Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0904/66404.html    Veröffentlicht: 09.04.2009 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/66404

Cory Doctorow: Erfolg durch Kopieren

Der Science-Fiction-Autor und Blogger im Gespräch mit Golem.de

Cory Doctorow, Schriftsteller und Blogger, stellt seine Werke kostenlos ins Internet und verkauft trotzdem viele gedruckte Bücher. Im Gespräch mit Golem.de erklärt er, warum Kopieren im Internetzeitalter ein Erfolgsrezept sein kann.

Plattenfirmen, Filmstudios und Verlage mögen verzweifelt gegen illegales Kopieren und den Dateitausch über das Internet vorgehen, Science-Fiction-Autor Cory Doctorow steht dem entspannt gegenüber. Denn anders als die traditionellen Medienunternehmen, die Urheber- und Nutzungsrechte aus der analogen in die digitale Welt retten wollen, hat der kanadische Schriftsteller und Boing-Boing-Blogger einen zeitgemäßeren Weg gefunden, das Internet zu nutzen. Golem.de sprach mit Doctorow am Rande der re:publica 2009 in Berlin.

Doctorows Rezept für den Umgang mit dem Internetzeitalter lautet: Statt eifersüchtig Rechte zu hüten und das Kopieren seiner Werke zu verbieten, stellt er seine Bücher unter einer Creative-Commons-Lizenz (CC) kostenlos im Internet zur Verfügung. Mit Erfolg: "Die meisten betrachten meine elektronischen Bücher als Lockmittel, nicht als Ersatz für die gedruckten." Wenn mehr Leser seine Bücher kaufen als sie kostenlos herunterzuladen, macht er Gewinn.

Erfolg durch Loslassen

Diese Rechnung geht auf, erzählt der Autor. Die Nutzer kämen auf seine Website, lüden die Bücher herunter - und kauften sie im Laden. Mehr noch: "Ich bekomme Fanpost aus aller Welt. Meine Bücher sind kommerziell in elf Sprachen erhältlich und nicht kommerziell noch in einigen weiteren, weil die Creative-Commons-Lizenzen es den Fans ermöglichen, die Bücher zu übersetzen", stellt Doctorow zufrieden fest. "Tatsächlich verkaufen sich meine Bücher besser als es der Verlag erwartet hat." Gute Nachrichten nicht nur für ihn: Mit einem ähnlichen Modell hat auch der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho den Verkauf seiner Bücher ankurbeln können.

Anders als man vermuten könnte, war es nicht schwer, den Verlag Tor Books davon zu überzeugen, dieses Modell auszuprobieren. Tor Books gehört wie Golem.de zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Intern wurde im Verlag viel darüber diskutiert, wie Leser elektronische Bücher nutzen. Deshalb sei der Lektor, "ein Geek", bereit gewesen, sich auf Doctorows Forderung einzulassen. Er wagte das Experiment - auch um Marktforschung zu betreiben.

Manche Künstler, so Doctorow, besinnen sich wieder auf alte Tugenden und kombinieren sie mit neuen technischen Möglichkeiten des Internetzeitalters: "In der Musikindustrie haben viele Künstler, kleine unabhängige und arrivierte, Erfolg mit Liveauftritten. Wenn viele ihre Musik kennen, können sie mehr Geld für Konzerte verlangen.". Mit anderen Worten: Musiker, deren Songs viel kopiert werden und die auf der Bühne eine gute Show abliefern, haben Erfolg. Das gelte für Madonna ebenso wie für Jonathan Coulton. Der ehemalige Programmierer verdient seinen Lebensunterhalt mittlerweile damit, live Musik zu spielen, die er im Internet veröffentlicht - und die seine Fans kopieren dürfen.

Werden Medienunternehmen überflüssig, wenn Künstler ihr Publikum direkt erreichen? Nein, sagt Doctorow, Künstler sind nicht unbedingt gute Unternehmer. "Die Fähigkeit, kommerziell erfolgreiche Kunst zu produzieren, geht nicht zwangsläufig mit der Fähigkeit einher, Profit damit zu machen." Da die meisten Künstler keine guten Unternehmer sind, würden weiterhin Dienstleister wie Verleger, Manager oder Agenten gebraucht. Doch die kleineren und effektiveren Unternehmen werden sich nach Doctorows Ansicht in diesem Bereich durchsetzen.

Fingerspitzengefühl statt Refusenik

Auf digitalen Lorbeeren dürfe sich allerdings niemand ausruhen, warnt Doctorow. "Im Internet ändert sich dauernd alles. Das Erfolgsrezept für das nächste Jahr kann im übernächsten schon nicht mehr funktionieren. Die Technik gibt, die Technik nimmt aber auch wieder."

Ständige Auseinandersetzung mit der Technik sei deshalb unerlässlich. Wer auf der Höhe der Zeit sei, wer "Fingerspitzengefühl" für die Entwicklung habe, den könnten Innovationen nicht überrollen.

So glaubt er beispielsweise nicht, dass E-Book-Reader sein Geschäftsmodell ernsthaft gefährden oder das gedruckte Buch komplett ablösen könnten. "Darüber mache ich mir keine Sorgen. Und falls es doch so weit kommt, dann bin ich in einer besseren Ausgangsposition, als wenn ich ein Refusenik wäre."

Das Internet umarmen...

Keine rosige Zukunft prophezeit er hingegen den Unternehmen, die sich an die alten Geschäftsmodelle klammern. Wenn sie sich an die Situation nicht anpassten, würden sie aussterben wie einst die Dinosaurier.

Er glaube der Platten- und Filmindustrie einfach nicht, "dass sie nur in einer Welt existieren kann, in der Kopieren über das Internet verboten ist. Wenn es aber doch so wäre, dass wir uns zwischen dem Internet und der Platten- und Filmindustrie entscheiden müssten, dann wähle ich ganz klar das Internet."

...statt es sperren

Vehement wendet sich Doctorow gegen neue Gesetze, die Nutzer vom Kopieren abhalten sollen. "Was mir am meisten Sorgen bereitet, ist das Konzept der abgestuften Reaktion, die sogenannten drei Schritte".

Die französische Regierung wollte ein Gesetz, die sogenannte Loi Hadopi, verabschieden, das es ermöglicht hätte, Nutzern nach drei Urheberrechtsverletzungen den Internetzugang zu sperren. "Damit wird unterstellt, der Internetzugang sei unwichtig und es sei nicht wirklich schlimm, wenn er abgeschaltet wird", kritisiert Doctorow. Die französische Nationalversammlung hat das Loi Hadopi allerdings heute vorerst scheitern lassen.

"Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen wie Universal wird auf Grund von drei Anschuldigungen, das Urheberrecht verletzt zu haben, vom Internet getrennt. Die Verlage, die Plattenfirmen, die Spielehersteller müssten ihre Geschäfte dann per Fax oder Kurier abwickeln. Das wäre die Todesstrafe für die Unternehmen." Auch für Privatleute sei ein Internetzugang immens wichtig, für die freie Meinungsäußerung, für die Presse- und Versammlungsfreiheit. "Über das Internet bekommen wir medizinische Informationen, wir halten Kontakt mit unserer Familie. Wir arbeiten damit, wir kontaktieren darüber unsere Politiker. Offline gesetzt zu werden ist eine furchtbare Strafe."  (wp)


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Links zum Artikel:
Boing Boing (.net): http://www.boingboing.net/
Cory Doctorow's Craphound (.com): http://craphound.com/

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