Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0906/67480.html    Veröffentlicht: 02.06.2009 07:52    Kurz-URL: https://glm.io/67480

Project Natal: Microsoft und die Revolution im Wohnzimmer

Neues Eingabegerät soll Medieninteraktion grundlegend verändern

Es hatte viele Spekulationen gegeben, jetzt ist klar, um was es ging: Auf der E3 in Los Angeles hat Microsoft ein Zusatzgerät für die Xbox 360 vorgestellt, das die Bedienung von Spielen und anderen Medien mit Bewegungen zulässt - und auf neuartige Weise auf Sprache, Gesichter und sogar Emotionen reagieren soll.

Im Wohnzimmer wartet immer jemand. Sobald der Bürger von morgen in die Nähe seines Fernsehers kommt, verfolgen ihn freundliche Blicke. Ein TV-Avatar grüßt nett, weist auf einen neuen Spielfilm oder ein paar Nachrichten in Facebook oder Twitter hin. So stellt sich Microsoft die künftige Integration der interaktiven Unterhaltung in unser Leben vor. Auf der E3 in Los Angeles hat das Unternehmen erstmals sein Project Natal genanntes Gerät vorgestellt. Das ist auf den ersten Blick nur eine an die Xbox 360 angeschlossene Kamera, die Bewegungen und Stimmen erfasst - aber wenn das Gerät hält, was Microsoft an zusätzlichen Funktionen verspricht, könnte Natal tatsächlich Teile unseres Alltags umkrempeln.

Die grundlegende Technik für das neue Gerät dürfte vom israelischen Unternehmen 3DV Systems stammen, das Microsoft Anfang 2009 gekauft hatte und das sich auf Gestensteuerung spezialisiert hatte. Der kleine Apparat mit dem - wohl als Arbeitstitel zu verstehenden - Namen Project Natal verfügt über eine RGB-Kamera, einen Tiefensensor sowie über Raumklangmikrofone. Im Unterschied zu 2-D-Kameras und 2-D-Kontrollern kann es laut Microsoft Körperbewegungen in 3D aufnehmen, während es zeitgleich auf Befehle, Richtungsänderungen und sogar Veränderungen in der Stimmlage reagieren kann. Der Sensor soll nicht abhängig von den Lichtverhältnissen sein und das System über ein weitgehendes Verständnis für Sprachbefehle verfügen.

In der Praxis bedeutet das: Sobald eine Person in Reichweite der Sensoren gerät, kann Project Natal das korrekte Xbox-Profil zuordnen und den Spieler individuell mit einem Avatar, der seinem echten Gegenüber scheinbar in die Augen blickt, per Sprachausgabe begrüßen. Der Nutzer kann dann entweder selbst Befehle erteilen, oder sich mit Bewegungen durch das Menü der Xbox-Oberfläche scrollen. Auf der Präsentation in Los Angeles funktionierte das alles beeindruckend gut und erinnerte an die Art, in der sich Tom Cruise in dem Film Minority Report durch Computersysteme hangelt. Kein Wunder, dass bei der Präsentation von Project Natal auch dessen Regisseur Steven Spielberg auf die Bühne trat und die neue Technik in höchsten Tönen lobte.

In erster Linie ist die neue Technik für Spiele gedacht. Microsoft zeigte live eine Art 3D-Breakout, bei der eine junge Frau erst einen Ball in Richtung der Blöcke schleuderte und dann mehrere und dabei ordentlich in Schwitzen kam. Dabei sah sie ihr von der Kamera erfasstes virtuelles Ich als durchsichtigen Umriss im Bildschirm, was die Koordination offenbar wesentlich erleichtert.

Ein anderes Beispiel, das nur per Video präsentiert wurde, war eine Rennsimulation. Die Vehikel konnten einfach mit einem gedachten Lenkrad gesteuert werden. Spielberg sagte scherzend dazu: "Microsoft hat das Rad neu erfunden, aber ohne das Rad." Beim Boxenstopp erkannte das System korrekt, dass nun ein anderer Spieler dran war und als Mechaniker mit ebenfalls nur virtuellem Gerät die Reifen warten musste.

Project Natal soll Bewegungen sehr fein erkennen können. Beispielsweise ließ sich ein Aufstampfen des Spielers korrekt auf ein Alter Ego im Bildschirm übertragen. Andere Funktionen sind, dass das Gerät beispielsweise ein nur in die Kamera gehaltenes Skatebord erkennt und es dann virtuell zur Verfügung stellt. Sprich: Auf dem Bildschirm ist das Brett des Spielers zu sehen, der sich aber für seine Stunts auch barfuß auf dem Wohnzimmerboden abstoßen kann. Andere Funktionen sind Bildtelefonie.

Für viele Lacher im Publikum sorgte eine Demonstration, bei der ein Microsoft-Mitarbeiter in einem Malprogramm virtuelle Farbe auf eine ebenfalls virtuelle Leinwand schleuderte und so eine einfache - sehr expressionistische - Landschaft mit Palme zustande brachte. Um einen Elefanten einzufügen, bildete der Präsentator mit einer Kollegin die Silhouette eines solchen Tieres - der Arm als Rüssel.

Auch Stardesigner Peter Molyneux, der beim zu Microsoft gehörenden Studio Lionhead arbeitet, lobte Project Natal außerordentlich. Er zeigte einen Film, in dem ein kleiner Junge im Bildschirm scheinbar ständig Kontakt mit der echten Person hält und dabei durch eine idyllische Landschaft läuft. Als er an einen See kommt, fordert er sein Echtwelt-Gegenüber auf, eine - natürlich nicht vorhandene - Taucherbrille aufzusetzen und erklärt kurz die dafür benötigten Gesten. Anschließend konnte die echte Person über die Kamera Wellen aufwerfen und planschen. Atemberaubend wirkte es, als sie etwas auf ein Blatt Papier schrieb, das kurz zur Kamera hochhob und der Junge hinter dem Bildschirm plötzlich ein virtuelles Papier in der Hand hielt.

All diese Demonstrationen wurden sicher speziell für die E3 und die erste Präsentation vor der Weltöffentlichkeit erstellt. Was Project Natal tatsächlich kann bleibt abzuwarten. Immerhin scheinen die Bewegungssensoren ihre Aufgabe zu erfüllen, ganze Körper zu erfassen und Personen zu unterscheiden. Auch die Spracherkennung scheint zu funktionieren. Wann das Gerät auf den Markt kommt und zu welchem Preis, ist noch nicht bekannt. Ein Hinweis darauf, dass es noch dauern dürfte und wohl nicht mehr 2009 so weit ist. Immerhin hat Microsoft angekündigt, dass es mit allen bislang produzierten und künftigen Generationen der Xbox 360 funktioniert.  (ps)


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Xbox 360 (.com): http://www.xbox360.com

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