Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0810/62812.html    Veröffentlicht: 08.10.2008 14:02    Kurz-URL: https://glm.io/62812

Spieletest: Warhammer Online - der potenzielle Genrekönig

Mythic Entertainment macht dem MMORPG World of Warcraft Konkurrenz

Neuartige Questsysteme, ungewöhnlich spannende Charakterklassen, Massen von interessanten Aufgaben: Warhammer Online bietet jede Menge innovative Ansätze, und schafft es, sie in eine vertraut wirkende Fantasywelt einzubetten. Damit könnte das Entwicklerteam Mythic den Markt für Onlinerollenspiele aufwirbeln.

Warhammer Online (Windows-PC)
Warhammer Online (Windows-PC)
Zehn Komma neun Millionen: So viele Spieler gehen regelmäßig online, um World of Warcraft (WoW) zu spielen. Noch. Denn das Massively Multiplayer Online Role Playing Game (MMORPG) von Blizzard kommt in die Jahre und die Konkurrenz schläft nicht. Nach Der Herr der Ringe Online und Age of Conan ist jetzt mit Warhammer Online ein weiterer WoW-Konkurrent im Fantasyszenario an den Start gegangen. Und diesmal könnte es klappen, dem etablierten Über-MMORPG eine erhebliche Anzahl Spieler aus der Community abzunehmen. Denn das Entwicklerteam Mythic Entertainment hat es geschafft, viele Stärken von World of Warcraft direkt ins eigene Spiel zu übernehmen und trotzdem viele frische, sinnvolle Ideen einzubringen und eine eigenständige Welt zu erschaffen.

Spieler kämpfen in Warhammer Online entweder auf Seiten der Ordnung oder auf Seiten der Zerstörung. Das soll für Gut und Böse stehen, aber das Programm zieht da keine sehr klare Grenze. In den Reihen der Ordnung gibt es das Volk der Zwerge, das Imperium - letztlich Menschen - und Hochelfen. Für die Zerstörung stehen die sogenannten Grünhäute, was ebenso dicke fette Orks sein können wie kleine gemeine Goblins. Zu ihren Verbündeten zählt die Fraktion des "Chaos" - wieder Menschen, diesmal auf düster getrimmt - sowie die Dunkelelfen. Jede der beiden Gruppen hat zehn Klassen, so dass Spieler die Qual der Wahl zwischen 20 sehr unterschiedlichen Charaktertypen haben.

Warhammer Online
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Spieler treten mit einer Reihe von Klassen an, die sich mehr oder weniger an Standards des Genres orientieren. So gibt es Eisenbrecher - nur schwer kaputtbare Tanks - ebenso wie Feuerzauberer und Chaosbarbaren. Mythic bietet den Spielern aber auch eine Reihe von ungewöhnlicheren Rollen an: Wer beispielsweise als eleganter Hexenjäger antritt, kämpft vom Start an mit einem Degen in der einen und mit einer Pistole voller Silberkugeln in der anderen Hand. Kugeln und Pfeile für Bögen stellt das Programm übrigens grundsätzlich unbegrenzt zur Verfügung. Fast alle Klassen verfügen über die Möglichkeiten des konventionellen Kriegshandwerks und auch über magische Fähigkeiten.

Bei den meisten Klassen kann der Spieler als Mann oder Frau antreten - als Ork und Goblin allerdings nicht. Spieler können im Zuge der Charaktergenerierung bestimmen, welche Frisur, Augenfarbe und Gesichtszüge ihr Alter Ego haben soll. Diese Möglichkeiten sind im Vergleich zu Age of Conan aber sehr begrenzt. Die Mitglieder der Klassen in Warhammer Online sehen sich alle sehr ähnlich.

Warhammer Online
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Der Kampf verläuft bei allen Klassen nach dem gleichen, schon aus anderen MMORPGs bekannten Schema: Ziel anvisieren, dann hauen Barbaren oder Magier ihrem Opfer per Zahlentaste eine Attacke um die Ohren - egal, ob es sich dabei um die Faust oder Feuer handelt. Ein paar grundlegende Unterschiede gibt es dann aber doch: Fast alle Klassen verfügen von Anfang an über zumindest einen schwachen Fernangriff, mit dem sich Gegner aus Gruppen heraus anlocken ("pullen") lassen. Das funktioniert in Warhammer Online so gut wie immer. Selbst wer aus einer Gruppe von eng beisammen stehenden Wachen einen Feind anlockt, läuft kaum Gefahr, plötzlich den ganzen Trupp vor sich zu haben.

Warhammer Online
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Und noch etwas macht Warhammer dezent anders: Viele Klassen verfügen über eine individuelle "Kombo"-Anzeige, mit der sich bestimmte Angriffe im Kampfverlauf verstärken oder mit der sich besonders effektive Attacken freischalten lassen. Beispielsweise erhält der elfische Schwertmeister erst dann Zugriff auf stärkere Schwertmanöver, wenn er zuvor seine "Balance" durch den Einsatz von Basisangriffen aufgebaut hat. Und der Hexenjäger sammelt rund um ein kleines Totenkopfsymbol über den Tastatur-Ikons bis zu fünf Stufen Effektivität für magische Pistolenschüsse. Der Sinn der im Spiel intuitiv verständlichen Systeme: Wer Angriffe planvoll aufbaut, hat Vorteile gegenüber Konkurrenten, die nur wild auf die Tasten hauen.

