Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0810/62773.html    Veröffentlicht: 06.10.2008 12:24    Kurz-URL: https://glm.io/62773

Test: Neue Touchscreenoberfläche von Nokias 5800 XpressMusic

Nokias Bedienkonzept bringt keine Innovationen und setzt auf Bewährtes

Nokias erstes S60-Smartphone mit Touchscreensteuerung bringt keine neuartigen Ansätze in der Bedienung, wie ein Kurztest von Golem.de zeigt. Mehr als zwei Jahre hatte der langjährige Marktführer im Mobiltelefonsegment an einer Touchscreenunterstützung für die S60-Plattform gearbeitet. Das gab Anlass zur Hoffnung auf neue Konzepte, die aber mit dem 5800 XpressMusic nicht erfüllt wurde.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Das bisherige Bedienkonzept von Symbian S60 hat Nokia mit der 5th Edition fortgeführt und sich nicht für einen komplett neuen Ansatz entschieden, den eine Touchscreensteuerung erlaubt hätte. Beim S60 befinden sich am unteren Bildschirmrand zwei Menüpunkte zur Steuerung der Applikationen. Auch in der 5th Edition gibt es diese beiden Menüpunkte, die allerdings vergrößert wurden, damit sie gut mit dem Finger bedient werden können. Auch die übrigen Bedienelemente wurden so angepasst, dass Fingersteuerung gut möglich ist.

Der im 5800 XpressMusic verwendete Touchscreen unterstützt keine Multitouchtechnik, so dass Befehle immer nur mit einem Finger ausgeführt werden können. Vergrößerungsbefehle durch Aufziehen mit zwei Fingern wie beim iPhone unterstützt das Mobiltelefon somit nicht. Dafür kann der von Nokia verwendete Touchscreen auch mit einem Stylus oder mit dem Fingernagel bedient werden, was bei Multitouchmodellen wiederum nicht möglich ist.

Als ungewöhnlich kann die hohe Farbanzahl gelten, die der 3,2 Zoll große Touchscreen im 5800 XpressMusic erreicht. Bis zu 16 Millionen Farben kann das Display darstellen. Andere Touchscreens in Mobiltelefonen liefern üblicherweise nur eine Farbtiefe von bis zu 65.536 Farben. Auch die Auflösung des Displays in Nokias Smartphone überzeugt mit bis zu 640 x 360 Pixeln. Zum Vergleich: Das iPhone-Display liefert hier nur eine Auflösung von 480 x 320 Pixeln.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Beim 5800 XpressMusic hat sich Nokia entschlossen, alle Bedienschritte auf dem Touchscreen mit einem leichten Vibrieren des Geräts zu quittieren. Das soll die Bedienung vereinfachen, weil der Nutzer eine Rückmeldung erhält, wenn er einen Befehl ausführt. Die Vibration war dabei sehr dezent, so dass sie nicht weiter störte, aber die versprochene Bedienverbesserung war nicht zu bemerken. Mit einem Schiebeschalter lassen sich der Touchscreen und alle Tasten blockieren, so dass ungewollte Aktivierung von Befehlen, etwa in der Hosentasche, ausgeschlossen sein sollte.

Neben der Touchscreensteuerung stehen noch drei Bedienknöpfe unterhalb des Displays zur Verfügung. Der weiße Knopf in der Mitte öffnet den Programmstarter des Mobiltelefons. Wenn die Taste einige Sekunden niedergedrückt wird, erscheint ein Taskmanager. Der Nutzer kann so erkennen, welche Programme aktiv sind und diese bei Bedarf beenden. Dazu muss er aber die betreffende Applikation zunächst öffnen. Aus dem Taskmanager heraus kann ein Programm nicht beendet werden und es fehlt auch eine Funktion, um alle laufenden Programme mit einem Klick zu schließen. Falls zu viele Applikationen gleichzeitig laufen, kann sich dies negativ auf die Reaktionsgeschwindigkeit des Mobiltelefons auswirken.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Den Startbildschirm mit der Kontaktleiste öffnet ein Druck auf die grüne Taste, die auch dazu dient, Anrufe anzunehmen. Mit der roten Tasten können eingehende Anrufe abgelehnt oder laufende Telefonate mit einem Klick beendet werden. Als weiteres zentrales Bedienelement öffnet ein Druck auf den Knopf rechts oberhalb des Displays die Medialeiste, die so immer zur Verfügung steht. Der Anwender öffnet darüber den Musikplayer, den Videoplayer, den Bildbetrachter oder den Webbrowser oder greift auf Dienste im Internet zu.

Auf der linken Gehäuseseite befinden sich Tasten zur Lautstärkeregelung sowie ein Kameraauslöseknopf, um zügig Fotos mit der integrierten 3,2-Megapixel-Kamera zu schießen. Der Einsatz eines Carl-Zeiss-Tessar-Objektivs verspricht gute Bilder, im Kurztest ließ sich das nicht näher beleuchten. Der Speicherkarten- und SIM-Card-Steckplatz befindet sich auf der rechten Gehäuseseite, so dass sich vor allem Speicherkarten unkompliziert wechseln lassen. Eine 3,5-mm-Klinkenbuchse für den Anschluss handelsüblicher Kopfhörer liegt am oberen Gehäuserand des Mobiltelefons, wo auch der TV-Ausgang untergebracht ist.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Der Startbildschirm der S60 5th Edition ist mit einer neuartigen Kontaktleiste versehen, in der bis zu vier Kontakte zentral verwaltet werden. Mehr Kontakte können darüber allerdings nicht verwaltet werden, so dass die Funktion begrenzt ist. Für die vier Kontakte lassen sich die unterschiedlichen Kommunikationswege bündeln und der Anwender hat von einer zentralen Stelle aus Zugriff auf die Anrufliste, die Kurzmitteilungen sowie die E-Mails.

