Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0903/65760.html    Veröffentlicht: 06.03.2009 18:20    Kurz-URL: https://glm.io/65760

Innovationsförderung durch Märkte oder durch Patente?

Studie in Science stützt Zweifel am Patentsystem

Werden Innovationen durch Patente gefördert - oder doch eher durch die Märkte? Mit der Frage befasst sich eine Studie des multinationalen Forscherteams Debrah Meloso, Jernej Copic und Peter Bossaerts.

Für die einen sind sie ein Fluch, für die anderen ein Segen: Patente. Ursprünglich als Instrument zur Innovationsförderung eingeführt, erweisen sie sich heute nicht selten als Innovationsbremse. Fast täglich ist von Patentklagen gegen Technologieanbieter zu lesen. Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, ausschließlich Patente zu vermarkten oder Entschädigungen für Patentverletzungen einzuklagen - ohne selbst ein einziges Produkt zu entwickeln oder herzustellen. Diese Patentverwertungsspezialisten werden oft auch als Patenttrolle kritisiert, die innovativen Unternehmen das Leben schwer machen.

Debrah Meloso, Jernej Copic und Peter Bossaerts wollten wissen, ob es nicht auch ohne Patente geht. Ihre Studie Promoting Intellectual Discovery: Patents Versus Markets erschien gerade im Wissenschaftsmagazin Science.

In einer Reihe von Experimenten testeten die Forscher, wie am schnellsten innovative Lösungen für ein komplexes technisches Problem gefunden und verbreitet werden können. Dabei untersuchten sie zwei unterschiedliche Szenarien.

Im ersten Szenarium wurden exklusive Eigentumsrechte vergeben, wie sie auch Patente darstellen. Im zweiten Szenarium wurde auf exklusive Eigentumsrechte verzichtet. Stattdessen wurden in einem anonymen Markt handelbare Anteile an potenziellen Bestandteilen von Innovationen verteilt. Das Problem, das es zu lösen galt, ähnelte dem aus der Mathematik bekannten Rucksackproblem. Dabei ist aus einer Menge von Gegenständen diejenige Untermenge auszuwählen, die in ihrer Summe ein gegebenes Kriterium am besten erfüllt.

In dem von den Forschern vorgeschlagenen Marktmodell investieren die an einer Innovation interessierten Marktteilnehmer mehr in Dinge wie Rohstoffe, die ihrer Meinung nach am ehesten Bestandteil der Innovation werden können. Deren Wert steigt also, je mehr Marktteilnehmer Anteile daran kaufen wollen. Der Wert eines potenziellen Innovationsbestandteils reflektiert dabei die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer.

Je näher ein Marktteilnehmer selbst an der Entwicklung der Innovation dran ist, desto besser kann er den Wert eines potenziellen Innovationsbestandteils einschätzen. Nachdem eine Innovation entwickelt und bekanntgegeben wurde, stieg die Nachfrage nach ihren Bestandteilen. Alle Shareholder würden von der damit verbundenen Preissteigerung profitieren und so für ihre Innovationsinvestitionen kompensiert werden.

Dieses Marktmodell haben Meloso, Copic und Bossaerts nun in einer Reihe von jeweils vier Experimenten mit dem Patentmodell verglichen. In beiden Konstellationen - Marktsystem und Patentsystem - wurden jeweils bis auf eine Aufgabe optimale Lösungen gefunden. Dabei waren die aufgewandten Kosten vergleichbar. In einem wichtigen Punkt aber unterschieden sich die Ergebnisse, die Marktlösung erwies sich als überlegen: "Deutlich mehr Teilnehmer fanden [hier] die korrekte Lösung als im [Patentsystem]." Darüber hinaus wurde die Lösung für die komplizierteste Aufgabe in Folgeexperimenten ausschließlich in der Marktvariante gefunden.

Die Autoren sind vorsichtig hinsichtlich der Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen ihrer Studie. Sie fordern nicht die Abschaffung des Patentsystems. In vielen Fällen allerdings sei das von ihnen präsentierte Marktsystem überlegen: "Seine wesentlichen Eigenschaften sind eine geteilte Kompensation für Erfindungen und das Verbleiben der Entdeckungen in der Public Domain. So werden sowohl Verzerrungen bei der Verfügbarkeit neuer Produkte vermieden als auch Hindernisse für zukünftige Entdeckungen."

Die Rufe nach einer Patentreform sind besonders in den USA in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Nach dem Regierungswechsel wurde im US-Senat mit einem neuen Gesetzentwurf (Patent Reform Act of 2009) gerade ein weiterer Anlauf gestartet, die teils ruinösen Entschädigungssummen in Patentverletzungsverfahren zu begrenzen. Große Technologieunternehmen begrüßen die Anstrengungen; Patentverwerter, Biotechnologie- und Pharmaunternehmen machen Front dagegen. Beide Seiten argumentieren mit der Innovationsförderung. Für die einen braucht es dafür eher weniger Patentschutz, für die anderen eher mehr. [von Robert A. Gehring]  (ji)


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