Warhammer Online
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Jeder Spieler beginnt in einem der sechs Startgebiete. Er sieht gleich den ersten Questgeber und kann anfangen, sich vom schwachbrüstigen Level-1-Charakter zum kraftstrotzenden 40er-Helden hochzuleveln. Elfen beginnen in lauschigen Bergtälern, Zwerge in einer Mine. Die Gebiete sind in einzelne Abschnitte unterteilt, zwischen denen neu geladen wird - allerdings sind diese Abschnitte deutlich größer als etwa in Age of Conan oder Guild Wars, so dass Ladebildschirme mit Wartebalken nur selten zu sehen sind.

Warhammer Online
Warhammer Online
Die für den Levelaufstieg benötigten Erfahrungspunkte vergibt Warhammer Online für erledigte Gegner, erkundete Gebiete und vor allem für absolvierte Quests. Die orientieren sich stark am LOTRO-, AoC- und WoW-Strickmuster: Gegenstände sammeln, abholen oder wegbringen, besondere Obermotze umnieten oder eine bestimmte Menge an Monstern umlegen. Warhammer hält sich dabei mit Aufgaben zurück, bei denen sehr viele Gegner des immergleichen Typs nacheinander ins Jenseits befördert werden müssen. Beim Questkomfort geht das Programm weiter als die Konkurrenten: Das Einsatzgebiet jeder Aufgabe ist unübersehbar auf der Weltkarte markiert, die Beschreibungen sind kurz und prägnant, bieten aber auf Wunsch mehr Text für Neugierige. Außerdem sind die wichtigsten Infos direkt vom Bildschirm aus abrufbar, ohne das Questjournal. Bessere Übersicht bietet kein anderes Onlinerollenspiel.

Warhammer Online
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Schon nach wenigen Minuten gesellen sich zu den Einzelspieler-Quests auch Aufgaben, die den Spieler sanft in Richtung echtes Multiplayer stupsen. Am spannendsten und wichtigsten sind die sogenannten "öffentlichen Quests". Beispielsweise läuft der Spieler auf seinem Weg in ein lauschiges Wäldchen und plötzlich zeigen dicke türkise Balken und weitere Einblendungen an: Hier ist öffentliches Questgebiet. Dann läuft er einfach weiter oder beteiligt sich an der Mission - gemeinsam mit vielen anderen Mitstreitern oder nur mit einer Handvoll Kameraden.

Die meisten öffentlichen Quests verlaufen in drei Stufen: Erst müssen die Spieler ohne Zeitdruck eine große Anzahl von Standardgegnern eliminieren - beispielsweise 50 Orks, was notfalls auch auf eigene Faust machbar ist. In der zweiten Stufe ist innerhalb einer Zeitvorgabe - meist um die zehn Minuten - typischerweise rund ein halbes Dutzend stärkere Gegner auszuschalten. Anschließend folgt in der dritten Stufe ein "Held"-Obermotz, der nur von größeren Gruppen niedergestreckt werden kann. Dann ist die öffentliche Quest geschafft, jeder Spieler erhält je nach Einsatz Punkte, und die haben wiederum Einfluss darauf, wie hoch seine Chancen sind, beim Auswürfeln der Beute zum Zuge zu kommen. Selbst wer dabei leer ausgeht: Durch öffentliche Quests füllt sich in jedem Kapitel ein kleiner türkiser Balken am Bildschirmrand. Wenn er ganz voll ist, kann der Spieler besonders starke Waffen oder Rüstungen kaufen.

Warhammer Online
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Auch die weiteren Arten von Massively-Multiplayer-Gefechten sind direkter ins Spiel integriert als bei anderen Titeln. Schon zu den ersten Quests gehört etwa die Teilnahme an einem "Szenario". Zwei Teams kämpfen in einer Instanz gegeneinander um die Kontrolle des Gebiets. Deutlich spannender sind allerdings die späteren "Realm vs Realm"-Schlachten (RvR). Dabei stürmt ein Trupp von Spielern gemeinsam eine Festung oder die Hauptstadt der Gegner. Ballisten räumen einzelne Spieler oder Verteidigungswaffen weg, Rammböcke donnern nach und nach die Tore auf, während sich die Verteidiger nach Kräften wehren - auch, indem sie siedendes Öl von den Festungsmauern kippen. Diese Schlachten sind in mehrere Stufen und Kapitel unterteilt, an deren Ende dann die Entführung des feindlichen NPC-Königs und reichhaltige Belohnungen stehen.

