Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0812/64108.html    Veröffentlicht: 12.12.2008 13:54    Kurz-URL: https://glm.io/64108

Britischer Minister will Schutzfristverlängerung für Musik

Einzelmeinung oder Politikwechsel?

Der britische Kulturminister Andy Burnham hat angekündigt, er wolle sich für eine Verlängerung der Schutzfrist für Musikaufnahmen einsetzen. Sie sollen künftig 70 Jahre lang geschützt werden, statt bisher 50 Jahre.

Der britische Kulturminister hat am gestrigen Donnerstag für eine Überraschung gesorgt. Auf einer Konferenz, die von seinem Ministerium und dem Bildungsministerium veranstaltetet wurde, gab er bekannt, er trete für eine Verlängerung der Schutzfrist für Musikaufnahmen ein. Statt wie bisher 50 Jahre nach Erscheinen sollten die Aufnahmen künftig 20 Jahre länger geschützt werden. Bisher vertrat die britische Regierung die Auffassung, dass eine Schutzfristverlängerung nicht in Frage kommt.

Burnham erklärte nun laut BBC: "Es ist nur richtig, wenn jemand, der etwas geschaffen hat oder einen Beitrag zu etwas wirklich Wertvollem geleistet hat, sein ganzes Leben lang davon profitiert."

Ob die Ankündigung des britischen Kulturministers mit dem Rest der Regierung abgestimmt war, ist nicht bekannt.

Burnhams Einsatz für die Schutzfristverlängerung wurde vom Verband der britischen Phonoindustrie (BPI) sogleich begrüßt. Der Verbandsvorsitzende Geoff Taylor wird dazu in der MusicWeek mit den Worten zitiert: "Das Urheberrecht ist die Lebensader unserer Kreativwirtschaft und wir sind erfreut, dass die Regierung das mit ihrer Unterstützung für eine Schutzfristverlängerung anerkennt. Das Urheberrecht stimuliert Investitionen in Musiktalente und fördert die Innovation. Tausende von Musikern, hunderte Musikunternehmen und alle britischen Musikfans werden von einer faireren Schutzfrist profitieren."

Auch Vertreter des Musikerverbandes UK Music zeigten sich vom Vorstoß des Kulturministers hoch erfreut. Der Verbandsvorsitzende Feargal Sharkey sagte: "Nie waren die Kreativindustrien wichtiger für das Prosperieren des Landes als in dieser Zeit des Wandels. Die heutige Ankündigung hinsichtlich der Schutzfristverlängerung sendet ein klares Signal, dass die Regierung... dazu beitragen will, die führende Stellung der britischen Musik in der Welt zu sichern."

UK Music hatte zusammen mit dem BPI in den vergangenen Jahren massiv Lobbyismus betrieben, um eine Schutzfristverlängerung zu erreichen. Zuletzt hatten insgesamt 38.000 Musiker in einer Videobotschaft, die an Premierminister Gordon Brown gerichtet war, um Unterstützung geworben. Die Musiker können dabei auf den Rückhalt von EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy bauen. McCreevy hatte im Sommer einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der eine Verlängerung der Schutzfrist auf 95 Jahre vorsieht.

Bisher war die britische Regierung strikt gegen eine Schutzfristverlängerung. Der von ihr in Auftrag gegebene sogenannte Gowers-Report hatte eine Verlängerung der Schutzfrist als volkswirtschaftlich unsinnig eingestuft. Die britische Regierung hatte sich diese Position zu eigen gemacht und wurde darin von Rechtswissenschaftlern und Ökonomen aus ganz Europa unterstützt. Diese haben in empirischen Untersuchungen herausgefunden, dass der durchschnittliche Musiker von einer Schutzfristverlängerung praktisch nicht profitieren würde.

Stattdessen würde der überwiegende Teil der Mehreinnahmen an Plattenfirmen und wenige Stars und deren Erben fließen. Musikstars im Rentenalter wie Cliff Richard und Paul McCartney, die beide viele Millionen mit Plattenaufnahmen verdient haben, gehören denn auch zu den stärksten Befürwortern der Schutzfristverlängerung. [von Robert A. Gehring]  (ji)


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