Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0904/66821.html    Veröffentlicht: 30.04.2009 12:25    Kurz-URL: https://glm.io/66821

Roboter revolutionieren den Krieg des 21. Jahrhunderts

Ein Gespräch mit dem US-Politologen Peter W. Singer

Kampfroboter sind kein Science-Fiction mehr, sie sind im Einsatz. Doch das menschliche Verständnis hinkt dieser Veränderung des Krieges hinterher. Golem.de sprach mit dem US-Politologen Peter W. Singer, Autor des Buches "Wired For War", über die "beklagenswerte Ignoranz, wenn es um Roboter geht".

Während wir davon träumen, dass Roboter in der Zukunft ferne Planeten erforschen oder uns im Haushalt zur Hand gehen, ist aus Science-Fiction klammheimlich Science-Reality geworden. Denn die Roboter sind bereits da, sie haben einen anderen Bereich erobert: das Schlachtfeld.

"Das ist eine revolutionäre Technologie - eine Technologie, die die Spielregeln neu definiert", sagt Peter Singer. Er ist Leiter der 21st Century Defense Initiative beim Thinktank Brookings Institution in der US-Hauptstadt Washington. Im Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama war er Koordinator für Verteidigungspolitik.

Für sein Buch "Wired For War", in dem er diese robotische Revolution beschreibt, hat er vier Jahre recherchiert und nach eigenen Angaben "mit ziemlich jedem, der mit Robotern und Krieg zu tun hat", gesprochen: mit Wissenschaftlern, die solche Systeme entwickeln, mit Offizieren in aller Welt, die diese Systeme haben wollen, mit US-Soldaten, die sie einsetzen, und mit Gegnern, die Ziel dieser Systeme sind. Ratlose Science-Fiction-Autoren hat er interviewt, die von der Entwicklung überrollt werden, und Beobachter wie Human Rights Watch, die ihrerseits bei Science-Fiction Anhaltspunkte suchen.

Der Krieg im 21. Jahrhundert wird von Maschinen bestimmt

Die technischen Veränderungen, die sich vor unseren Augen vollziehen, werden in einem Menschenalter die Welt komplett verändern, sagt Singer und vergleicht die Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdrucks: "Er hat die Alphabetisierung der Massen ermöglicht, die Vorherrschaft der katholischen Kirche beendet und letztlich Reformation eingeleitet - aber er hat auch zum Dreißigjährigen Krieg beigetragen. Er hat zur modernen Demokratie beigetragen und den Massenmarkt für Zeitschriften möglich gemacht - zu dem Wissenschaftsmagazine ebenso gehören wie Zeitschriften mit Nacktbildern."

Neuerungen hat es in der Militärtechnik immer wieder gegeben: Langbogen und Schießpulver vergrößerten die Reichweite, Maschinengewehre erhöhten die Schussfolge, die Atombombe brachte nie gekannte Sprengkraft. Doch diese Neuerungen haben laut Singer nur verändert, wie Krieg geführt wird. Die Roboter aber veränderten, wer Krieg führe. "5.000 Jahre lang hatten Menschen das Monopol, Kriege zu führen." Dieses Monopol sei gefallen. Der Krieg im 21. Jahrhundert wird von Maschinen bestimmt.

Dabei sei es unwichtig, so Singer, ob sie von Menschen gesteuert werden oder autonom agieren. Roboter seien künstliche Systeme, die wahrnehmen, denken und handeln können, erklärt er und beruft sich auf den deutschen Robotiker Sebastian Thrun, der mit dem Team der Stanford Universität 2005 die Darpa Grand Challenge gewann. "Wahrnehmung bedeutet, das System muss in der Lage sein, Informationen über das, was in der Welt vorgeht, zu sammeln. Denken heißt, es muss auf der Basis dieser Informationen Entscheidungen fällen, die der Umgebung angemessen sind. Handeln schließlich heißt, es muss in der Lage sein, einen Wandel in der Welt hervorzurufen."

Zehntausende Kampfroboter warten auf ihren Einsatz

Schon jetzt werden in allen Bereichen und Waffengattungen Kampfmaschinen eingesetzt, erzählt Singer. Dazu gehören Bodensysteme wie der Packbot des Herstellers iRobot, der Sprengsätze entschärft, oder das Special Weapons Observation Reconnaissance Detection System (SWORDS), ein mit einem Maschinengewehr bestückter Roboter, den iRobot-Konkurrent Foster Miller entwickelt hat. In der Luft setzt die US-Armee unbemannte Flugzeuge (Unmanned Aerial Vehicle, UAV) wie Predator oder Reaper, auch Predator B genannt, ein, die mit Hellfire-Raketen bewaffnet für Luftangriffe eingesetzt werden. Die größte dieser Drohnen ist Global Hawk, ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug, das so groß ist wie ein kleines Passagierflugzeug. Global Hawk startet, fliegt zu tausende Kilometer entfernten Einsatzorten, kreist dort 24 Stunden, fliegt zurück zum Stützpunkt und landet dort - alles selbstständig.

