Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0809/62382.html    Veröffentlicht: 12.09.2008 12:23    Kurz-URL: https://glm.io/62382

Interview: Wir wollen die Globalisierung der CC-Lizenz

Creative-Commons-Chef Joi Ito über seine Zukunftspläne

Bei der diesjährigen Ars Electronica kuratierte Joichi "Joi" Ito die Konferenz zum Leitthema der Veranstaltung: Grenzen des Eigentums. Golem.de sprach mit dem Internetunternehmer in Linz über die aktuellen Herausforderungen der Netzkultur und über seine Pläne für das alternative Copyright-Lizenzsystem Creative Commons.

Joi Ito ist seit April 2008 CEO der Creative Commons Org. Der Initiator der Organisation, Lawrence Lessig, will sich verstärkt Fragen der Korruption widmen, Ito wird sich mit seiner wirtschaftlichen Erfahrung vor allem um das Creative-Commons-Linzenzsystem kümmern. Ito ist ein japanischer Risikoinvestor und Netzvisionär, der schon etlichen Internet-Start-ups wie Flickr, Last.fm oder Twitter zu Erfolg verholfen hat. Ferner ist er unter anderem Vorstandsmitglied bei der Mozilla Foundation und berät Organisationen wie Global Voices Online, Rupture oder Witness.
Joi Ito
Joi Ito
Golem.de: Die 29. Ars Electronica trägt den Untertitel: "A New Cultural Economy". Was glauben Sie persönlich ist hier mit "neuer Kultur" gemeint?

Joi Ito: Kultur ist ein sehr weiter Begriff. Aber wenn Sie Kultur als die Verhältnisse und das Wissen in einer Gesellschaft verstehen, dann wurde sie in jüngerer Geschichte verstärkt durch wirtschaftliche Unternehmen definiert, die das Kapital haben, um Inhalte zu generieren und zu verteilen. Ich meine hiermit Filme, Musik, Bücher und so weiter. Diese Medien wurden früher alle von Unternehmen produziert und verkauft. Das heißt, die Mehrheit unserer Kulturprodukte stammt aus professioneller Arbeit. Die meisten kleinen Kinder kennen als erste Namen Mickey Mouse, Snoopy oder Mario.

Golem.de: Aber das hat sich geändert?

Ito: Ja! Die Mittel, um neue Inhalte zu generieren und zu verteilen, sind erheblich günstiger geworden. Auch Amateure können heute Material in recht hoher Qualität produzieren. Das ermöglicht auch Amateuren die Teilnahme an der kulturellen Produktion. So verdoppelt sich quasi die Arbeitskraft, denn es ist ja nicht so, dass die professionellen Produzenten verschwinden. Vielmehr werden durch die Amateure zusätzliche Inhalte produziert.

Golem.de: Wie meinen Sie das genau?

Ito: Wikipedia ist beispielsweise ein sehr wichtiger Inhalt, der von Amateuren produziert wurde und wird. Das ist ein wesentlicher Teil unserer Kultur und sogar die populärste Inhaltsseite im Internet - zumindest was Suchergebnisse betrifft. Aber bei Wikipedia ist die wichtigste Regel, dass jeder Inhalt durch eine genaue Quellenangabe bestätigt werden muss. Man kann nichts Originäres dort platzieren. Und nahezu alle diese Angaben beziehen sich auf professionelle Medien.

Die Zusammenarbeit der professionellen Medien und der Wikipedia-Community beruht also auf einer gewissen Gegenseitigkeit. Ich denke, der Konflikt zwischen Amateuren und Profis ist eigentlich eher eine Form der Teilhabe an der gemeinsamen Produktion von Inhalten. Ein weiterer Punkt ist die Art, wie heutige Konsumenten Medieninhalte nutzen. Die allgegenwärtige Weiternutzung, das Remixing und Teilen, ist eigentlich eine Form auszudrücken, wie sehr die Leute diese Inhalte mögen. Egal ob es sich dabei um Spiele, Filme oder Musik handelt. Das Problem ist aber, dass die meisten Inhaltsanbieter diese Leute als Piraten betrachten, weil sie Urheberrechtsgesetze brechen. Aber eigentlich sind das nur Fans! Die Trennung zwischen richtigen Piraten und Fans ist also sehr wichtig. Die meisten etablierten Kulturproduzenten verwechseln regelmäßig Fantum mit Piraterie. Das ist sehr schade und muss unbedingt korrigiert werden.

Golem.de: Ist ein völlig neues Rechtssystem nötig, um dieser Dynamik sachgerecht zu begegnen?