Warhammer Online
Warhammer Online
Durch die Kämpfe steigt nach und nach der Level des Charakters, damit gewinnt er immer neue Fähigkeiten. Derzeit liegt die Levelobergrenze in Warhammer Online bei 40 - allerdings steigt der Spieler auch etwas langsamer auf als bei World of Warcraft (das mit einer Obergrenze von 60 auf den Markt kam). Bei jedem Levelaufstieg gibt es neue Fähigkeiten, also neue Zauber, zusätzliche Kombos oder sonstige Spezialattacken, die bei einem Karriereausbilder freigeschaltet werden müssen.

Parallel dazu existiert ein zweites Erfahrungspunktesystem: die Rufpunkte. Die bekommt der Spieler durch die Teilnahme an Szenarien und RvR-Schlachten. Sie erlauben den Zugriff auf verbesserte Attribute, besondere Gegenstände und Fähigkeiten. Zusätzlich verfügt Warhammer über ein paar weitere Rollenspielelemente, mit denen der Spieler seinen Charakter formen und ausbauen kann.

Warhammer Online
Warhammer Online
All die unterschiedlichen Rollenspielsysteme, Levelanstiege, Erfahrungen, Quests und was noch so passiert in Warhammer Online fasst der "Wälzer des Wissens" zusammen. Auf den ersten Blick wirkt das virtuelle Buch wie ein besonders umfangreiches Questjournal, aber dahinter steckt mehr: Dort zeichnet das Programm fast alles auf, was der Spieler während seiner Onlinekarriere erlebt. Welchen Monstergattungen er begegnet ist und wie oft er eines der Biester getötet hat, welche Gebiete er erkundet hat und welchen besonderen NPCs er zunicken durfte, ist dort ebenso aufgeschrieben wie eine Übersicht der absolvierten und offenen Aufträge. Der Wälzer ist extrem umfangreich, lädt zum Stöbern ein und dürfte künftig von anderen Programmen kopiert werden.

Warhammer Online
Warhammer Online
Technisch hatten wir im Test keine echten Probleme mit Warhammer Online - weder Abstürze noch signifikante Bugs. Ein paar kleine Probleme gibt es aber doch: So ruckelte die Grafik selbst auf schnellen Systemen ohne ersichtlichen Grund an manchen Stellen stark, eine Viertelstunde später lief es dort butterweich, ohne dass vorher mehr Monster oder Spieler anwesend waren. Auch am Netzwerkcode sollte Mythic noch basteln: Das Programm verkalkuliert sich ziemlich oft bei der Berechnung von Bewegungen. Das führt dazu, dass sich angegriffene Gegner zunächst nicht vom Fleck zu rühren scheinen, sich dann aber urplötzlich direkt beim Spieler befinden.

Warhammer Online
Warhammer Online
Warhammer Online ist exklusiv für Windows-PC erhältlich; ob später noch Versionen für Linux und Mac nachgereicht werden, ist derzeit nicht bekannt. Das Programm benötigt eine CPU mit mindestens 2,5 GHz sowie eine Grafikkarte mit 128 MByte RAM, die Pixel Shader 2.0 unterstützt. Unter Windows XP genügt 1 GByte Arbeitsspeicher, unter Vista müssen es 2 GByte sein. Die Verkaufsversion für rund 50 Euro enthält 30 Tage Spielzeit. Danach ist ein kostenpflichtiges Abo fällig. Es kostet bei einer Laufzeit von einem Monat 12,99 Euro, bei drei Monaten 35,97 und bei einem halben Jahr 65,93 Euro. Zusätzlich sind für 29,99 Euro Prepaid-Karten mit einer Spieldauer von 60 Tagen erhältlich. Die USK hat den Titel ab zwölf Jahren freigeben.

Fazit:
Die jetzt veröffentlichte Version von Warhammer Online ist in vielerlei Hinsicht besser als die Ursprungsfassung von World of Warcraft! Allein das ist ein riesiger Erfolg für Mythic Entertainment. Vor allem aber ist es für Spieler toll, denn mit neuen Ideen wie den öffentlichen Quests, der Vielzahl an spannenden Charakterklassen und dem RvR-System sorgt das Programm für unfassbar viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Auch im Detail legt der Genreneuling die Messlatte höher: etwa mit dem Wälzer des Wissens, mit den vielen tollen Belohnungen, mit dem superleichten Anschluss an Gruppen, den spannenden Quests und vielen weiteren Details.

Echte Schwächen gibt es kaum: An der Grafik- und Netzwerkengine sollte Mythic weiter feilen, große Probleme bereiten beide aber nicht. Natürlich gibt es in Warhammmer noch viel zu tun. Das ein oder andere Element wird sicher noch den Wünschen der Community angepasst. Was die Endgame-Inhalte und das Feintuning betrifft, hat Blizzard einfach ein paar Jahre Vorsprung. Trotzdem: Wer Onlinerollenspiele mag, kommt an Warhammer Online nicht vorbei.

 (ps)


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Links zum Artikel:
Mythic Entertainment (.com): http://www.mythicentertainment.com/
Warhammer Online - europäische Website (.com): http://www.war-europe.com

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