Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0906/67851.html    Veröffentlicht: 18.06.2009 20:24    Kurz-URL: https://glm.io/67851

Test: iPhone 3GS - beeindruckend schnell

Kompass zur Orientierung, Sprachsteuerung mit Unterhaltungswert

Schnellere Hardware, ein integrierter Kompass und neue Möglichkeiten der Bedienung - das sind die wesentlichen Neuerungen des iPhone 3GS. Was mit Blick auf die Konkurrenz nicht sonderlich spektakulär erscheint, macht sich in der Praxis angenehm bemerkbar.

Für den Vergleichstest standen ein iPhone 3G und ein iPhone 3GS mit dem neuen iPhoneOS 3.0 zur Verfügung. Beide wurden mit demselben iTunes-Konto synchronisiert. Das Testgerät war ein von Apple gestelltes iPhone 3GS mit 32 GByte Speicher. Im Unterschied zu den im Handel erhältlichen Geräten war Tethering freigeschaltet, also die Möglichkeit, das iPhone als Modem zu nutzen. Mit der Ausnahme von Tethering beschäftigt sich dieser Test nicht weiter mit den allgemeinen Funktionen des iPhoneOS 3.0, das Golem.de bereits ausführlich getestet hat.

Äußerlich ist das neue iPhone 3GS vom älteren iPhone 3G nicht unterscheidbar, das neue Modell verfügt aber über eine fettabweisende Schicht über dem Display. So fällt nach einiger Benutzung der beiden Modelle schnell auf, welches das neue 3GS ist: Das fettverschmierte ist es jedenfalls nicht. Das bedeutet nicht, dass das Display sauber bleibt, doch Fingerspuren sind leichter wegwischbar.

Schnellerer Prozessor und mehr Speicher

Das neue iPhone 3GS hat neue und vor allem schnellere Hardware bekommen. Zwar macht Apple keine konkreten Angaben zu den verwendeten Chips, T-Mobile listete aber vorübergehend einen Prozessor mit 600 MHz. Außerdem wurde der Arbeitsspeicher auf 256 MByte verdoppelt. Das macht sich im Alltag bemerkbar: Das Gerät reagiert schneller, was schon bei einfachen Aufgaben spürbar ist, vor allem aber beim Wechsel zwischen Anwendungen.

Die schnellere Hardware macht sich mit teils drastischen Geschwindigkeitszuwächsen bemerkbar. Der Acid3-Test braucht deutlich weniger Zeit für einen Durchlauf als beim iPhone 3G. Auch im JavaScript-Benchmark SunSpider, den das iPhone 3G mit dem iPhoneOS 3.0 bereits in einem Drittel der Zeit absolvierte, die es mit iPhoneOS 2.2.1 brauchte, ist das iPhone 3GS nochmals deutlich schneller. Das iPhone 3GS beendete den Test in 15,6 Sekunden, das iPhone 3G mit iPhoneOS 3.0 brauchte 43 Sekunden.

Auch beim Aufbau von normalen Webseiten ist der Geschwindigkeitszuwachs deutlich. Die Webseite von Golem.de ist auf dem iPhone 3GS verglichen mit dem Vorgänger doppelt so schnell fertig geladen.

Besonders beeindruckend sind die deutlich kürzeren Ladezeiten bei größeren Anwendungen, vor allem bei Spielen. EAs Sim City für das iPhone lädt fast doppelt so schnell in den größeren Speicher des iPhone 3GS als das beim iPhone 3G der Fall war.

Doch gerade aufgrund dieser positiven Ergebnisse könnte das neue iPhone 3GS zu einem Problem für bestehende iPhone-Nutzer werden. Denn mit dem iPhone 3GS sind die Zeiten einer einheitlichen Plattform endgültig vorbei. Für Entwickler stellt sich die Frage, wie weit die Möglichkeiten der neuen Hardware ausgereizt werden sollen, denn sie riskieren, dass ihre Applikationen auf alten iPhones zu langsam laufen.

Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich iPhone-Anwender damit auseinandersetzen müssen, ob ihr iPhone einer bestimmten Applikation gewachsen ist. Das ist bereits heute bei einigen Anwendungen der Fall und gilt etwa für Applikationen mit GPS-Funktionen, die auf dem iPod Touch gar nicht laufen.

