Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0810/63283.html    Veröffentlicht: 31.10.2008 15:12    Kurz-URL: https://glm.io/63283

Spieletest: Fallout 3 - Abenteuer nach der Atombombe

Rollenspiel von Bethesda erschafft glaubwürdige Endzeitwelt

In der postnuklearen Welt von Fallout 3 herrschen Mutanten und andere Opfer der großen, dicken Bombe. In der trostlosen Ödnis lauert neben riesigen Trümmerbergen und vielfältigsten Gefahren noch etwas anderes: ein Rollenspiel mit Suchtpotenzial.

Fallout 3 (Windows-PC, Xbox 360, PS3)
Fallout 3 (Windows-PC, Xbox 360, PS3)
Was ist die Welt schön - obwohl sie nur aus betongrauen Bunkerwänden besteht. Wer nichts anderes kennt, als der Held in Fallout 3, der ist damit zufrieden. Er verspürt kein großes Verlangen nach dem, was hinter den dicken Mauern von "Vault 101", so heißt der Bunker, liegt - zumal es draußen allen Gerüchten zufolge nur gefährlich und hässlich ist.

Der Start des postapokalyptischen Rollenspiels von Bethesda Software spielt am Ende unseres Jahrhunderts unter der Erde: Im Schnelldurchlauf durchlebt der Spieler Kindheit und Jugend des späteren Helden und legt dabei die Grundzüge seines Charakters fest. Direkt nach der Geburt bestimmt er sein Geschlecht und Aussehen, als krabbelndes Baby im fröhlich bunten Pixelbuch die Basiswerte wie Stärke, Beweglichkeit und Ausdauer. Dann folgen, jeweils getrennt durch Überblendungen, Kindergeburtstage, erste Schießübungen mit dem Luftgewehr im Keller und die Abschlussprüfung in der Bunkerschule. Dabei legt das Programm spielerisch und nebenbei weitere Charakterwerte fest.

Fallout 3
Fallout 3
Der wahre Schnitt und der Start ins eigentliche Spiel kommt dann, als der Herr Papa eines Tages spurlos und unter mysteriösen Umständen verschwindet. Sohnemann fackelt nicht lange und legt sich mit dem Bunker-Sicherheitsdienst an. Er öffnet die dicken Schleusentore von Vault 101. Wenige Schritte später steht der geblendete Held, nachdem das Programm die meisten der Charakterwerte nochmals zur Änderung freigibt, zum ersten Mal im Licht der Sonne, atmet halbwegs frische Luft und sieht vor sich eine Landschaft, auf der sich bis zum Horizont die Trümmer und Ruinen unserer untergegangenen Welt erstrecken. Dann setzt der Spieler seinen Weg fort. Die Haupthandlung von Fallout 3 ist wie eine Schnitzeljagd nach dem Vater angelegt und führt den Spieler von der kleinen Siedlung Megaton bis in die Ruinen von Washington DC und weiter.

Fallout 3
Fallout 3
Neben der Haupthandlung gibt es noch zahlreiche Nebenquests, mit denen der Spieler an Erfahrungspunkte und Kronkorken kommt, die Währung im Spiel. So will gleich in Megaton ein halbseidener Barkeeper, dass der Spieler Schulden eintreibt. Eine Ladenbesitzerin will ein Überlebenshandbuch schreiben und braucht Expeditionserfahrungen aus erster Hand. Und der Sheriff möchte, dass irgendjemand endlich mal die nicht gezündete Atombombe in der Mitte der Siedlung entschärft. Wer das schafft, bekommt im Gegenzug den Schlüssel zu seiner eigenen Blechhütte, die er mit ausreichend Geld selbst in unterschiedlichen Stilrichtungen einrichten und mit Werkzeugen etwa zur Reparatur von Waffen ausstatten kann.

Megaton ist ein Rückzugsort, in dem der Spieler auch später gefundene Gegenstände verkaufen, Munition und Medikamente besorgen und sich ausschlafen kann. Praktisch: Auch wer weit davon entfernt ist, kann sich per Mausklick auf der Weltkarte umgehend in die Siedlung teleportieren - oder an andere, bereits erkundete Stellen.

Fallout 3
Fallout 3
Spielerisch hat Fallout 3 mit den 1997 und 1998 veröffentlichten Vorgängern wenig gemein - bis auf das Szenario natürlich. Der Held von heute zieht in der Ich-Perspektive durch die zerstörte Welt. Wenn es auch eine Außenkamera gibt, dann wird es aber unübersichtlich. Kämpfe laufen in klassischer Ego-Shooter-Manier ab oder mit dem sogenannten V.A.T.S. - was für Vault-Tec Assisted Targeting System steht und ein einfaches pseudo-rundenbasiertes Strategiespielsystem meint, das aber richtig gut funktioniert.

