Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0902/65254.html    Veröffentlicht: 15.02.2009 11:19    Kurz-URL: https://glm.io/65254

Debian 5.0: Ein erster Blick auf Lenny

Linux-Distribution für zwölf Architekturen

Mit einigen Monaten Verzögerung ist Debian GNU/Linux 5.0 alias Lenny erschienen. Neben aktualisierten Anwendungen wurde der grafische Installer verbessert. Mit Debian Volatile soll außerdem Software, die sehr schnell veraltet, auch in der stabilen Debian-Version lange einsatzfähig bleiben.

Installation
Installation
Debian gilt vor allem als Distribution für Linux-Profis. Das liegt nicht etwa daran, dass das System als verlässlich und gut konfigurierbar gilt. Sondern der von einem komplett unabhängigen Communityprojekt entwickelten Distribution hängt der Ruf an, nicht einsteigerfreundlich zu sein. Schon Debian 4.0 sollte Abhilfe schaffen und brachte etwas, was bei anderen Distributionen längst nicht mehr wegzudenken ist: einen grafischen Installer.

Installation
Den bekam aber nur der zu sehen, der die richtige Option am Bootprompt eingab. In Debian 5.0 ist die grafische Installation nun ein Punkt im Startmenü und auch für Neulinge sofort zu entdecken. Die textbasierte Installation ist aber weiterhin standardmäßig ausgewählt.

Dem Nutzer verlangt der Installer wenige Eingaben ab, eine erweiterte Variante steht aber ebenfalls zur Verfügung. Die Partitionierung übernimmt Debian auf Wunsch komplett selbst und kann die eingerichteten Partitionen auch verschlüsseln. LVM-Unterstützung ist ebenfalls vorhanden. Mittels "tasksel" erfolgt außerdem die Wahl eines Installationsprofils, beispielsweise für Desktoprechner, Notebooks oder verschiedene Servertypen. Eine Mehrfachauswahl ist dabei natürlich möglich. Verfügbare Sicherheitsupdates kann der Installer sofort einspielen.

Partitionierung
Partitionierung
Wer Debian so vertraut, erhält anschließend ein Standardsystem mit Gnome-Desktop. Wer lieber direkt KDE installiert, muss das vorab wählen. Manuell eingegebene Bootoptionen sind dafür aber nicht mehr nötig: Ein Menü listet alle Optionen wie den Experteninstallationsmodus sowie dessen grafische Variante und die Wahl anderer Desktopumgebungen auf.

Das Standardsystem
Die Standardinstallation enthält die wichtigsten Programme. Epiphany und Firefox - der bei Debian Iceweasel heißt - sind als Browser vorinstalliert, Evolution als E-Mail-Programm, Gimp für Bildbearbeitung und als Office-Paket wird OpenOffice.org eingerichtet. War in Debian 4.0 noch Gaim als Instant-Messenger dabei, ist die Anwendung nun nach einem Namenswechsel als Pidgin 2.4.3 enthalten. Rhythmbox übernimmt die Aufgabe des Medienplayers, Totem die des Videoplayers. Dabei ist nun auch in Debian ein Werkzeug integriert, das beim Aufruf einer Mediendatei gegebenenfalls nach benötigten Codecs sucht und diese auch installiert - sofern vorhanden. Denn nach wie vor liefert Debian nur Software mit, die frei im Sinne des Debian-Gesellschaftsvertrages sind.

Gnome
Gnome
Diese Programme liegen im Hauptzweig der Distribution (main). Zusätzlich gibt es jedoch den Zweig non-free, der auch proprietäre Software enthält sowie contrib mit freier Software, die allerdings in Abhängigkeit zu Komponenten aus non-free steht. Damit die Komponenten aus Contrib und Non-Free installiert werden können, müssen diese aktiviert werden. In Debian 5.0 geht das per Mausklick. In vielen Fällen ist das aber mittlerweile unnötig. Denn die von GStreamer mitgelieferten Codecs liegen in Main, den Adobe Flash Player liefert Lenny auch in Non-Free nicht mehr mit. Stattdessen wird nun swfdec-mozilla installiert.

Für die Installation von Codecs und aus rechtlicher Sicht ähnlich problematischen Komponenten bietet sich daher auch weiterhin Christian Marillats Archiv unter debian-multimedia.org an.

Andererseits sind dafür neue Komponenten nach Main vorgerückt: Das OpenJDK findet sich dort nun ebenso wie Alpine, der Nachfolger des bekannten, textbasierten E-Mail-Clients Pine. Die von Red Hat veröffentlichten freien Liberation-Truetype-Schriften liefert Debian jetzt ebenfalls mit.

Software: alt oder neu?
Ein weiterer Kritikpunkt an Debian war die Aktualität. Das Projekt hat immer mehr Wert auf Stabilität denn auf Aktualität gelegt, wodurch es besonders für den Einsatz auf Servern beliebt wurde. Ursprünglich sollte Lenny im September 2008 erscheinen, der Feature Freeze erfolgte bereits im Juli 2008. Da wird schnell klar, dass die nun im Februar 2009 ausgelieferte Software nicht auf dem neuesten Stand sein kann.

