Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0905/66979.html    Veröffentlicht: 08.05.2009 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/66979

Das Twitter-Barometer

Wahlgetwitter bildet politische Stimmungen ab

Soziale Netzwerke transportieren Meinungen, auch politische. Welche das zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade sind, möchte die Seite wahlgetwitter.de zeigen.

Es sind Kurzmitteilungen wie "Ich esse jetzt eine Bratwurst", die twitter.com das Image eines banalen SMS-Dienstes für gelangweilte Teenager verschafft haben. Dass das Netzwerk auch politisch genutzt wird, zeigt ein Blick auf das Online-Petitionssystem des Deutschen Bundestages: Bereits 42.000 Unterstützer zählte am Donnerstag ein am Montag veröffentlichter Antrag gegen das von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen geplante Gesetz für Internetsperren. Der Grund für die ungewöhnlich hohe Zahl: Der Aufruf zur Unterstützung verbreitete sich blitzschnell über Blogs und über Twitter.

Das Beispiel zeigt: Mit seinen etwa 65.000 aktiven Nutzern in Deutschland birgt Twitter Potenzial, schnell Meinungen zu transportieren. Eine Fähigkeit, die etwa von politischen Meinungsmachern genutzt werden kann. Vier Monate vor der Bundestagswahl ist das nicht uninteressant. Das dachten sich auch mehrere Internetaktivisten und haben das Stimmungsbarometer wahlgetwitter.de ins Leben gerufen. Seit Montag beobachtet es die Meinung von Twitter-Nutzern zu den fünf Parteien, die im September bei der Bundestagswahl antreten werden.

Damit dies möglich ist, müssen Twitter-User beim Senden einer Kurznachricht in Verbindung mit dem Rautezeichen das Kürzel der Partei angeben, die bewertet werden soll. Die Meinung folgt direkt im Anschluss mit einem Minus- oder einem Pluszeichen. Das sieht im negativsten Fall zum Beispiel so aus: "Hab zurzeit ernste Probleme, jemanden zu finden, den ich dieses Jahr wählen kann ... #CDU- #SPD- #FPD- #Gruene- #Linke-".

"Auf diese Weise können wir automatisch alle Twitter-Beiträge nach den entsprechenden Parteikürzeln durchsuchen, samt Bewertung", sagt der Werber Sascha Lobo, der wahlgetwitter.de mitentwickelt hat. Die Ergebnisse werden mittels Balkendiagramm veröffentlicht, abrufbar nach "Tag", "Woche" und "Gesamt".

Die Aussagekraft des Stimmungsbildes ist fraglich. Repräsentativen Charakter hat das Ganze jedenfalls (noch) nicht. Bisher gebe es erst "mehrere hundert Leute, die mitmachen", sagt Lobo, hofft aber auf mehr. Die Seite sei immerhin erst wenige Tage aktiv, müsse sich erstmal "rumsprechen".

Problematisch bei Wahlgetwitter ist auch die Möglichkeit zur unbegrenzten Teilnahme: Jeder Twitter-Nutzer kann so oft stimmen, wie er mag. Das hat etwa der Partei Die Linke am Donnerstag den Spitzenplatz im Plusbereich beschert. "Wir haben ein kleines Problem mit einem Spammer, der alle paar Minuten für die Linke stimmt", räumt Lobo ein, versichert aber, es werde in den kommenden Tagen nachgebessert.

Vom Nutzwert seiner Seite ist er überzeugt: "In diesem Jahr wird die Stimmung im Netz als wichtig wahrgenommen." Spätestens seit der erfolgreichen Onlinekampagne von US-Präsident Barack Obama wissen auch deutsche Politiker: Mit Blogs, sozialen Netzwerken, Youtube und Twitter können Wähler erreicht werden, die auf die konventionelle Parteiwerbung nicht reagieren.

"Auf Twitter sind diejenigen unterwegs, die viel im Netz kommunizieren", sagt Lobo. Diese Multiplikatoren hätten einen entscheidenden Einfluss auf die politische Meinung von anderen Nutzern. Auch auf die von Politikern, hofft Lobo, der die SPD in Internetfragen berät. "Viele aus den Parteien gucken da schon drauf und machen sich Gedanken darüber, warum sie gut oder schlecht ankommen."

Grund dazu hatte am Montagnachmittag die CDU. Nach den Twitter-Aufrufen für die Onlinepetition gegen von der Leyens Internetsperren erhielt die Partei in wenigen Stunden fast 2.000 "Minus"-Stimmen. [von Silke Katenkamp, Zeit Online]  (md)


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