Zehntausende Kampfroboter warten in den Arsenalen von über 40 Armeen auf der ganzen Welt auf ihren Einsatz. Allein das US-Militär besitzt über 12.000 Roboterfahrzeuge und mehr als 7.000 Drohnen. Es setzt sie seit einigen Jahren im Irak und in Afghanistan ein. Doch nicht nur die USA und ihre Verbündeten, darunter auch Deutschland, haben sie. Auch in Russland und China, im Iran und in Pakistan sind sie zu finden.

Ein neuer Rüstungswettlauf

Schon befinden wir uns mitten in einem neuen Rüstungswettlauf, der aber nach anderen Regeln geführt wird als im Kalten Krieg. Denn, so Singer, nicht mehr nur Staaten können sich die neuesten Waffensysteme leisten. "Diese Technologien sind nicht wie Flugzeugträger oder Atombomben, für deren Bau man riesige Industrieanlagen braucht. Vieles ist handelsübliche Technik. Einige kann man sogar selbst bauen, wie etwa die Drohne Raven. Das ist das kleinste unbemannte Flugsystem, das die USA in Afghanistan und im Irak einsetzen. Für etwa 1.000 US-Dollar kann man diese Drohne nachbauen." Bauanleitungen dafür fänden sich im Internet, auf Seiten wie DIY Drones. Deshalb setzten Akteure, die früher nie an komplexe Waffensysteme gekommen sind, heute Roboter ein. Terroristen etwa: Die Hisbollah etwa verfügt über mehrere Drohnen, die sie schon gegen Israel eingesetzt hat.

"Unsere Vorstellung davon, wer Krieg führt, stimmt mit der Realität des 21. Jahrhunderts nicht mehr überein. Wenn wir von einem Krieger sprechen, denken wir an einen Mann in Uniform, der für sein Land kämpft, weil Politiker das beschlossen haben." Doch heute beteiligen sich an Kriegen nicht mehr nur Staaten, sondern auch nichtstaatliche Organisationen oder private Sicherheits- und Militärunternehmen.

Kriegführen von zu Hause

Mit der Technik ändert sich das Erleben von Krieg. "5.000 Jahre lang bedeutete in Krieg zu ziehen immer das Gleiche. Ob es die alten Griechen waren, die in den Krieg gegen Troja zogen, oder mein Großvater gegen die kaiserlichen japanischen Truppen im Pazifik im Zweiten Weltkrieg: Sie begaben sich in eine Situation, aus der sie nicht mehr heil nach Hause zu ihren Familien zurückkehren würden."

Peter W. Singer (Foto: Autor)
Peter W. Singer (Foto: Autor)
Heutzutage müssen die einen gegen unbemannte Maschinen kämpfen, und die anderen sind weit vom Kriegsschauplatz entfernt und in Sicherheit. Der Predator, der Jagd auf Menschen in Afghanistan macht, wird von einem Piloten in den USA gesteuert."Der Pilot bezeichnete diese Situation als für zwölf Stunden in den Krieg ziehen", erzählt Singer. Tagsüber sitzt der Pilot vor einem Bildschirm und fliegt eine Drohne, abends steigt er in sein Auto und fährt nach Hause. "20 Minuten nach dem Krieg sitzt er mit der Familie zusammen am Abendbrottisch und bespricht mit den Kindern die Hausaufgaben."

Doch dass die Soldaten nicht mehr der Gefahr auf dem Schlachtfeld ausgesetzt sind, bedeutet nicht das Ende psychischer Belastungen. Sie litten sogar mehr unter dem sogenannten Combat Stress und posttraumatischen Belastungsstörungen als viele Soldaten im Irak oder in Afghanistan, so Singer. "Es mag wie ein Computerspiel aussehen oder sich so anfühlen. Das Erleben ist in vielen Fällen sehr belastend und traumatisch für den Krieger in der Ferne. Das mag im ersten Moment merkwürdig klingen, ist es aber nicht."

