Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0907/68109.html    Veröffentlicht: 01.07.2009 18:39    Kurz-URL: https://glm.io/68109

Fachkräftemangel bedroht die Wirtschaft

Mehr Naturwissenschaftler treten in den Ruhestand als in das Berufsleben ein

In Deutschland werden jedes Jahr mehr Naturwissenschaftler pensioniert als in den Beruf eintreten, hat eine Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft ergeben. Hochschulen sollen sich deshalb darum kümmern, dass mehr Naturwissenschaftler einen Abschluss machen. Sonst sei die wirtschaftliche Zukunft des Landes gefährdet.

Deutsche Studenten meiden weiterhin technische und naturwissenschaftliche Fächer, bemängelt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Das habe eine Studie ergeben, die der Verband durchgeführt hat. Der Mangel an Absolventen in Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften, den sogenannten MINT-Fächern, könne sogar die gegenwärtige Wirtschaftskrise verlängern, befürchtet der Verband.

Laut der Studie gehen hierzulande jedes Jahr mehr Ingenieure in den Ruhestand als Absolventen in das Berufsleben einsteigen. Die Nachwuchslücke werde von Jahr zu Jahr größer, so der Verband. Der Verband hält diese Entwicklung für folgenreich: Fachkräfte aus dem Bereich MINT seien immens wichtig für Forschung und Entwicklung. Fehlten sie, sei die "zukünftige Innovationskraft Deutschlands", gefährdet, sagte Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Verbandes. Es seien jedoch gerade die Zukunftsbranchen, die darüber entscheiden, "wie gut oder schlecht wir aus der aktuellen Krise herauskommen."

Gesucht: Nachwuchs mit interdisziplinärer Bildung

Mit mehr Absolventen allein ist es jedoch nicht getan. Gebraucht werden Berufseinsteiger mit interdisziplinärer Bildung, sagte Meyer-Guckel. "Die Zukunftstechnologien erfordern ein ganz neues Querschnittsdenken über die klassischen Disziplinen hinaus. Wir brauchen eine neue Ingenieurgeneration, die in fachüberschreitendem Denken geschult und ausgebildet ist. Das ist eine große Herausforderung für Forschung und Lehre an den Hochschulen."

Auch in anderen Ländern ist der Nachwuchs an jungen Naturwissenschaftlern knapp. Selbst im technikbegeisterten Japan ziehen Schulabgänger einen Beruf im Finanzwesen, eine kreative Tätigkeit oder ein Medizinstudium einem technischen Studiengang vor. Laut der Studie des Stifterverbandes sind die Folgen des Fachkräftemangels in Deutschland jedoch gravierender als in den anderen führenden Industrieländern, da hierzulande der Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt höher sei.

Hochschulwettbewerb ausgeschrieben

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat deshalb zusammen mit der Heinz-Nixdorf-Stiftung einen Hochschulwettbewerb ausgeschrieben. Darüber wollen sie die Hochschulen dazu bewegen, Strategien zur Förderung der MINT-Studiengänge zu entwickeln. Dazu gehört etwa, mehr Schulabgänger zu motivieren, sich für diese Studiengänge einzuschreiben, mehr Studenten aus dem Ausland zu gewinnen oder die Quote der Studienabbrecher zu senken. Bis zum 15. Oktober können sich die Hochschulen um Fördergelder von insgesamt 1,6 Millionen Euro bewerben.

Kürzlich hatte auch der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) vor einem Fachkräftemangel in der Informatik gewarnt. Zwei Drittel der deutschen Universitäten verzeichneten seit mehreren Semestern freie Studienplätze im Fach Informatik. Auch Bitkom befürchtet, dass der Bedarf an Informatikern in der Wissenschaft und der Wirtschaft nicht gedeckt werden kann. Allerdings habe sich die Lage leicht verbessert. In den vergangenen beiden Jahren sei die Zahl der Studienanfänger in der Informatik zum ersten Mal seit 2000 wieder gestiegen.  (wp)


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Links zum Artikel:
Heinz Nixdorf Stiftung: http://www.hnf.de/index.html
Stifterverband für die deutsche Wissenschaft (.org): http://www.stifterverband.org
Studie "Nachhaltige Hochschulstrategien für mehr MINT-Absolventen": http://www.stifterverband.info/wissenschaft_und_hochschule/hochschulen_im_wettbewerb/mint_absolventen/mint_hochschulstrategien.pdf

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