Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0812/64206.html    Veröffentlicht: 26.12.2008 10:35    Kurz-URL: https://glm.io/64206

Autos klauen statt Finanzkrise - Spiele 2008

Rückblick auf die wichtigsten Entwicklungen im Spielemarkt 2008

Das Spielejahr 2008 stand im Schatten von GTA 4. Kein anderer Titel hat die Deutschen auf Konsole und auf PC mehr bewegt als das Meisterwerk von Rockstar Games. Doch es gab noch mehr als Niko Bellic & Co.

Es wird wohl ein Rekordjahr: Für das Gesamtjahr 2008 hat der Branchenverband Bitkom in der weitgehend finanzkrisenresistenten Spielebranche neue Umsatzhöhen vorausgesagt. Besonders stark sollen die Konsolen zulegen: Die Umsätze mit Xbox 360, Playstation 3 und Nintendo Wii sollen um 6,3 Prozent auf 889 Millionen Euro (2007: 836 Millionen) klettern. Innerhalb kurzer Zeit hätte sich die Zahl der jährlich verkauften Konsolen damit praktisch verdoppelt - im Jahr 2003 konnten die Hersteller lediglich 2,2 Millionen Exemplare absetzen.

In der Spielebranche hat sich 2008 aber noch mehr getan. Golem.de nimmt die wichtigsten Entwicklungen bei Spieldesign, Jugendschutz und Onlinespielen unter die Lupe.

Designvorbild Sandkasten

GTA 4 für PC
GTA 4 für PC
Das große Vorbild für viele Spiele 2008 war der Sandkasten - allerdings bedeutet "Sandbox" hier weder Kies in der Konsole noch genervte Väter und Mütter, sondern die ganz große Freiheit. Der Spieler hat, egal ob in GTA 4, Far Cry 2 und Fallout 3, eine mehr oder in Assassin's Creed am PC eine weniger frei zugängliche Welt und darf dort anstellen, was er möchte. Wer in GTA 4 einfach nur rumfahren und Radio hören möchte - bitteschön, damit lassen sich viele äußerst vergnügliche Stunden verbringen. Wer Stunts will, sucht sich Schanzen und wer eine Story möchte, folgt der Kampagne. Wahlweise bringt es der Held Niko Bellic zum Superschurken oder zum großen Frauenverführer.

So weit und so erfolgreich wie der Millionenseller GTA 4 hat kein anderes Singleplayerspiel das Sandbox-Prinzip getrieben - aber auch Fallout 3 hat sich sehr gut verkauft und konnte hohe Wertungen in der Fachpresse einfahren. In Assassin's Creed geht es deutlich linearer zu, und im nur halb sandkastigen Spore von Will Wright muss der Spieler je nach Level sogar ganz klar vorgegebene Aufgaben absolvieren. In der Öffentlichkeitsarbeit zu Spore ist das Wort "Sandbox" trotzdem regelmäßig gefallen.

Die Kopierschutzdebatte

Spore
Spore
Eigentlich ist die Idee nicht schlecht: PC-Spieler sind sowieso immer online - also müssen sie ein Spiel nach der Installation nur schnell aktivieren, und fortan muss die DVD beim Spielestart nicht mehr im Laufwerk sein. In der Praxis kam das neue Verfahren, das insbesondere Electronic Arts durchdrücken möchte, allerdings nicht so gut an. Es hat im September 2008 bei Spore sogar dafür gesorgt, dass in vielen Foren mehr über das Kopierschutzsystem Securom und weniger über das Spiel selbst diskutiert wurde.

Grund ist, dass viele Spieler die im Hintergrund laufende Software nicht auf ihrem System haben wollen und sich von derartigen Maßnahmen zum Digital Rights Management (DRM) bevormundet fühlen. Eine der Folgen: Spore hat es, offenbar im Rahmen einer Trotzreaktion von vielen Spielern, auf Platz 1 der 2008er-Liste mit illegalen Downloads von Bittorrent geschafft.

Alle Konsolen sind die besten

Der klare Gewinner im Wettrennen der Konsolen heißt 2008: alle. Sowohl Microsoft mit der Xbox 360, als auch Sony mit der Playstation 3 und Nintendo mit der Wii haben unangefochten die Marktführerschaft errungen - zumindest, wenn man den Verlautbarungen der Hersteller glaubt. Sie veröffentlichen nämlich statt handfester Materialien lieber Zahlen oder gar Schätzungen über Teilmärkte, besonders erfolgreiche Wochen oder nicht nachprüfbare Verkaufsverhältnisse von Software zu Hardware, Downloads pro Account - oder was auch immer nach "Wir sind die Nummer 1" klingt.