Denn die Drohnenpiloten erlebten den Krieg unmittelbarer, direkter als etwa ein Bomberpilot, der seine tödliche Last abwirft und sich dann nicht mehr darum kümmert. Die Drohnenpiloten hingegen verfolgten oft stundenlang eine Zielperson, bevor sie den Befehl zum Angriff bekommen, den sie ebenfalls genau beobachten: "Sie sehen die Folgen ihrer Handlung in Großaufnahme auf dem Bildschirm. Sie sehen, wie das Gebäude vor dem Angriff ausgesehen hat und wie es jetzt aussieht. Aber sie sehen nicht nur, wie Feinde, sondern auch wie Kameraden sterben. Ein Luftwaffenangehöriger erzählte mir von einem traumatischen Erlebnis: Die Drohne, die er steuerte, war unbewaffnet, und so musste er ohnmächtig sehen, wie seine Kameraden starben. Das Gefühl der Hilflosigkeit, zusehen zu müssen, ohne etwas tun zu können, ist schrecklich."

Die Hemmschwelle fällt weg

Die Militärs mögen Roboter, weil sie sie anstelle von Soldaten auf gefährliche Missionen schicken können. Ein Befehlshaber erzählte Singer, das Gute an ihnen sei, dass er keinen Brief an eine Mutter schreiben müsse, wenn einer von ihnen zerstört werde. Doch für Singer hat das eine Kehrseite: In der Gesellschaft mache sich die Vorstellung breit, Krieg bedeute keine Opfer mehr. "Wenn die Menschen Krieg als etwas ansehen, das sie nichts kostet, sind sie eher bereit, ihn zu führen", befürchtet er.

Das setze einen Trend fort, der in demokratischen Gesellschaften ohnehin vorherrsche, sagt der Politologe: "Wir haben keine Wehrpflicht mehr, wir erklären nicht mehr formal den Krieg im Parlament, wir zeichnen keine Kriegsanleihen mehr oder zahlen höhere Steuern für einen Krieg. Werden keine Menschen mehr ins Feld geschickt, was durchaus ja politische Konsequenzen haben kann, sondern Maschinen, könnte die ohnehin schon gesunkene Hemmschwelle, Krieg zu führen, ganz wegfallen."

Die neuen Akteure im Krieg stellen auch politische Konventionen des Krieges infrage. "Was ist mit Kriegsverbrechen? Sind sie mit Robotern wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich?", fragt Singer. Ein wichtiger Anlass für Kriegsverbrechen seien Zorn oder Rache wegen des Verlustes von Kameraden. Roboter haben aber keine Gefühle. Also geraten sie nicht in Rage über den Tod ihrer Kameraden. Auf der anderen Seite sind sie auch nicht zu Empathie fähig. Ein Kind, eine alte Frau, ein Soldat, ein Panzer - das sind für sie nur Nullen und Einsen. Das Problem werde mit der Entwicklung zu autonomen Systemen sogar noch drängender. "Das ist beunruhigend: Wollen wir wirklich Krieger, die von der Erfahrung des Krieges unberührt bleiben?"

Ethik im Umgang mit kampffähigen Robotern

Experten sind angesichts dieser neuen Herausforderungen ratlos. Singer hat Human Rights Watch gefragt, an wen man sich wende, wenn Roboter die Falschen töteten. "Die beiden Chefs gerieten in meiner Gegenwart in Streit. Der eine sagte, da müsse die Genfer Konvention angewandt werden, der andere glaubte, die Oberste Direktive aus Star Trek könne hilfreich sein."

Eine Ethik für die Menschen, die mit Robotern zu tun haben, fehlt, sagt Singer. "Welche Art von Robotern sollen wir bauen oder nicht bauen? An welchen Moralkodex soll sich ein junger Roboterentwickler halten? So etwas gibt es gar nicht. Wer soll solche Systeme besitzen dürfen? Nehmen wir die Predator-Drohne: Ist das nur etwas fürs Militär? Zu spät: Das US-Heimatschutzministerium hat sechs. Die Polizei von Los Angeles, von London oder von Vancouver hat sich Drohnen angeschafft. Und was ist mit mir? Ich bin Amerikaner, und wir Amerikaner bestehen auf unserem Recht, Waffen zu besitzen. Schließt das einen Roboter, der Waffen tragen kann, ein?" Solche Fragen seien wichtig, doch niemand beschäftige sich damit, klagt Singer.

