Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0810/63076.html    Veröffentlicht: 21.10.2008 14:58    Kurz-URL: https://glm.io/63076

Spieletest: Fable 2 - mit Hund und Hochzeit im Abenteuerland

Action-Adventure mit Rollenspiel-Elementen von Lionhead

Ein neues Spiel von Designaltmeister Peter Molyneux ist fertig: Fable 2 entführt direkt in eine wunderschöne Fantasywelt mit Liebe, Lust, Verrat und Rache. Abenteurer haben dort vielfältigste Möglichkeiten - wer mag, kümmert sich beispielsweise nicht um die Handlung, sondern erst mal um seine Hochzeit.

Fable 2 (Xbox 360)
Fable 2 (Xbox 360)
Es geht fast zu wie bei Oliver Twist am Anfang von Fable 2. Als kleiner Bengel stolpert der Spieler durch die Gassen einer altenglisch angehauchten Stadt, prügelt sich mit anderen Rotznasen, klaut Whiskey und würde sich nur zu gerne mal den Bauch mit einer warmen Mahlzeit vollschlagen. Leider reicht das Geld nicht für Essen, und deshalb träumt der "Spatz" - so nennt ihn die große Schwester - nur vom prächtigen Leben, wie es der reiche Lord Lucien in seinem Landsitz ganz in der Nähe führt. Rund eine halbe Stunde ist der Spieler beim Auftakt von Fable 2 als Kind unterwegs, lernt Grundlegendes zur Bedienung und erfährt schon mal, dass er Aufträge sowohl auf eine "gute" wie auf eine "böse" Art erledigen kann. Und dann ergattern Spatz und Schwester ein altes Artefakt, bekommen einen Wunsch erfüllt und landen auf märchenhafte Art bei Lord Lucien - aber der Abend endet in einer Tragödie.

Nur im ersten Abschnitt von Fable 2 tritt der Spieler als Kind an. Danach vergehen ein paar Jahre, und dann geht es im Hauptteil des Action-Adventures als junger Erwachsener weiter. Um was für eine Figur es sich dabei handelt, kann der Spieler anfangs nur im engen Rahmen bestimmen: Vor Spielstart gibt es lediglich die Option "Frau" oder "Mann". Charakterklassen, Fernkampf- oder Magiewerte und andere Statistiken hat das Designteam um Peter Molyneux weggelassen. Stattdessen entwickelt sich der Protagonist mit den Entscheidungen, für die sich der Spieler entscheidet.

Fable 2
Fable 2
Solche Entscheidungen gibt es viele: Überreiche ich den Brief eines unglücklich Verliebten der Angebeteten - oder ihrer bösen Mutter? Befreie ich gefangene Sklaven - oder lasse ich sie im Käfig schmoren? Wer anfangs und im weiteren Spielverlauf moralisch einwandfreie Entscheidungen trifft, verwandelt sich allmählich in eine hehre Lichtgestalt, der schon beim Einmarsch in eine Stadt die Frauenherzen nur so zufliegen. Wer dagegen den Weg des Dunkels einschlägt, sieht auch bald so aus und marschiert durch ein deutlich verkommeneres Fantasyreich Albion.

Fable 2
Fable 2
An der eigentlichen Aufgabe ändert das alles nur wenig. Die dreht sich in jedem Fall darum, Rache an Lord Lucien zu nehmen und ihn nebenbei davon abzuhalten, sich die Welt zu unterjochen. Neben dieser auf gut 20 Spielstunden angelegten Hauptquest gibt es zahlreiche weitere Aufgaben, deren Qualität und Umfang stark schwanken: So muss der Spieler Räubernester ausräuchern, von Monstern entführte Kinder retten - oder auch mal einen simplen Botengang erledigen. Den direkten und kürzesten Weg zum jeweiligen Questziel zeigt eine gelb leuchtende Markierung direkt in der Welt - quasi ein Fantasy-Navigationssystem. Den Großteil der Reisen erledigt der Spieler allerdings mithilfe der Teleportfunktion im Menü: Wer mal schnell ein Sonderangebot beim Händler wahrnehmen möchte oder seine Familie besuchen will, wählt im Menü den entsprechenden Eintrag und landet nach einer meist recht langen Ladepause in der Nähe des Zielorts.