Neue Kamera nimmt auch Videos auf

Apple hat im iPhone 3GS eine neue Kamera verbaut, die jetzt auch Videos aufzeichnen kann, sowohl im Quer- als auch im Hochformat. Allerdings liefert sie Aufnahmen in eher bescheidener Qualität. Für spontane Schnappschüsse ist die Kamera dennoch praktisch, selbst Nahaufnahmen mit einem Abstand von nur 10 cm sind möglich.

Dabei bietet die eingebaute Kamera im iPhone 3GS die Möglichkeit, den Fokus manuell anzupassen. Dazu wird auf dem Touchscreen einfach die Stelle angetippt, die scharfgestellt werden soll. Das ist vor allem bei Nahaufnahmen und feststehenden Motiven interessant und funktioniert recht schnell. Weitergehende Kontrolle über das Bild hat der Anwender aber nicht. Wer die Größe des Schärfebereichs über die Blende oder die Verschlusszeit bestimmen will, greift besser zu einer richtigen Kamera oder einem besseren Kamerahandy.

Kompass zu Orientierung

Der Kompass des iPhone 3GS ist besonders zum Navigieren praktisch. Das betrifft vor allem die fußläufige Navigation. Denn wer in einer fremden Stadt völlig orientierungslos ist, muss häufig das Kartenmaterial mit den Gegebenheiten der Umgebung abgleichen. Schon das Bestimmen der Himmelsrichtung kann bei bewölktem Himmel schwerfallen. Dank des Kompass im iPhone 3GS richtet sich die Karte der Google-Maps-Anwendung in Blickrichtung des Nutzers aus, was die Orientierung erleichtert.

Bei einer Fahrt im ICE hatte der Kompass allerdings Probleme, die Richtung korrekt anzugeben, er richtete sich statt dessen entsprechend dem Fahrdraht aus. Bei langsamer Fahrt war sogar das zum Zug relative Hin- und Herschwingen der Stromleitung auf dem Kompass sichtbar. Auch leichtere elektromagnetische Felder können den Kompass stören, wie sich in der Redaktion zeigte. Allerdings bemerkt das iPhone die Probleme manchmal selbstständig und empfiehlt dann das Mobiltelefon in Form einer 8 zu bewegen. Das hilft aber nur, wenn der Anwender sich aus dem Störgebiet entfernt.

Tethering macht das iPhone zum UMTS-Modem

Das sogenannten Tethering mit einem Mac war extrem einfach. Sofort nach Aktivierung der Funktion und dem Anschluss des Mobiltelefons per USB wählte sich das iPhone ein und stellte dem Notebook die Datenverbindung zu Verfügung. Beim Tethering wird das iPhone 3GS recht warm, allerdings erreicht es keine unangenehm hohen Temperaturen. Wirklich interessant ist diese Funktion allerdings nur mit einer Datenflatrate. Allerdings will T-Mobile die Tethering-Funktion hierzulande nur gegen eine Extragebühr anbieten, so dass sie nicht ohne weiteres zur Verfügung steht. In unserem Testgerät war Tethering von Hause freigeschaltet, wozu sich im Internet auch bereits Anleitungen finden. Denn auch AT&T in den USA unterstützt das Tethering nicht.

Bei einer etwa 100 Minuten dauernden ICE-Fahrt von Hamburg nach Berlin funktionierte das Surfen am Macbook via iPhone-Tethering gut. Es gab in einem Wagen mit Mobilfunkverstärker lediglich zwei Verbindungsabbrüche. Damit unterscheidet sich die Zuverlässigkeit in diesem nicht repräsentativen Szenario nicht von einer Fahrt mit einem Sierra-HSPA-Modem.

Sofern es T-Mobile gestattet, will Apple die Tethering-Funktion mit einem Update über iTunes nachrüsten.

Das iPhone wird zugänglicher ...

Großes Lob verdient Apple für die Accessibility-Bemühungen beim iPhone 3GS. Schade ist, das Apple nicht wenigstens einen Teil der Funktionen auch für ältere iPhones anbietet. Denn um das iPhone auch für sehbehinderte Nutzer gut bedienbar zu machen, lässt sich nun die Bedienoberfläche per Zoom vergrößern oder auf ein Schwarz-auf-Weiß-Layout umschalten, bei dem die Farben invertiert werden. Für Hörgeschädigte lässt sich ein Mono-Modus aktivieren, der auf beiden Kanälen den gleichen Ton ausgibt.