Fallout 3
Fallout 3
Per Druck auf die "V"-Taste pausiert das Spiel, wenn ein Gegner in Sichtreichweite ist, und legt grüne Markierungen über die feindliche Figur. Prozentwerte zeigen, wie wahrscheinlich ein Treffer etwa auf Kopf, Rumpf oder Beine ist, und wie viel das jeweilige Körperteil noch aushält. Der Spieler entscheidet sich dann etwa für den Schädel - falls der gut im Sichtfeld ist. Anschließend löst ein weiterer Knopfdruck einen Angriff aus. Der läuft in schicken, an Max Payne erinnernden Zeitlupensequenzen ab - schick jedenfalls dann, wenn die Kamera keine Probleme macht oder es zu Clipping-Fehlern kommt, was ziemlich oft der Fall ist, aber keine spielerischen Nachteile bringt.

Für diese V.A.T.S.-Attacken benötigt der Spieler Aktionspunkte, die sich ziemlich schnell wieder aufbauen. Trotzdem kommt es durchaus vor, dass er dazu ein bisschen den Gang runter rennt oder den Feind umkreist, um Zeit zu schinden. Einer der Vorteile des Systems: Wer mit einer Waffe antritt, auf die er sich spezialisiert hat, spart massiv Munition, weil er gezielt Schwachstellen beim Feind trifft.

Fallout 3
Fallout 3
Außerdem macht es Spaß, insbesondere gegen größere Gegner. In Fallout 3 hat der Spieler es mit einem breiten Spektrum an Biestern zu tun, von menschlichen Raidern über zombieähnliche Ghouls bis hin zu sehr nach Ork aussehenden Supermutanten. Die KI macht einen guten Eindruck: Feinde verwenden einfache Umzingelungstaktiken, gehen sinnvoll in Deckung und einmal haben wir sogar erlebt, dass ein Standardgegner sich die Superkanone eines Oberbosses geschnappt und damit weitergeschossen hat. Echte KI-Aussetzer haben wir im Test nur sehr selten erlebt.

Fallout 3
Fallout 3
Um der bösen Brut den Garaus zu machen, bekommt der Spieler eine ganze Reihe unterschiedlicher Waffen in die Faust gedrückt. Die Palette reicht vom Messer über den Baseballschläger bis hin zum Colt, und dann vom Jagdgewehr über die Laserkanone bis hin zum handlichen Mini-Atomsprengkopf. Allen gemein: Die Waffen verschleißen und verlieren an Durchschlagskraft. Allerdings lässt sich aus mehreren halb defekten Schießprügeln ein quasi neuer basteln - jedenfalls, wenn die Reparaturfähigkeit entsprechend ausgebaut ist oder sich ein Waffenexperte in Reichweite befindet.

Fallout 3
Fallout 3
Der Zugriff auf Charakterwerte, Waffen, Medikamente, Rüstung und Informationen wie die aktuellen Missionen sowie die Übersichtskarten gewährt der Pip-Boy 3000. Dieser Minicomputer lässt sich fast jederzeit schnell aufrufen und zeigt sehr kompakt alle benötigten Spieleinfos, ist aber recht klickintensiv. Hotkeys gibt es zwar für einzelne Gegenstände, aber nicht für das Waffeninventar an sich oder die Karten. Übrigens, die Karten: Wer in 3D-Spielen leicht die Orientierung verliert, hat in Fallout 3 wohl ein Problem, weil die automatisch mitgezeichneten Übersichten extrem verwirrend angelegt sind und nur schlecht einen Gesamteindruck der Welt vermitteln. Besonders weil der Spieler oft in Tunneln unterwegs ist und die Verknüpfung von Nah- und Weltansicht nicht gut funktioniert.

Fallout 3
Fallout 3
Das Charaktersystem basiert wie im Genre gewohnt auf Erfahrungspunkten. Für getötete Gegner gibt es ebenso wie für erledigte Aufgaben Punkte - und sobald ein neuer Level erreicht ist, darf der Spieler seine Fähigkeiten verbessern. Fallout 3 hat ein sehr übersichtliches System, mit dem sich jeder Spieler seine Wunschfigur basteln kann. Dazu gibt es drei eng verknüpfte Ebenen: Einmal vergibt der Spieler die schon genannten Basiswerte, also Stärke oder Intelligenz. Dann darf er Fertigkeiten wie "Schwere Waffen", "Dietrich" oder "Feilschen" an seine Wünsche anpassen.