Fable 2
Fable 2
Familie spielt tatsächlich eine gewisse Rolle in Fable 2: Mit ein paar Klicks lassen sich die meisten computergesteuerten Personen im Spiel auswählen und dann gezielt mit einfachen Gamepad-Befehlen bezirzen - was quer über alle Geschlechter funktioniert, weil das Spiel zwischen homo- und heterosexuellen Figuren unterscheidet. Sobald dann durch Tanzeinlagen, Siegerposen und Anmachsprüche der "Liebe"-Wert entsprechend angestiegen ist, besiegelt ein überreichter Verlobungsring den Bund fürs Leben. Dann fehlt nur noch ein Haus, und schon steht der Ausübung ehelicher Pflichten nichts mehr im Wege. Sprich: Das Spiel fragt nach einem Klick aufs Bett, ob es denn geschützter oder ungeschützter Sex sein soll, dann sind ein paar eindeutige Geräusche bei ausgeblendetem Bild zu hören. Wer mag, kann sich übrigens auch außerhalb der Ehe vergnügen oder in mehreren Orten Familien gründen. Die Alterung der Hauptfigur hängt vom Fortschritt in der Handlung ab, und nicht mehr wie im ersten Teil vom Level.

Fable 2
Fable 2
Familie, Nachwuchs oder Polygamie kosten ebenso wie die restliche Heldenausstattung Geld - und das ist anfangs ganz schön knapp in Fable 2. Ab und an stolpert der Spieler mal über eine Schatztruhe. Aber um ein ausreichendes Finanzpolster zu bekommen, muss der Spieler in schier endlosen Minispielchen als Schmied beim immer gleichen Moment auf Eisen hauen oder ähnlich langweilige Jobs erledigen. Wer dann genug Bares hat, kann Häuser oder Burgen kaufen und später recht bequem von den Mieteinnahmen leben - was spannender klingt als es ist, denn viel mehr als Rumgeklicke durch Menüs fällt dabei nicht an.

Fable 2
Fable 2
Deutlich interessanter ist das Kampfsystem. Der Held vertrimmt Gegner wahlweise im Nahkampf mit Schwert oder Axt, im Fernkampf mit Armbrust oder Gewehr - oder er setzt auf Magie. Dann kann der Spieler die feindlichen Zombies, Räuber, Mutanten und was sonst noch an Gegnern daherkommt, mit Flammenzaubern abfackeln, mit Blitzen beharken oder mit dem "Chaos"-Spruch so verwirren, dass die Feinde die Orientierung verlieren. Insbesondere die Nahkämpfe können Spieler ein großes Stück weit ihrer Spielweise anpassen: Wer unkomplizierte Action mag und einfach draufhauen möchte, kommt ebenso durch die Gefechte wie Kampfkunstexperten. Die bauen diverse Komboattacken aus, erlernen Gegner-Verlangsamungszauber und weichen Angriffen besser aus. Gevatter Tod spielt in Fable 2 keine große Rolle: Wer stirbt, macht nach ein paar Sekunden ohne weitere Abfrage an gleichen Stelle weiter.

Fable 2
Fable 2
Ebenso gibt es im ganzen Spiel keine Erfahrungsstufen oder Level. Den Charakter baut der Spieler aus, indem er farbige Leuchtkugeln durch Tastendruck einsaugt, die erledigte Feinde verlieren. Sobald genug Kugeln gesammelt sind, lassen sich in den Bereichen Stärke, Können und Willenskraft ein paar Fähigkeiten verbessern, etwa die Zaubersprüche oder Angriffsarten. Werte spielen lediglich eine kleine Rolle bei Waffen und Rüstungen, die etwa über eine einfache Angabe ihrer Angriffskraft verfügen - besonders viele Kampfgeräte und Kleidung sind aber nicht zu finden im Spiel.

