Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0811/63703.html    Veröffentlicht: 21.11.2008 14:14    Kurz-URL: https://glm.io/63703

Spieletest: Mirror's Edge - der Anti-Ego-Shooter

Actionspiel von Dice setzt auf Edelgrafik und ungewöhnliche Ideen

Anders als alle anderen: Mit ungewöhnlich gestylter Grafik, einem erstaunlich politischen Szenario und innovativen Ideen erkämpft sich Mirror's Edge auf Xbox 360 und Playstation 3 seinen Platz im Actiongenre.

Mirror's Edge (Xbox 360, Playstation 3)
Mirror's Edge (Xbox 360, Playstation 3)
Wie würde das Gegenteil eines typischen Ego-Shooters aussehen? Zum Beispiel so: Die Welt müsste hell statt düster sein und nicht aus Gängen bestehen, sondern aus großen und offenen Umgebungen. Als Held käme kein tumber Haudrauf in Frage, sondern eine flinke Frau, die bei Gefahr die Beine in die Hand nimmt. Und dicke Waffen oder lange Schusswechsel dürften ebenfalls keine Rolle spielen. Die Variante eines Anti-Shooters gibt es jetzt unter dem Titel Mirror's Edge - produziert ausgerechnet vom sonst für klassische Genrekost der Battlefield-Reihe bekannten Entwicklerteam Dice.

Mirror's Edge spielt in einer auf den ersten Blick blitzsauberen, makellos weißen und freundlichen Stadt - aber die Wirklichkeit hinter den Kulissen sieht anders aus. Ein totalitärer Überwachungsapparat hat die Kontrolle. Wer anders tickt als die Regierung erlaubt, wird gejagt. Ganz besonders gilt das für die Runner, eine Gruppe von freiheitsliebenden Männern und Frauen, die ihre Erfüllung darin finden, im Stil der Sportart Parkour über die Dächer der Metropole zu rennen und zu springen. Der Spieler steuert eine junge Frau namens Faith, deren Schwester als Polizistin arbeitet, und der im Dienst ein Mord am Kandidaten für das Bürgermeisteramt untergeschoben wird.

Mirror's Edge
Mirror's Edge
Von kurzen Zeichentricksequenzen abgesehen sieht der Spieler das Geschehen immer mit den Augen von Faith. Und zwar so, dass es realistisch wirkt - wenn sie sich an einem Leitungsrohr festhält, kann sie ihren Kopf nur ein Stück weit zur Seite wenden. Und wenn sie nach einem Sprung aus großer Höhe mit einer Rolle landet, dreht sich auch der Bildwinkel entsprechend mit. Mit einem Analogstick steuert der Spieler die Lauf-, mit dem anderen die Blickrichtung von Faith. Der linke Button lässt Faith springen, der linke Trigger in die Knie gehen. Die beiden Knöpfe rechts sind in erster Linie fürs Kämpfen zuständig. Wie die Steuerung funktioniert, lernt der Spieler in einem ausführlichen Tutorial - dann geht das mit etwas Übung flott von der Hand.

Mirror's Edge
Mirror's Edge
Spielszenen in Mirror's Edge laufen ungefähr so ab: Faith steht auf einem weißen Hochhausdach unter Beschuss durch einen Regierungshubschrauber hinter sich. Links blockiert die Dachkante, rechts ein Sicherheitszaun - aber vorne leuchten dunkelrot ein paar Bretter. Also flitzt Faith auf die Planken und springt geradeaus, landet auf einem Lüftungsschacht, läuft weiter und rutscht unter ein paar Absperrungen durch bis zu einem dunkelrot leuchtenden Seil, an dem sie sich über mehrere Häuserschluchten hinweg in Sicherheit tragen lässt.