Auf der Suche nach Anhaltspunkten

Beschäftigt haben sich mit solchen Fragen immerhin Science-Fiction-Autoren und -Regisseure. Da gibt es zum Beispiel Isaac Asimovs Robotergesetze. Singer lacht: "In Gesprächen über Roboter und Ethik kommt die Rede immer auf Asimovs Gesetze." Das Problem sei aber, dass sie Fiktion seien und mit der Art und Weise, wie Roboter in der realen Welt genutzt werden, wenig zu tun haben.

Es sei nun einmal Zweck eines bewaffneten Predators oder von Swords, Menschen zu schaden - auch wenn das erste Asimovsche Gesetz das verbiete. Asimovs zweites Gesetz besagt, der Roboter solle menschlichen Befehlen gehorchen. Ein Kampfroboter, der Befehlen des Gegners gehorcht, ist jedoch nicht wünschenswert. Das dritte Gesetz schließlich lautet, dass der Roboter sich selbst schützen muss, solange sein Handeln nicht den ersten beiden Gesetzen widerspricht. Doch die Aufgabe der Roboter ist gerade, in gefährliches Terrain vorzudringen, um keine Soldaten dorthin schicken zu müssen. "Wollen wir in so einer Situation, dass sich der Roboter weigert?

Wenn wir Robotern ein Gefühl für Selbsterhaltung geben, dann sind wir außerdem nicht bei Asimov, sondern bei Terminator. Wir können also kein Interesse an Robotern haben, die sich selbst schützen wollen."

Terminator oder Matrix?

Wie groß ist die Gefahr, dass die Roboter wie in der bekannten Filmreihe Terminator eines Tages gegen die Menschen revoltieren? "In den Terminator-Filmen fürchtet Skynet, von den Menschen abgeschaltet zu werden und entschließt sich, diese zuerst zu terminieren."

Wichtig sei die Frage nach den Voraussetzungen, damit das geschehen kann. So müssten die KI-Systeme der Roboter über einen Selbsterhaltungstrieb oder einen Überlebensinstinkt verfügen. Das sei jedoch nicht der Fall - schließlich werden die Roboter dazu gebaut, sich in die Luft sprengen zu lassen. Allerdings arbeiteten Entwickler daran, Robotern solche Instinkte zu geben.

Peter W. Singer: Wired For War
Peter W. Singer: Wired For War
Eine weitere Voraussetzung für den Aufstand der Roboter wäre, dass die Maschinen von den Menschen unabhängig sind. "Eine Global-Hawk-Drohne mag zwar in der Lage sein, selbstständig zu starten, zu fliegen und zu landen. Aber sie braucht immer noch Menschen, die sie betanken oder warten." Und als dritte Voraussetzung dürften die Menschen keine Möglichkeit haben, die Roboter im Notfall abzuschalten. Das sei ein interessanter Punkt, sagt Singer. "Würden die Leute, die mit Terminator aufgewachsen sind, Roboter ohne einen solchen Ausschalter bauen? Andererseits: Wollen wir einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Roboter mit einem großen Ausschalter auf dem Rücken, den ein Osama bin Laden nur betätigen muss? Und können sich die Roboter, wenn sie schlau genug sind, nicht selbst so umprogrammieren, dass die Ausfallsicherung nicht funktioniert?"

Und letztendlich kommen in Science-Fiction-Geschichten die Bösen immer überraschend. In der Realität sollte die Entwicklung jedoch nicht überraschen: "Bevor es superintelligente Roboter gibt, wird es intelligente Roboter und davor wiederum halbintelligente Roboter geben." Allerdings seien die Menschen "beklagenswert ignorant, wenn es darum geht, zu begreifen, wie weit die Robotik bereits ist. Also wird es die Verantwortlichen vielleicht doch überraschen."

Singer hält die Terminator-Filme dennoch nicht für ein realistisches Zukunftsszenario. Seiner Ansicht nach beschreibt die Matrix-Reihe die Zukunft besser. In diesen Filmen sind die Menschen in einer Matrix von Technik gefangen und merken es nicht einmal. "Wir sind bei allem, was wir tun, von Maschinen abhängig: bei der Arbeit, beim Spielen, beim Kommunizieren und jetzt auch beim Kämpfen. Warum sollten die Maschinen also gegen uns revoltieren, wenn wir sie für alles, was wir tun, brauchen?"  (wp)


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Links zum Artikel:
Brookings Institution (.edu): http://www.brookings.edu
DIY Drones (.com): http://diydrones.com/
Peter W. Singer - Wired vor War (.com): http://wiredforwar.pwsinger.com/
Peter W. Singer (.com): http://www.pwsinger.com/

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