooth sowie WLAN nach 802.11b/g. Zudem ist das 117,2 x 55,3 x 15,9 mm messende N97 mit einem GPS-Empfänger ausgestattet. Trotz des Gewichts von rund 150 Gramm liegt das Nokia gut in der Hand. Das ordentlich verarbeitete Smartphone kostet rund 650 Euro ohne Vertrag.

Fazit

Mit dem N97 wollte Nokia einen großen Wurf landen, bleibt aber weit hinter den Erwartungen zurück. Zwar kann das Gerät mit seinen technischen Eigenschaften überzeugen. Leider hat Nokia das Smartphone bei der Softwareausstattung aber nicht entsprechend aufgemotzt. Statt grundlegender Änderungen an der Bedienung bekommt der Käufer ein S60-System mit dem Unterschied, dass er jetzt mit dem Finger navigieren kann. Gerade bei der Bedienung bleibt Nokia weit hinter iPhoneOS, Android und WebOS zurück, die allesamt deutlich innovativer bei der Touchbedienung sind. Das ist schade, weil das N97 ein N-Series-Gerät mit guter Ausstattung ist. [von Ingo Pakalski und Julius Stiebert]  (js)


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