Iceweasel
Iceweasel
Der verwendete Kernel ist noch recht nah dran: Lenny nutzt Linux 2.6.26, aktuell ist 2.6.28. Iceweasel ist sogar in der aktuellen Version 3.0.6 dabei. Da das eine Version zur Korrektur von Sicherheitslücken war, konnte sie trotz Feature Freeze in Lenny gelangen. Anders sieht es bei OpenOffice.org aus. Die aktuelle Version 3.0 erschien erst drei Monate nach dem Freeze - Lenny liefert daher noch die Version 2.4.1 mit. Gnome schaffte es in der Version 2.22 in Lenny, aktuell ist die Version 2.24. Bei KDE mag der Unterschied härter wirken: Debian nutzt noch KDE 3.5.9. In der 3.5er-Reihe ist die Version 3.5.10 aktuell, auf dem allerneuesten Stand allerdings ist KDE 4.2. Wer die neue KDE-Generation nutzen will, erhält sie nicht aus dem offiziellen Debian-Archiv.

Debian zu nutzen bedeutet auch, auf ein sehr umfangreiches Paketarchiv zurückgreifen zu können. Neben Gnome und KDE finden sich so noch etliche weitere Desktopumgebungen in Debian. Darunter beispielsweise die schlanken Oberflächen Xfce 4.4.2 sowie LXDE 0.3.2.

Bedingt durch den frühen Feature Freeze - gemessen am Veröffentlichungsdatum - sind viele Pakete in Debian älter als in anderen aktuellen Distributionen. Im Vergleich zu früher hat die Distribution aber auch in Sachen Aktualität Fortschritte gemacht und ist zum Teil recht nah an den aktuell verfügbaren Versionen.

Grafische Paketverwaltung
Grafische Paketverwaltung
Debian wirkt dem Problem zudem aktiv entgegen. Mit Lenny nimmt auch das Debian-Volatile-Projekt ganz offiziell seine Arbeit auf. Volatile bietet Updates für Software, die sehr schnell veraltet, etwa Spamfilter und Virenscanner. So sollen Administratoren mit Debian Stable arbeiten können und dennoch alle Änderungen erhalten, damit solche Programme funktionsfähig bleiben. Funktionale Änderungen oder veränderte Konfigurationen soll es nicht geben.

Systeminterna
Im Kern basiert Debian nun auf dem Kernel 2.6.26 und enthält jetzt auch die Virtualisierungslösung KVM. Xen ist auch weiterhin verfügbar, jetzt in der Version 3.2.1. Außerdem findet sich NTFS-3G in Debian, womit Lese- und Schreibzugriff auf NTFS-Partitionen möglich ist. Auf Notebooks ist Frequency Scaling automatisch aktiv. Als X-Server kommt X.org 7.3 zum Einsatz - aktuell ist X.org 7.4. Die enthaltene X.org-Variante verbessert die automatische Konfiguration des X-Servers und unterstützt bei einigen Intel- und ATI-Chipsätzen RandR 1.2, um beispielsweise automatisch die richtige Auflösung festzulegen. Die Glibc ist in der Version 2.7 enthalten.

Da Debian GNU/Linux gern auf Servern eingesetzt wird, bringt auch die Version 5.0 Anwendungen für diesen Einsatzbereich mit. Exemplarisch seien der Webserver Apache 2.2.9 und das Datenbanksystem MySQL 5.0.51a genannt. Apache 1.x ist in der aktuellen Debian-Version nicht mehr zu finden. PostgreSQL liefert Debian in der Version 8.3 mit, das Serverüberwachungssystem Nagios in der Version 3, was die Entfernung der Version 2 zur Folge hatte. Als System-Log-Daemon wird jetzt Rsyslog genutzt.

Entwickler können auf den GCC 4.3 und Perl 5.10 zurückgreifen. Das enthaltene PHP 5.2.6 wurde mit dem Suhosin-Hardening-Patch versehen. Andere Pakete in Debian wurden mit den GCC-Hardening-Funktionen erstellt, um das System sicherer zu machen. Zudem ist Python 2.5 jetzt der Standard-Python-Interpreter. Die Versionen 2.6.x und 3.0 finden Python-Programmierer nicht in Debian.

Alternative Oberfläche: LXDE
Alternative Oberfläche: LXDE
Debian 5.0 erscheint ohne Unterstützung für den Kernel 2.4.x und nicht mehr für die Sparc32-Architektur. Damit steht Lenny für insgesamt zwölf Prozessorarchitekturen von x86 beziehungsweise x64 bis hin zu zSeries-Mainframes zur Verfügung.

Fazit:
Das Debian-Projekt hält an seinen Werten fest. Wie bisher ist die neue Stable-Variante darauf ausgelegt, ein stabiles und ausführlich getestetes System zu bieten. Das zeigt sich schon an der Entscheidung, das ältere KDE 3.5 anstelle des weniger getesteten KDE 4.x mitzuliefern. Auch wenn der OpenSSL-Fehler in Debian am Ruf der Distribution gekratzt hat, wird das System diesem Anspruch noch immer gerecht.

Durch teilweise aktuelle Softwareauswahl und einen einfachen Installer ist Lenny auch für Einsteiger attraktiv. Wer allerdings neuere Software und regelmäßige Updates auf neue Versionen sucht, sollte zu einer anderen Distribution greifen - oder als erfahrener Nutzer den Debian-Testing-Zweig verwenden. Ihre Stärken spielt die Distribution auch weiterhin vor allem im Serverbereich aus.

Debian GNU/Linux 5.0 steht per Bittorrent, Jigdo und HTTP zum Download bereit. Neben kompletten CD- und DVD-Sätzen gibt es auch Images, um die Distribution über das Netzwerk zu installieren. Eine Live-CD gibt es ebenfalls.  (js)


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Links zum Artikel:
Debian Projekt (.org): http://www.debian.org

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