Die Wahrheit dürfte sein: Weltweit liegt laut unabhängiger Analysen die Wii mit über 40 Millionen verkauften Stück klar vor der Xbox 360 mit geschätzt rund 25 Millionen Exemplaren und der Playstation 3 mit einer Hardwarebasis von rund 18 Millionen. Die Playstation 3 holt immerhin stark auf und hat den Preissenkungsreigen, den Microsoft 2008 durchzog, noch vor sich. Die Wii allerdings spielt ihre Stärke fast nur mit Casual-Titeln und mit Spielen von Nintendo selbst aus. Die Auswirkungen der Konsole auf andere Entwickler und die Branche sind entsprechend gering, sie konzentriert sich auf Xbox 360 und Playstation 3.

Unbeachtet, aber erfolgreich: Browserspiele

Wer ist der wichtigste Player im deutschen Spielemarkt? Diese Frage würde wohl ein Großteil der Computerspieler mit "Crytek" beantworten. Immerhin wurden die Frankfurter unter anderem mit dem Deutschen Entwicklerpreis für das "Best Studio oft the Year" ausgezeichnet. Längst nicht so bekannt, aber inzwischen deutlich größer ist das Karlsruher Unternehmen Gameforge. Es beschäftigt mittlerweile rund 170 Mitarbeiter und plant im Jahr 2009 trotz der Finanzkrise noch einmal rund 150 Einstellungen.

Gameforge produziert und vermarktet Browsergames. Das ist ein Markt, der rasant wächst. Auch Auszeichnungen hat Gameforge gesammelt wie kein anderes deutsches Spieleunternehmen. Allerdings solche, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, weil sie unter anderem von Verbänden oder Stiftungen wie dem Weltwirtschaftsforum stammen. Auch finanziell steht Gameforge glänzend da: Das Karlsruher Unternehmen rechnet für 2009 mit einen Umsatz in dreistelliger und einem Gewinn in zweistelliger Millionenhöhe. Seine jährliche Wachstumsrate gibt Gameforge mit 350 Prozent an.

Gitarren- und andere Helden

Singen, rocken, trommeln - selten zuvor waren Computerspieler so musikalisch wie 2008. Titel wie Guitar Hero, Rock Band, Wii Music, Lips und Singstar ließen nicht nur die Ohren braver Partygäste, sondern auch die Kassen klingeln. Allein die beiden Gründer von Harmonix, die sowohl hinter der Erfindung von Guitar Hero als auch hinter der von Rock Band stecken, haben jeweils dreistellige Millionenbeträge verdient.

Sogar konservative Musiker wie die Herrschaften von Metallica setzen längst auf die Marketing- und Geldvermehrungseffekte eines Guitar Hero. Die gute Laune von Schlagzeuger Lars Ulrich hielt aber nur so lange, bis Berichte im Internet auftauchten, dass sein Album Death Magnetic in der Guitar-Hero-Version deutlich besser klinge als auf CD. Allmählich nähert sich die Sause ihrem Ende: Analysten beobachten zumindest in den USA eine Marktsättigung. Mehr als zwei bis drei Millionen Exemplare kann Activision von Guitar Hero trotz massiver Marketingbemühungen - sogar Heidi Klum trat in einem Werbespot auf - wohl nicht absetzen.

Publisher Reloaded

Bei den Unternehmen hat sich 2008 wenig getan. Die wichtigste Änderung war schließlich schon Ende 2007 bekannt: der Zusammenschluss von Activision und Blizzard. Inzwischen ist die Fusion vollzogen, aber noch nicht so richtig spürbar. Selbst bei der Pressearbeit treten die Unternehmen, abgesehen von einer gemeinsam unterzeichneten Weihnachtskarte, getrennt auf.

Electronic Arts ist wegen Activision-Blizzard nicht mehr der weltgrößte Spielepublisher, und auch sonst lief es nicht gut für die Firma. Eine geplante feindliche Übernahme von Take 2 enttäuschte zumindest in Bezug auf den Unterhaltungswert durch ein monatelang unverändertes Angebot an die Take-2-Anteilseigner. Irgendwann sprachen die Unternehmen hinter verschlossenen Türen, und dann war das Ganze ohne Ergebnis einfach so vorbei.

