Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0908/68154.html    Veröffentlicht: 18.08.2009 11:48    Kurz-URL: https://glm.io/68154

Das Internet wird lokal

dotBerlin streitet für neue TLDs

Weil das Internet zu voll geworden ist, fordern Initiativen die Einführung lokaler Internetendungen wie .berlin. Ihr Plan könnte schon im nächsten Jahr Realität werden.

Die Revolution des Internets wird in Berlin geplant, in einem kleinen Büro im Stadtteil Schöneberg. Dort sitzt das Unternehmen dotBerlin. Johannes Lenz und zwei Mitstreiter arbeiten zusammen an einem Plan. Sie sind es leid, dass es so viele .de-Internetadressen gibt und fordern: Her mit .berlin! Der deutschen Hauptstadt wollen sie eine eigene Top Level Domain (TLD) organisieren, eine Internetendung wie beispielsweise .com oder .info.

Johannes Lenz fallen auf Anhieb mehrere Gründe ein, warum seine Stadt eine eigene Endung braucht: Das Internet werde immer lokaler und Berliner Unternehmen und Organisationen könnten sich damit besser im Netz präsentieren. Anstatt www.zoo-berlin.de könnte der Berliner Zoo künftig die Adresse www.zoo.berlin benutzen.

Zudem seien Domains ein knappes Gut geworden. Mehr als zwölf Millionen .de-Adressen gibt es mittlerweile in Deutschland. "Sinnvolle Adressen sind kaum noch registrierbar", sagt Lenz. Mit dieser Ansicht stehen die Unternehmer von dotBerlin nicht alleine da. In Paris, London, Madrid und anderen Metropolen haben sich ähnliche Initiativen gegründet, auch kleinere Städte wie Köln oder Düsseldorf sind interessiert an ihrer eigenen Top Level Domain.

Die Idee für lokale Internetadressen ist fast so alt wie das Internet selbst. Schon in den neunziger Jahren hatte sich in New York City eine Initiative gegründet, um für die Adresse .nyc zu kämpfen. Unterstützt wurde sie von der lokalen Wirtschaft und der Stadt - bis am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen. In den Wirren des Terroranschlags verflüchtigten sich die Pläne, vorerst gab es wichtigere Probleme zu lösen, die Idee geriet in Vergessenheit.

Wiederbelebung einer Idee

"Wir haben die Idee für lokale Domains wiederbelebt", sagt Lenz. Er und seine Mitstreiter haben ein Konzept erarbeitet und Kontakt zur Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (kurz: ICANN) aufgenommen. Die ICANN ist so etwas wie die Aufsichtsbehörde des Internets und entscheidet darüber, welche Endungen es geben darf und welche nicht. "Wir sind von Anfang an auf positives Interesse gestoßen", sagt Lenz.

Aussicht auf Erfolg hat bei der ICANN nur, wer ein tragfähiges Konzept und das nötige Kleingeld vorweisen kann: Bis zu drei Millionen Euro wird es kosten, bis .berlin irgendwann Realität ist. Das Geld soll von den fast 100 Unternehmen und Organisationen kommen, die sich mittlerweile an der Initiative beteiligen, darunter große Hotelketten und Innungen.

Unterstützung bekommen sie auch von der Politik. Der Bundestag sprach sich schon im Jahr 2007 mehrheitlich für die Einführung sogenannter "geografischer TLDs" aus und erst kürzlich bekundete Nordrhein-Westfalen Interesse an Endungen wie .ruhr oder .koeln. In Süddeutschland gibt es sogar schon erste Erfahrungen mit einer lokalen Bayern-Endung. Mehr als 30.000 Domains sollen die Bayern bisher in Weißrussland registriert haben - das osteuropäische Land hat im Internet die Endung .by.

Skepsis

Allerdings gibt es auch Skeptiker der Pläne, die nicht glauben, dass sich die lokale Wirtschaft damit profilieren kann. "Es gibt bislang keinen Beleg dafür, dass eine lokale Internetendung die Wirtschaft in irgendeiner Art und Weise stärkt", sagt Christoph Lattemann, Professor für E-Commerce an der Universität Potsdam. Grundsätzlich dagegen ist er aber nicht. "Die Domain .berlin würde beispielsweise sinnvoll sein, weil in Berlin mehr als drei Millionen potenzielle Nutzer leben", sagt Lattemann. Doch müsse es eine Grenze geben, spätestens bei Köln, wie er findet. Alle anderen Städte seien zu klein: "Die Endung .castrop-rauxel wäre absolut unsinnig."

Bei der Denic, der Vergabestelle für die .de-Domain, sieht man dem Hype gelassen entgegen. "Wir erwarten keine negativen Auswirkungen auf die Nachfrage nach .de-Domains", sagt Sprecherin Beatrice Maisch. Auch Lattemann glaubt nicht daran, dass lokale TLDs dem guten, alten Punkt-dee-ee den Rang ablaufen. "Das ist zwar ein nettes Zusatzangebot, aber sicherlich kein Ersatz", sagt der Professor.

Im ersten Halbjahr 2010 wird die ICANN neue Bewerbungen für TLDs annehmen. Noch im selben Jahr könnten .berlin und andere schon Realität werden. Johannes Lenz von dotBerlin und viele andere TLD-Visionäre hoffen auf das große Ding. Nicht aus purem Idealismus: An jeder registrierten .berlin-Domain verdienen sie als künftige Betreiber kräftig mit. [von Patrick Kremers. Der Artikel erschien zuerst bei Zeit Online]  (md)


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