Eine tatsächliche Tastatur besitzt das 5800 XpressMusic nicht, alle Texteingaben werden über den Touchscreen vorgenommen. Dabei hat der Nutzer die Wahl zwischen drei verschiedenen Eingabemethoden. Neben einer QWERTZ-Tastatur gibt es eine Handschriftenerkennung und eine Zahlentastatur, wie man sie vom Handy her kennt. Im Hochkantformat lassen sich Zahlen oder Texte mit dem Finger gut eingeben, wenn die Zahlentastatur genutzt wird.

5800 XpressMusic
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Die QWERTZ-Tastatur steht in zwei verschiedenen Größen bereit. Die größere Variante steht immer nur im Querformat zur Verfügung, damit der Nutzer die virtuellen Tasten zielsicher treffen kann. Für Eingaben ist dann allerdings nur ein kleines Fenster mit dem Text zu sehen, was gewöhnungsbedürftig ist. Will der Nutzer mehr sehen, kann er die QWERTZ-Tastatur verkleinern und diese beliebig auf dem Display verschieben. Dann lassen sich die Tasten aber nur noch schwer mit dem Finger treffen, so dass Eingaben besser mit dem Stylus vorgenommen werden sollten. Diese kleine QWERTZ-Tastatur gibt es auch, wenn das Display hochkant gehalten wird.

Als weitere Eingabemethode ist eine Handschriftenerkennung vorhanden, die einzeln gemalte Buchstaben erkennt. Im Kurztest war die Erkennungsrate gut. Diese Methode kann sowohl im Hoch- als auch im Querformat gut verwendet werden. Insgesamt ist die Texteingabe über den Touchscreen aber weniger komfortabel, als wenn eine echte Tastatur zur Verfügung steht, weil bei allen Eingaben auf die Tastatur geschaut werden muss, um Fehleingaben zu vermeiden, während eine richtige Tastatur auch blind bedient werden kann.

Wer bereits Erfahrungen mit Mobiltelefonen gesammelt hat, die mittels Touchscreen bedient werden, wird sich in einem Punkt an dem Nokia-Konzept stören. Denn manche Befehle werden erst nach einem Doppeltippen ausgeführt. Normalerweise sind Touchscreensteuerungen so ausgelegt, dass alle Befehle mit einem einmaligen Tippen vorgenommen werden. Da sich das Doppeltippen nicht an allen Stellen wiederfindet, ist die Bedienung inkonsistent. Da der Nutzer nicht erkennt, wann Doppeltippen erforderlich ist, wartet er an solchen Stellen auf Ergebnisse. Hat sich der Nutzer hingegen an das Doppeltippen gewöhnt und tippt doppelt, wenn es nicht erforderlich ist, werden schnell mal Befehle ungewollt ausgeführt.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Alle technischen Daten zum 5800 XpressMusic finden sich in der Produktvorstellung des Smartphones.

Das Nokia 5800 XpressMusic soll im ersten Quartal 2009 nach Deutschland kommen. Ein genauer Preis liegt noch nicht vor, Nokia geht aber davon aus, dass das Gerät mit einem Musikabodienst und ohne Subventionen von Netzbetreibern ungefähr 330 Euro kostet.

Fazit:
Was die Touchscreensteuerung betrifft, legt Nokia mit dem 5800 XpressMusic nicht den großen Wurf hin. An Apples iPhone muss sich die Touchscreenoberfläche von Nokias S60 5th Edition messen, und hier enttäuscht das, was der langjährige Handymarktführer vorlegt. Die Öffentlichkeit hat hier deutlich mehr erwartet. So bringt die Touchscreenunterstützung für S60 nur das, was die Konkurrenz seit langem bietet. Innovationen aus Finnland sind Fehlanzeige.

5800 XpressMusic
5800 XpressMusic
Vor allem die Bildanzeigesoftware und der Webbrowser in Nokias Neuvorstellung erreichen nicht den Bedienkomfort, den vergleichbare Applikationen im iPhone bieten. Dafür wird der Besitzer eines 5800 XpressMusic weniger gegängelt als ein iPhone-Kunde. Viele Einstellungen erlauben eine Anpassung des Mobiltelefons an die Bedürfnisse des Anwenders. Das macht sich in vielfältigen Einstellungsdialogen bemerkbar. Hier bietet das iPhone deutlich weniger, verwirrt den Nutzer so aber auch weniger.

Bei der Touchscreensteuerung macht sich negativ bemerkbar, dass Nokia das grundlegende Bedienkonzept von S60 beibehalten hat. Das gilt vor allem für die langen Menülisten von S60, die auch auf bisherigen Geräten beim Anwender für mehr Verwirrung als Klarheit sorgen. In der 5th Edition von S60 kommt ein weiteres Problem dazu: Weil die einzelnen Menüpunkte für eine Fingerbedienung vergrößert wurden, werden die Funktionslisten noch länger, oft sind nicht alle Funktionen erkennbar. So muss der Anwender in den Befehlslisten scrollen, um die passende Funktion zu finden, was nicht intuitiv ist.

Möglicherweise hat Nokia selbst bemerkt, dass die Touchscreenintegration in S60 nicht der großer Wurf ist, denn bei der Produktvorstellung des 5800 XpressMusix in London war die Touchscreenbedienung kein Thema. Der Einsatz als Musikhandy stand im Mittelpunkt.  (ip)


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Links zum Artikel:
Nokia: http://www.nokia.de
Nokia (.com): http://www.nokia.com

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