Das prominenteste Opfer unter den internationalen Entwicklerstudios war Ensemble. Es wurde ohne Vorwarnung und trotz positiver Geschäftszahlen von Microsoft abgeschossen. Deutlich länger zog sich das Aus von Flagship hin. Die Firma von Ex-Blizzard-Mitarbeitern wie Bill Roper hatte sich verkalkuliert. Mit Hellgate: London hatte es keinen Bestseller gelandet und sich außerdem von geschäftstüchtigeren asiatischen Onlinefirmen über den Tisch ziehen lassen. Plötzlich waren die Rechte an Hellgate weg, und wenig später auch der Rest des Unternehmens. Prominentestes Opfer in Deutschland war 10tacle, das im August 2008 Insolvenz anmelden musste. Der Grund waren ambitionierte Projekte, die einfach nicht fertig wurden, und Investoren ohne Geduld - plus viele interne Probleme und Missmanagement.

Warhammer Online
Warhammer Online
Online-Ork schlägt Conan

Auch 2008 führte für Onlinerollenspieler kein Weg an World of Warcraft vorbei. Der Platzhirsch von Blizzard hat trotz allmählich veralteter Grafik und zunehmender Konkurrenz seinen Mitgliederstamm weiter ausgebaut, die Erweiterung Wrath of the Lich King war Anfang November 2008 weltweit das bestverkaufte PC-Spiel des Jahres. Da konnten auch die wichtigsten neuen Spiele Age of Conan und Warhammer Online nur wenig ausrichten. Age of Conan hat, nach Anfangserfolgen, inzwischen mit leeren Servern zu kämpfen, bei Entwickler Funcom kam es zu Entlassungen. Die angekündigte DirectX-10-Version ist in ebenso weiter Ferne wie die Xbox-360-Fassung.

Immerhin, Funcom kämpft noch um sein Spiel - andere haben aufgegeben. Richard Garriott etwa, der bei seinem Ausflug ins All noch fleißig die Werbetrommel für Tabula Rasa gerührt hatte. Wenige Wochen später wurde mangels Kundenmasse die Schließung der Server für Januar 2009 angekündigt. Ebenfalls eingestellt hat Electronic Arts das mit viel Aufwand gestartete The Sims Online - zu wenige Spieler haben die Angebote angenommen.

Spielehardware: Neue Kameras für Spieler

Bei der Hardware hat sich 2008 wenig getan. Die Grafikkartenhersteller und Chipproduzenten haben wie gewohnt mehr Leistung in ihre Produkte eingebaut. Aber Durchbrüche im Jahr 2008 sind Fehlanzeige. Cevat Yerli hat im Rahmen eines Vortrags während der Leipziger GCDC erklärt, woran das liegt und wie sich die Spielegrafik in den nächsten Jahren weiterentwickeln könnte. Im Rahmen der gleichen Veranstaltung hatte übrigens Intel darauf hingewiesen, dass Entwickler zu wenig Rücksicht auf spielende Notebookbesitzer nehmen, und dass mittlerweile mehr Notebooks als Desktop-PCs verkauft werden - geändert hat sich an den Produkten bislang nichts.

Neue stationäre Konsolen kamen nicht auf den Markt, lediglich Sony hat eine leicht verbesserte Version der Playstation Portable veröffentlicht, und Nintendo das DS dezent renoviert. Der neue DSi mit zwei integrierten Kameras und ein paar weiteren Detailverbesserungen ist allerdings bislang nur in Japan erhältlich.

Aufstand der Spielekiller

Auf den ersten Blick war der Spielejahrgang 2008 kein allzu blutiger. Kaum eine Handvoll ernst zu nehmender Titel ist auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gelandet. Prominentestes Opfer war Gears of War 2 von Microsoft. Viele deutsche Spieler haben es einfach bei Händlern aus Österreich geordert. Hinter den Kulissen geht der Kampf derjeniger, die ein hartes Vorgehen gegen gewalthaltige Spiele fordern, allerdings in die nächste Runde.

Insbesondere bayerische Politiker wollen Verbote durchsetzen. Unterstützung findet etwa der CSU-Innenminister Wolfgang Herrmann vor allem bei einem Kreis rund um den Kriminologen Christian Pfeiffer. Auffällig ist, dass sich die Befürworter harter Sanktionen zunehmend dem öffentlichen Diskurs entziehen. Bei einem Kongress in München waren Andersdenkende beispielsweise schlicht unerwünscht. Inzwischen gehen die teils drastischen Vorwürfe sogar dem altehrwürden Deutschen Kulturrat zu weit. In einer Stellungnahme bezeichnete er die Äußerungen von Herrmann als "bayerischen Running Gag". Da wusste er noch nicht, dass der Streit gegen Ende 2008 eskalieren würde - in einem Kölner Aufruf, unterzeichnet und initiiert unter anderem von Christian Preiffer, der die Spielebranche mal eben in die Nähe eines "militärisch-industriellmedialen Komplexes" rückte und Spiele als "Landminen für die Seele" bezeichnete.  (ps)


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