Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0809/62618.html    Veröffentlicht: 25.09.2008 14:29    Kurz-URL: https://glm.io/62618

Spieletest: Colonization - Revolution und Rundenspaß

Strategie-Klassiker von Sid Meier im Civilization-4-Gewand

Das neue Colonization ist großer Fanservice. Die Engine von Sid Meier's Civilization 4 ist endlich die gelungene Grundlage für ein Remake des Klassikers von 1994. Golem.de tauschte Kisten von Rum gegen viel Geld und besiedelte sein eigenes Amerika.

Colonization für PC
Colonization für PC
Amerikas Geschichte neu zu schreiben war anno 1994 ein Hit. Civilization-Schöpfer Sid Meier kreierte zusammen mit Brian Reynolds vor 14 Jahren schon Colonization mit dem Untertitel Create a New Nation. Das heutige Entwicklerteam Firaxis um Sid Meier hat den Klassiker nun nach häufig geäußerten Wünschen der Fans als komplexes Szenario in der Engine von Civilization 4 neu erschaffen. Deswegen lautet der vollständige Titel des Programms auch: Sid Meier's Civilization 4 - Colonization.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Der Spieler hat vier primäre Aufgaben in Colonization: Erforschen, Besiedeln, Wirtschaften und Kämpfen. Diese können wahlweise mit den Niederländern, Spaniern, Franzosen und Engländern angegangen werden. Mit einer einzelnen Karavelle im Atlantik, auf der auch zwei mutige Kolonisten rudern, beginnt jedes Spiel in Colonization. Sobald Land in Sicht ist, legt das Schiffchen an, und die Kolonisten halten Ausschau nach einem geeigneten Platz für die erste Siedlung. Diese sollte idealerweise ein bis zwei besondere Rohstoffe beherbergen. In der neuen Welt sind das zum Beispiel Zucker, Tabak, Baumwolle oder Silber. Die Rohstoffe können direkt verkauft werden, es ist jedoch sinnvoller, aus ihnen Luxusgüter wie Zigarren oder Rum zu machen. Die spülen nämlich viel mehr Geld in die Staatskasse - ganz egal, ob sie an Eingeborene oder die Alte Welt verkauft werden.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Mit einem gefüllten Geldbeutel kann der Spieler in Europa shoppen gehen. Ganz oben auf der Einkaufsliste stehen Spezialisten wie Fischer, Holzfäller oder Meisterweber, die das Wachstum der eigenen Städte stark beschleunigen. Ein normaler Kolonist webt beispielsweise nur drei Stoffe pro Runde, während ein Meisterweber das Doppelte produziert. Die Produktion kann auch durch bessere Werkstätten optimiert werden. Die Bauoptionen in den Städten beinhalten bis zu zwei Verbesserungen für jedes Gebäude, sind aber im Vergleich mit den ellenlangen Bauoptionen eines Civilization 4 mickrig. Dafür fummelt der Spieler öfter in den Stadtverwaltungsbildschirmen herum. Denn wer in Colonization die Einwohner automatisch vom Computer in der Stadt verteilen lässt, verpasst einen großen Teil des Spiels.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Das Spezialisieren einer Stadt auf eine bestimmte Produktionskette ist der besondere Reiz in den ersten zwei Dritteln einer Partie Colonization. Schiffe und Planwagen werden zwischen den Städten und Europa hin- und hergeschickt, um die Waren optimal zu verteilen. Jeder Einwohner möchte genau platziert werden, und der Spieler findet immer neue Wege, noch etwas zu verbessern. Ein bekehrter Ureinwohner möchte zum Beispiel viel lieber Baumwolle pflücken, als in der Webstube zu hocken - da ist er auch gleich viel effektiver.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Glücklicherweise hat Firaxis auch an automatisierte Handelsrouten gedacht. Die Funktion ist allerdings gut versteckt und lässt sich nicht optimal bedienen. Über die Städte wird der Export und Import von Gütern festgelegt. Dann müssen die Schiffe und Planwagen aus einem Wirrwarr von möglichen Routen auswählen. Die Möglichkeit, Einheiten umzubenennen, hilft glücklicherweise etwas aus. Der Zweck von Karavelle 19 bleibt jedem ein Rätsel, was der Europa-Stoffexpress macht, erschließt sich hingegen leicht.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Ist eine gute Wirtschaft und Infrastruktur gewährleistet, müsste der Spieler eigentlich nur noch Runde für Runde auf die Enter-Taste auf der Tastatur drücken und die Goldmünzen würden nur so klimpern. Aber der Reichtum lockt Neider an. Die Herrscher im Alten Land wollen ein immer größeres Stück vom Kuchen haben. Der König erhöht die Steuern auf die meistverkauften Luxusgüter oder fordert Tributzahlungen. Lange küsst der Spieler den Ring des Königs natürlich nicht, sondern plant die Unabhängigkeit. Staatsoberhäupter werden in den Rathäusern der Städte untergebracht, um dort die Glocken der Freiheit zu läuten. Die Produktionsketten werden auf Waffen umgestellt, welche sogleich in den Städten verteilt werden. Berühmte Persönlichkeiten, wie Adam Smith oder Benjamin Franklin, die der Spieler während einer Partie anlockt, bringen ebenfalls Boni, die die Revolution näherrücken lassen.

Civilization 4 - Colonization
Civilization 4 - Colonization
Sobald 50 Prozent der eigenen Bevölkerung von der Unabhängigkeit überzeugt sind, kann der Spieler die Revolution starten. Hat er bis dahin keine stattliche Armee zur Verteidigung zusammen, ist das Unterfangen jedoch zwecklos. Direkt nach der Unabhängigkeitserklärung schickt der König seine Truppen in die Neue Welt, um den Spieler zu vernichten. Das Wichtigste, um den Aggressor zu besiegen, sind taktisch klug verteilte Schiffe auf dem Ozean, Städte mit hohen Verteidigungswällen und ein paar Kriegsveteranen. Das Scharmützel am Ende krempelt den Spielverlauf noch einmal gehörig um. Im Unabhängigkeitskrieg sollte jeder Zug doppelt durchdacht sein.

Sid Meier's Civilization 4 - Colonization ist für den PC erschienen und erfordert 1 GByte Festplattenspeicher, einen Prozessor mit 1,4 GHz und 512 MByte RAM. Die 3D-Karte sollte über 64 MByte Hauptspeicher verfügen. Das Spiel kostet im Handel bis zu 30 Euro, kann aber auch günstig über Valves Steam eingekauft werden.

Fazit:
Das damals wie heute fesselnde Spielprinzip ist in der Neuauflage von Colonization gelungen umgesetzt worden. Mit der gewohnten Liebe zum Detail fesselt Sid Meier's neuer Streich Rundenstrategen an den Monitor. Das Optimieren der Wirtschaftskreisläufe hat einen hohen Suchtfaktor, ist aber abwechslungsarm. Nach den ersten beiden Partien und etwa fünfzehn Stunden großartiger Bildungsunterhaltung hat es sich erstmal auskolonisiert. So viel Komplexität wie Civilization 4 kann Colonization nicht bieten. Manche Spiele erobern aber nach zwei, drei Monaten immer wieder das Spielerherz. Und so eines ist Colonization. Ein neuer Klassiker.

 (mw)


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