Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0903/65794.html    Veröffentlicht: 09.03.2009 20:38    Kurz-URL: https://glm.io/65794

SemProM: Produkte führen Tagebuch

Produkte mit einem Chip wissen alles über sich

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz entwickelt mit mehreren Unternehmen ein digitales Tagebuch für Produkte. Auf Chips werden alle Produktschritte einer Ware - von der Herstellung bis zum Händler - gespeichert. Profitieren sollen Verbraucher ebenso wie Hersteller, Lieferanten und Händler.

Ist das Bioprodukt auch wirklich unter biologischen Gesichtspunkten angebaut? Ist das Gemüse frisch? Die Tiefkühlpizza durchgängig gekühlt worden? Fragen, die sich Käufer täglich in den Supermärkten stellen. Es bleibt ihnen derzeit nur ein kritischer Blick auf die Packung. Das könnte sich jedoch in Zukunft ändern. Dann sollen alle Produkte ein digitales Gedächtnis bekommen, das allen Stationen in der Warenkette - von den Produzenten über die Lieferanten und die Händler bis zu den Verbrauchern - nutzt.

SemProM, Semantic Product Memory, heißt das Projekt, das das ermöglichen soll. Dazu sollen Produkte künftig mit Speicherchips versehen werden, auf denen alles Wichtige festgehalten wird: welche Herstellungsschritte das Produkt in der Fabrik durchlaufen soll, wann es fertig geworden ist, wann es ausgeliefert wurde, wann es beim Händler ankam. Später sollen auch intelligente Speicher eingesetzt werden, die nicht nur von den einzelnen Stellen beschrieben werden, sondern die selbst auch Daten sammeln, etwa festhalten, wenn das Produkt zu lange in der Sonne steht oder herunterfällt.

Von einem solchen Produkttagebuch profitierten alle Beteiligten, erklärt Alexander Kröner vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken: Verfüge ein Produkt über einen Speicher mit Handlungsanweisungen für Maschinen, werde die Herstellung vereinfacht. So wird es nicht mehr nötig sein, die einzelnen Maschinen zu vernetzen. Es reicht aus, die Maschinen mit Lese- und Schreibgeräten auszustatten. Sie lesen, was sie tun sollen, führen den Schritt durch und schreiben eine Statusmeldung in den Speicher des Werkstücks. Für die Hersteller bedeutet das mehr Flexibilität, da sie ihre Produktionsstraßen einfacher verändern können. Außerdem wird es so möglich, individuell zu produzieren, etwa Medikamentenpackungen nach individuellen Anforderungen für einzelne Patienten abzufüllen. Außerdem kann der Ausschuss verringert werden, da ein Produkt von sich aus meldet, wenn etwas nicht stimmt.

In Ansätzen gibt es solche sogenannten Smart Factories bereits, erläutert Jörg Neidig von Siemens. Das Unternehmen nutzt eine solche Technik auf einer Fertigungsstraße für Schaltgeräte, die nach Kundenvorgaben gefertigt werden. Das Werkstück kommt auf einen Objektträger, in dem sich ein RFID-Chip mit den Fertigungsanweisungen befindet, die die Maschinen auslesen. Da der Chip jedoch nicht im Werkstück selbst sitze, sondern im Träger, ende das Produkttagebuch, wenn das Produkt die Fabrik verlasse, so Neidig.

Befindet sich das Tagebuch am Produkt, kann es auch bei den folgenden Stationen weitergeführt werden. Für die Lieferanten wird es mit dieser Technik einfacher, Sendungen zu verfolgen und sie individuell angemessen zu behandeln. Händler und Kunden können über diese Angaben die Integrität einer Ware überprüfen: Kommt sie tatsächlich vom angegebenen Hersteller oder aus dem angegebenen Anbaugebiet? Wurde sie geöffnet oder die Kühlkette unterbrochen?

Großen Gewinn ziehen vor allem die Endkunden aus einem solchen elektronischen Produktgedächtnis: Mit einer Software, dem SemProM-Browser, der beispielsweise auf dem Smartphone läuft, können sie die Produktinformationen auslesen. Dazu gehören die Lieferwege, damit der Kunde feststellen kann, ob ein Ökoprodukt tatsächlich auf dem kürzesten Weg zu ihm gekommen ist, oder Nutzungshinweise, etwa ein Handbuch eines Gerätes oder Hinweise zur individuellen Dosierung eines Medikaments. Daneben sollen die Verbraucher weitergehende Informationen über ein Produkt bekommen: Über den Browser können sie nämlich nicht nur sehen, aus welchen Inhaltsstoffen es besteht, sondern auch online nachschlagen, ob diese Stoffe eine Gefahr darstellen, etwa weil sie allergen sind. Mit solchen Mehrwertangeboten sollen Händler dann um die Gunst der Kunden werben, so Kröner.

Informationen zu löschen, soll zwar möglich sein. Das kann nötig sein, etwa wenn der Hersteller in den Speicher Informationen schreibt, die für seine Betriebsorganisation relevant sind, die aber andere nicht sehen sollen. Um eine Manipulation der Produktdaten zu erschweren, soll das System jedoch so gestaltet werden, dass es nicht möglich ist, Daten rückstandsfrei zu löschen. Damit sei, sagt Kröner, erkennbar, dass Daten bearbeitet wurden.

Ziel des Projektes ist es zum einen, eine Architektur bereitzustellen, in die verschiedene, bereits vorhandene Ansätze sowie unterschiedliche Technologien integriert werden können. Das bedeutet etwa, dass unterschiedliche Speicher genutzt werden, das System also nicht auf RFIDs beschränkt ist. Zum anderen soll über das Projekt Druck im Markt erzeugt werden, damit die Unternehmen bereit sind, diese Technik zu nutzen und sich dafür zertifizieren zu lassen.

Kröner rechnet damit, dass erste Produkte mit einem solche Tagebuch im Jahr 2013 auf den Markt kommen werden. Bis dahin müssten neben den technischen jedoch weitere Fragen geklärt werden, wie etwa die des Datenschutzes. Großes Interesse haben derzeit die Autohersteller und Pharmaunternehmen, von denen eines, 7x4 Pharma, an dem Projekt beteiligt ist.  (wp)


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Links zum Artikel:
Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI): http://www.dfki.de/web/index_html?set_language=de&cl=de
DFKI - Semantic Product Memory (SemProM) (.org): http://www.semprom.org/

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