Die Accessibility-Einstellungen lassen sich auch von iTunes aus aktivieren. Meist bietet ein Computer deutlich besser zugängliche Menüs und ist für einen behinderten Menschen entsprechend konfiguriert. Bei der Einrichtung direkt am iPhone ist eventuell Hilfe notwendig.

... und hört aufs Wort

Auch die Sprachsteuerung, die bei einem längeren Druck der runden Haupttaste aktiviert wird, soll für bessere Zugänglichkeit sorgen. Nach einem Signalton kann der Nutzer dem iPhone Befehle diktieren. Das funktioniert etwa bei der Telefonie- und iPod-Funktion. Andere Programme können damit noch nichts anfangen. Vermutlich erweitert Apple die Funktion im Laufe der Zeit, sagen wollte der Hersteller dazu allerdings nichts.

Die Sprachsteuerung funktioniert ohne vorhergehendes Training des Geräts, allerdings muss sich der Benutzer anpassen. Zum einen muss er die Befehle kennen, auch wenn Variationen möglich sind und das iPhone als Laufschrift immer wieder Beispiele anzeigt. Zum anderen gibt es vor allem bei internationalem Musikgeschmack Probleme. Ist das Mobiltelefon auf Deutsch eingestellt, gelingt es nicht oder nur selten, Songs von John Mayer, Watcha Clan oder Fiona Apple abzuspielen, wenn die Namen Englisch ausgesprochen werden. Der Nutzer hat deutlich höhere Chancen auf Erfolg, wenn er die Künstler deutsch ausspricht. Ist das Mobiltelefon auf englisch eingestellt, ist die Musikwahl bei englischsprachigen Künstlern einfacher.

Probleme traten auch auf, wenn der Nutzer zu lange überlegte und das mit einem lauten "Äh" quittierte. Im Test wurde daraus ein A-Ha-Song. Bandnamen, die nur aus Buchstaben bestehen, sind problematisch, wenn ein W darin vorkommt, denn das W sollte nicht als "Double-Ju", sondern als "Weh" ausgesprochen werden. Die Band REM erkennt das iPhone auch nur, wenn sie deutsch ausgesprochen wird. TLC hingegen funktionierte im Test auch in der englischen Aussprache. Das zeigt, dass es dem iPhone manchmal gelingt, auch fremdsprachige Inhalte abzuspielen. Die Band Les Boukakes ließ sich etwa im Deutschen so gut aufrufen wie im Französischen. Im Englischen gelang das jedoch nicht.

Insgesamt machte die Sprachsteuerung den Eindruck, als habe sie vor allem dann Schwierigkeiten, wenn ein Nutzer viele internationale Kontakte und Musikstücke auf seinem iPhone hat. Je größer die Sammlung, desto weniger richtige Treffer landete sie. Manchmal entschied die Sprachsteuerung auch eigenmächtig, ganz andere Titel abzuspielen oder gar einen Kontakt anzurufen. All das erhöhte jedoch den Heiterkeitswert dieser Funktion ungemein.

Fazit

Für Bestandskunden lohnt sich der Wechsel auf ein iPhone 3GS nur in seltenen Fällen, wenn ohnehin eine Vertragsverlängerung ansteht. Am ehesten profitieren Nutzer des ersten iPhones, das keine HSDPA-Unterstützung bietet und schlechtere Akkulaufzeiten hat.

Wer hingegen erst jetzt mit einem iPhone liebäugelt, der sollte auf jeden Fall zum iPhone 3GS greifen und kein kostengünstiges Modell im Abverkauf erwerben. Die höhere Geschwindigkeit des iPhone 3GS macht sich im Alltag deutlich bemerkbar, die Navigation wird durch den eingebauten Kompass vereinfacht und ein iPhone mit 32 GByte bietet genug Platz, um auch eine kleinere Videosammlung unterzubringen. Auch wenn diese Neuerungen auf dem Papier wenig spektakulär wirken, machen sie sich in der Praxis äußerst angenehm bemerkbar.  (ase)


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