Und als Drittes gibt es komplexere Eigenschaften, die von den anderen Werten abhängen: Damit darf sich der Spieler etwa den Status des "Ladykillers" beziehungsweise der "Schwarzen Witwe" geben, wonach er oder sie beim anderen Geschlecht im Kampf mehr Schaden verursachen und in manchen Dialogen ein paar eindeutig-zweideutige Antwortoptionen zusätzlich bekommen. Einige dieser Fertigkeiten sorgen auch dafür, dass es nach Levelaufstiegen mehr Punkte zum Verteilen unter den Basiswerten gibt. Diese Fertigkeiten sollten also möglichst früh aktiviert werden.

Fallout 3
Fallout 3
Fallout 3 erscheint für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC. Die getestete PC-Version hatte noch einige technische Probleme. So ließ sich beim Start die Auflösung nicht an Breitbildmonitore anpassen, und mehr als 1.280 x 1.024 Bildpunkte waren im Menü auch nicht drin. Dabei unterstützt das Programm höhere Auflösungen durchaus - sie müssen nur manuell in der Datei "FalloutPrefs.ini" (Ordner: Dokumente\My Games\Fallout3) unter "iSize W" und "iSize H" eingetragen werden. In allen getesteten Auflösungen und Detailgraden kam es immer wieder zu Abstürzen sowie zum plötzlichen, scheinbar unbegründeten Absinken der Bildwiederholrate, bei der nur ein Spieleneustart Abhilfe schaffte.

Das Programm benötigt laut Hersteller einen Rechner mit Windows XP oder Vista, und davon abhängig 1 oder 2 GByte RAM. Der Prozessor sollte mit 2,4 GHz getaktet sein, die Grafikkarte benötigt 256 MByte RAM, und auf der Festplatte belegt das Spiel rund 6 GByte. Damit läuft das Spiel nur in einer der beiden niedrigen Grafikdetail-Varianten - sieht aber immer noch sehr gut aus. Die höheren bieten in erster Linie bessere Lichteffekte und vor allem eine größere Weitsicht, was im Hinblick auf den Zeitpunkt, ab dem Gegner zu sehen sind, durchaus eine Rolle spielt. Fallout 3 verwendete den Kopierschutz SecuRom zur Abfrage, ob die Spiele-DVD eingelegt ist - eine Onlineaktivierung findet nicht statt.

Fallout 3
Fallout 3
Im Handel kostet Fallout 3 für Xbox 360 und Playstation 3 rund 60 Euro, die PC-Fassung ist für etwa 50 Euro zu haben. Hierzulande erscheint das Programm in einer gegenüber der Originalfassung stark geschnittenen Version - es fließt kein Blut, und auch das Abschießen von einzelnen Körperteilen des Gegners ist nicht möglich. Die USK hat trotzdem keine Jugendfreigabe erteilt. Die deutsche Sprachausgabe geht in Ordnung. Falsche Übersetzungen, unverständliche Abkürzungen oder nicht in Textfelder passende Worte, bei früheren Bethesda-Titeln ein großes Problem, spielen diesmal bis auf Kleinkram keine Rolle.

Fazit:
Der Einstieg mit der Jugend-Charaktererschaffungszeit im Bunker ist genial, dann lässt Fallout 3 kurz nach dem eigentlichen Start rund um Megaton ein bisschen nach. Aber nur, um den Spieler dann immer mehr in seinen Bann zu ziehen. Das Programm hat echtes Suchtpotenzial, weil der Ausbau der Spielfigur dank des genialen Rollenspielsystems große und spannende "Das will ich noch probieren"-Auswirkungen hat. Weil die Handlung neugierig macht, weil die Welt bei aller postnuklaren Ödnis abwechslungsreich und oft sogar schön wirkt. Weil die Kämpfe spannend rüberkommen. Und weil Fallout 3 den Spieler mit seinem erwachsenen Mix aus Ironie, Zynismus und Doppelbödigkeit ernst nimmt.

Von den Bugs abgesehen, die hoffentlich noch per Patch behoben werden, gibt es nur wenige Schwächen. Vor allem die Übersichtskarten gehören dazu. Ob der Spieler in Fallout 3 auf Anhieb den richtigen Weg findet, ist gerade in Bunkern und Tunneln Glückssache. Auch der Pip-Boy nervt auf Dauer etwas mit seiner zu umständlichen Bedienung. Trotzdem: Wer Rollenspiele auch ohne Orks und Elfen mag und mit dem Szenario zurechtkommt, kann sich mit Fallout 3 prima für ein paar Wochen im Privatbunker verschanzen.  (ps)


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Links zum Artikel:
Bethesda (.com) - Fallout 3: http://fallout.bethsoft.com/
Bethesda Softworks (.com): http://www.bethsoft.com/

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