Fable 2
Fable 2
Ganz allein ist der Spieler nicht auf sich gestellt: Er wird ständig von einem Hund begleitet. Der Vierbeiner folgt automatisch, bedarf keiner weiteren Aufmerksamkeit und muss auch nicht gefüttert werden. Er meldet sich beim Erkunden der Welt gelegentlich mit einem kleinen Ikon zu virtuellem Wort, das auf einen Schatz hinweist. Außerdem hilft er in Kämpfen ein wenig mit, was allerdings nur ganz selten mal spürbare Auswirkungen hat. Seine Fähigkeiten lassen sich mit Büchern auf magische Art leicht verbessern, und "Hol den Ball" kann der Protagonist mit dem Köter auch spielen - aber sonst bringt der Hund sowohl spielerisch als auch in Sachen Atmosphäre weniger, als Peter Molyneux im Vorfeld angekündigt hatte.

Fable 2
Fable 2
Grafisch macht Fable 2 eine meist fabelhafte Figur. Die Welt sieht schön aus - der Spieler durchstreift idyllische Wäldchen mit kleinen Tümpeln, spaziert durch lebendig wirkende Städte inklusive dem Inneren von vielen Gebäuden. Ab und an führt eine Quest durch interessant gestaltete Höhlen oder einen verwunschen Zauberturm. Das Spiel verfügt über ein dynamisches Tag- und Nachtsystem mit prächtigen Sonnenaufgängen und einem Sternenhimmel.

Fable 2
Fable 2
Wer seine Xbox 360 an Live angeschlossen hat, bekommt andere Mitglieder des Dienstes auf Wunsch als kleine Kugeln direkt in der Welt angezeigt und kann diese Spieler dann in seine Welt einladen, um gemeinsam Monster zu meucheln - zum Testzeitpunkt war dieser Service allerdings noch nicht verfügbar. Auch ein lokales Kooperationsspiel ist möglich, dann steuert ein zweiter Spieler mit seinem Gamepad eine Art Handlanger, der im Kampf mithilft. Pro angefangener Hauptquest speichert Fable 2 einen Spielstand - und zwar nach PC-Art ohne Speichersteine oder Ähnliches, sondern einfach dann und dort, wo der Spieler das möchte.

Fable 2 ist ab 24. Oktober 2008 exklusiv für Xbox 360 erhältlich und kostet rund 70 Euro. Eine PC-Fassung ist laut Microsoft nicht geplant. Allerdings hieß es das bei Teil 1 auch schon - und dann dauerte es rund ein Jahr, bis die inhaltlich leicht erweiterte Version für Windows und sogar für Mac erschien. Die USK hat eine Altersfreigabe "ab 16" vergeben.

Fazit:
Mit Fable 2 ist Lionhead ein richtig tolles Spiel gelungen - aber kein Meisterwerk. Die Handlung ist schön erzählt, aber in großen Teilen voraussehbar. Die Welt sieht toll aus, wirkt aber wegen der Reiseoptionen und vielen Ladebildschirme nicht wie aus einem Guss. Und das Kampfsystem bietet zwar jede Menge Möglichkeiten - aber warum soll sich der Spieler die Mühe machen, wenn er auch auf einfachstem Wege ans Ziel kommt? Spaß macht Fable 2 trotzdem, denn fast immer warten interessante Aufgaben, die Abwechslung stimmt, und Humor sowie viele teils herrlich skurrile Einfälle - Stichwort: redselige Questbegleiter - haben die Entwickler ebenfalls eingebaut. Wer einfach nur sehr gute Unterhaltung sucht, kommt ganz auf seine Kosten.  (ps)


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Links zum Artikel:
Lionhead (.com): http://www.lionhead.com/
Xbox 360 (.com): http://www.xbox360.com

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