Mirror's Edge
Mirror's Edge
Das rote Leuchten ist die sogenannte "Runner Vision", die den Gegenstand in der Nähe einfärbt, der im Level weiterführt: ein paar Bretter, eine Regenrinne oder eine Leiter. Trotzdem ist der Weg nicht immer offensichtlich - Mirror's Edge legt zwar Wert auf Tempo, aber es gibt immer wieder Abschnitte, in denen Faith sich wie einst Lara Croft in Tomb Raider auf die Suche nach dem Weg machen muss. Wer mag, schaltet die Runner Vision aus - dann zieht der ohnehin gesalzene Schwierigkeitsgrad nochmals spürbar an. Erschwerend kommt hinzu, dass das Spiel den Fortschritt nur an Kontrollpunkten speichert, und die oft zu weit auseinander liegen.

Mirror's Edge
Mirror's Edge
Neben den rot eingefärbten Hinweisen gibt es weitere, teils subtil verwendete Mittel, mit denen die Entwickler den Spieler durch die Levels lotsen: So sind orangefarbene Wände oft ein Zeichen dafür, dass Faith auf dem richtigen Weg ist. Blau hingegen steht meist für Gefahr - und für die Polizei. Ganz eindeutig ist das allerdings nicht immer, was aber Prinzip ist und die Spannung erhöht, weil der Spieler bewusst Risiken eingehen muss. Er springt zwar oft ins Nirwana - sprich: in die Tiefe, kommt aber in den eigentlich sehr linearen Levels doch immer irgendwie voran.

Mirror's Edge
Mirror's Edge
Wer mag, kann Kämpfen ganz aus dem Weg gehen. Flucht ist die pazifistische und meist einfachste Lösung. Nur selten stehen feindliche Cops so, dass Faith sie besser ausschaltet. Weil sie grundsätzlich unbewaffnet antritt, muss sie Gegner entweder mit Fußtritten und Schlägen vermöbeln, oder sie reißt einem Opponenten die Pistole oder die MP aus der Hand. Dazu muss sie aber den Sekundenbruchteil abwarten, in dem die Schießprügel in der Gegnerhand rot leuchten - schwierig, wenn Faith nicht ihre einzige Spezialfähigkeit einsetzt: Sie kann auf Knopfdruck für ein paar Sekunden die Zeit verlangsamen. Mit dem Trick ist das Entwaffnen dann kein großes Problem mehr, und auch bei einigen Sprüngen ist die Zeitlupe hilfreich.

Das Programm verfügt über keinen echten Multiplayermodus. Allerdings lassen sich über das Internet die Bestzeiten sogenannter Time-Trial-Wettrennen austauschen - wahlweise sogar mitsamt einem einblendbaren Ghost.

Mirror's Edge ist für Xbox 360 und Playstation 3 erhältlich und kostet rund 60 Euro. Eine PC-Fassung soll für Januar 2009 erscheinen. Die USK hat das Programm ab 16 Jahren freigegeben.

Fazit:
Mirror's Edge ist das wohl ungewöhnlichste und mutigste große Actionspiel des Jahres. Allein schon mit der durchgestylten, stimmigen und erfrischend anderen Grafik erweitern die Entwickler Dice das, was möglich ist im Computerspiel. Sie haben dafür ein dickes Lob verdient. Aber Mirror's Edge ist nicht nur das Eldorado für Design- und Architekturstudenten, sondern auch ein richtig gutes, packendes Spiel. Wer sich an die Steuerung gewöhnt hat, kann sich mit Faith fast schon in einen Geschwindigkeits- und Freiheitsrausch spielen: Es macht Spaß, über Abgründe zu springen, blitzgeschwind Hindernisse zu überwinden und sich virtuell richtig austoben zu können.

Allerdings enthält die Kampagne auch einiges Frustpotenzial. Nicht immer ist klar, wo Faith als Nächstes hin muss, und so manch gewagter Sprung endet mit gebrochenen Knochen und der Notwendigkeit, einen alten Spielstand zu laden.  (ps)


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Links zum Artikel:
Dice (.se): http://www.dice.se/
Mirror's Edge - Das Spiel (.com): http://www.mirrorsedge.com

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