Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0905/67361.html    Veröffentlicht: 26.05.2009 14:30    Kurz-URL: https://glm.io/67361

Turtle sagt E-Sport-Turnier in Karlsruhe ab (Update)

E-Sport-Veranstalter Turtle spricht von "schwerem Generationenkonflikt"

Nur wenige Stunden vor einer Gemeinderatssitzung hat Turtle Entertainment eine für Anfang Juni 2009 geplante E-Sport-Veranstaltung in Karlsruhe abgesagt. In der badischen Stadt war das Turnier heftig umstritten, mehrere Parteien und Bürgerinitiativen hatten dagegen mobilgemacht.

Das auf E-Sport-Veranstaltungen spezialisierte Unternehmen Turtle Entertainment hat die für den 5. Juni 2009 geplante Intel Friday Night Game (IFNG) in Karlsruhe abgesagt - und kommt damit wohl nur um wenige Stunden einem Beschluss des Gemeinderats voraus, der sich am Nachmittag mit dem Thema befassen wollte. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Gremium beschlossen hätte, die örtliche Messegesellschaft zu einer Kündigung des Vertrags mit Turtle zu zwingen.

Eltern-LAN ebenfalls abgesagt

Heinz Fenrich, Oberbürgermeister von Karlsruhe und Mitglied der CDU, hatte die Veranstaltung Anfang Mai 2009 genehmigt. Einer der Gründe für das Okay durch Fenrich war, dass die Bundeszentrale für politische Bildung gleichzeitig mit der IFNG eine Eltern-LAN veranstaltet, auf der sich Eltern, Lehrer und Pädagogen über die Welt der Computerspiele hätten informieren können. Die Eltern-LAN findet nun ebenfalls nicht statt. Die IFNG sollte ursprünglich in Stuttgart stattfinden, wurde dort jedoch abgesagt und sollte deshalb nach Karlsruhe verlegt werden, wo sie nun ebenfalls ausfällt.

"Damit kommt auch eine wichtige öffentliche Diskussion und Abstimmung im Gemeinderat nicht zustande", sagte Fenrich. Gerne hätte er die Auseinandersetzung um einen verantwortungsvollen Umgang mit problematischen Computerspielen im Gemeinderat gesehen. "Die Veranstaltung ist vom Tisch, das Thema aber bleibt", so das Stadtoberhaupt.

Veranstaltungen wie die Intel Friday Night Games und umstrittene Computerspiele seien "ein Faktum unserer Jugendkultur", so Fenrich. "Ob man solche Spiele nun mag oder nicht - auch ich stehe ihnen äußerst kritisch gegenüber: Es gibt sie und sie werden von ganz vielen jungen Menschen genutzt", betonte er.

Nach dem Erteilen der Genehmigung war Fenrich unter Druck durch Parteigenossen geraten - insbesondere durch Ingo Wellenreuther, Bundestagsmitglied und Vorsitzender der Karlsruher CDU. Die Spielegegner hatten Vorwürfe erhoben, es würden "Killerspiele" wie das ab 16 Jahren freigegebene Counter-Strike oder das ab zwölf Jahren freigegeben Echtzeitstrategiespiel Warcraft 3 gespielt. Außerdem hieß es, bei der Veranstaltung sei die Einhaltung des Jugendschutzes nicht gewährleistet.

"Wir haben den Eindruck, im Karlsruher Kommunalwahlkampf instrumentalisiert zu werden", begründete Ralf Reichert, Chef von Turtle Entertainment, die Absage. "Mit viel Engagement haben wir den Dialog mit der Karlsruher Politik gesucht und Gespräche geführt. Jeder konstruktiven Diskussion über den Umgang mit Computerspielen und neuen Medien wird allerdings die Grundlage entzogen, wenn von demokratischen Parteien öffentlich die Kündigung rechtsgültiger Verträge angeregt wird."

Distanz zur Jugend

Reichert sagte, sein Unternehmen habe sich in abschließenden Gesprächen gestern und heute mit Oberbürgermeister Heinz Fenrich darauf verständigt, von seinem Vertragsrecht Abstand zu nehmen und die Veranstaltung abzusagen. "Wir bedauern, dass eine Veranstaltung, die seit Jahren Ausdruck zeitgenössischer Jugendkultur ist, regelmäßig in 16 deutschen Großstädten gastiert und selbstverständlich unter Beachtung des ohnehin europaweit schärfsten deutschen Jugendschutzes durchgeführt wird, die Karlsruher Kommunalpolitik mit anhaltenden Diskussionen bestimmt. Es wird deutlich, dass die große Distanz zu unserer Jugend und den neuen Medien einen schweren Generationskonflikt offenlegt."

Nachtrag vom 26. Mai 2009 um 15.00 Uhr:

CDU-Fraktion und der CDU-Kreisverband Karlsruhe-Stadt haben die Absage der IFNG begrüßt. "Wir freuen uns, dass dieses von uns geforderte Ergebnis in Gesprächen zwischen Stadtverwaltung und Veranstalter doch noch erreicht werden konnte", sagte Fraktionsvorsitzende Gabriele Luczak-Schwarz. Die Absage sei allein auf die Initiative der CDU und deren klare und eindeutige Haltung zurückzuführen.

Luczak-Schwarz ist der Auffassung, dass Aufklärung dringend geboten sei, weshalb die CDU eine öffentliche Diskussion und objektive Information nach wie vor begrüßt. "Zudem wird sich die CDU weiter dafür einsetzen, dass die rechtlichen Grundlagen für ein Verbot von Killerspielen und Veranstaltungen, bei denen solche Spiele angeboten werden, geschaffen werden", so die Fraktionsvorsitzende.

"Eine Veranstaltung, bei der 'Killerspiele' den Schwerpunkt bilden, hat in einer städtischen Halle nichts zu suchen", erklärte der CDU-Kreisvorsitzender und Bundestagsabgeordnete Ingo Wellenreuther. "Solche Spiele sind mit dem Werteverständnis der CDU nicht vereinbar. Die Absage ist deshalb die einzig mögliche und richtige Konsequenz." Vor dem Hintergrund der Amoktat in Winnenden sei seiner Meinung nach eine andere Entscheidung kaum zu verantworten gewesen.  (ps)


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Links zum Artikel:
Turtle Entertainment: http://www.turtle-entertainment.de/

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