Ito: Da ich ja auch Risikokapitalinvestor bin, denke ich stets in Transaktionskosten. Mit der Verbreitung und Etablierung des Internets und insbesondere des World Wide Web sanken die Kosten, bestehende Netzwerke miteinander zu verbinden. Man konnte zwar viele der heutigen Prozesse schon vorher ablaufen lassen, doch heute ist es erheblich günstiger und einfacher geworden. Und Transaktionskosten zu senken bedeutet immer auch, dass es einfacher wird, Dinge geschehen zu lassen. Das aktuelle Urheberrecht ist sehr schwerfällig und mühsam. Wenn ich etwas mit jemandem teilen will, muss ich extra einen Vertrag aufsetzen. Creative Commons ist ein Beispiel für einen solchen Vertrag. Auch wenn wir damit vieles erheblich einfacher machen, ist es immer noch insgesamt schwierig, weil man die verschiedenen Lizenzen genau durchlesen muss, um das System wirklich zu verstehen. Es wäre viel besser, wenn wir die Creative-Commons-Lizenz gar nicht bräuchten. Aber so einfach ist das nicht. Wir können zwar Lösungen liefern, bei denen bestehende Gesetze nicht verändert werden müssen, aber das verwirrt die Leute und ist schwierig zu verstehen.

Golem.de: Welchen Mehrwert bringt Creative Commons in dieser Situation?

Ito: Das Urheberrecht hatte früher so gut wie nichts mit Konsumenten zu tun. Es wurde für Firmen geschrieben, die Inhalte anderer Firmen kopierten. Meine Eltern beispielsweise haben womöglich nie in ihrem Leben etwas kopiert. Sie hatten keinen Grund, sich mit dem Urheberrecht zu beschäftigen. Heute ist das jedoch ganz anders. Nahezu jede Nutzung eines digitalen Geräts betrifft das Urheberrecht. Das Leben ist sehr kompliziert geworden! Die Transaktionskosten jeder Handlung sind enorm gestiegen - und sei es auch nur für den Fall, dass man ein Buch lesen will. Mit jeder Seite, die man dementsprechend auf Amazon oder einem anderen Onlineshop öffnet, kopiert man etwas und provoziert somit eine Rechtsfrage. Auf lange Sicht wäre es erheblich günstiger, wenn das Rechtssystem radikal verändert würde. Es wird aber noch viele Jahre dauern, bis das überhaupt in Aussicht steht. Um die Transaktionskosten solcher Handlungen schon jetzt zu senken, müssen wir mit alternativen Lösungen aufwarten.

Golem.de: Welche Lösungen könnten das sein?

Ito: Creative Commons zum Beispiel. Oder mehr Open-Source-Produktionen. Möglicherweise geht es auch um Bildungsarbeit.

Golem.de: Bildungsarbeit?

Ito: Ja, die Nutzer müssen lernen, was "Copyright" bedeutet. Sie müssen die Grundprinzipien des Urheberrechts kennenlernen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen die aktuellen Gesetze zu sehr ignorieren. Obwohl dies längerfristig sehr wohl erhebliche Kosten bedeuten kann, denn das Ergebnis dieser Ignoranz ist oft illegal. Der Rechtsstreit zwischen Viacom und Youtube ist ein gutes Beispiel dafür, wie hoch solche Transaktionskosten im Nachhinein werden können. (Viacom hatte die Youtube-Muttergesellschaft Google im Frühjahr 2007 auf Schadensersatz von mehr als eine Milliarde US-Dollar verklagt, Anm. d. Red.)

Golem.de: Geht es beim neuen Creative-Commons-Projekt ccLearn auch um diese Inhalte?

Ito: Nur indirekt. CcLearn reagiert auf den Trend, dass immer mehr Schulen und Lehrer beziehungsweise Ausbilder offene Bildungsressourcen herstellen. Wir nennen das Material "Open Courseware". Das sind Studienpläne und Lehrmaterialien, die Lehrer mit anderen Lehrern teilen möchten. Das ist doch eigentlich sehr sinnvoll. Wenn Lehrer ihren Lehrstoff und ihre Lehrmethoden miteinander teilen, ist das gut, in dieser Hinsicht sollten sie nicht miteinander konkurrieren. Aber dem steht entgegen, dass jede Schule eigene Lizenzen hat. Wenn die Lehrer etwas teilen wollen, müssten sie einen Anwalt einschalten, der das Lizenzsystem kennt. Ferner ist es sehr schwierig, nach solchen offenen Lehrmethoden zu suchen. Es gibt noch keine guten Werkzeuge, die Lehrern das Teilen erleichtern. Zudem ist in den meisten Fällen das, was als offen angesehen wird, nicht wirklich offen. Da gibt es Konflikte mit den Lizenzen. CcLearn ist also ein Programm, das versucht, Pädagogen über Urheberrecht und Open Courseware zu informieren und ein kompatibles Lizenzsystem in diesem wichtigen Feld einzuführen.

Golem.de: Welche anderen neuen Projekte für Creative Commons haben sie geplant?

Ito: Es gibt zwei zentrale neue Initiativen in Creative Commons Org. Das sind besagtes ccLearn und Science Commons. Science Commons hat recht ähnliche Ziele, nur dass es sich an Wissenschaftler und Forscher richtet. Es gibt eine große Menge enorm umfangreicher Datenbanken da draußen. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten an einem Institut mit einer riesigen Genom-Datenbank und ein Kollege hat Zugriff auf eine entsprechend umfangreiche Protein-Datenbank. Aber Sie können sie nicht miteinander teilen, weil dies durch die Lizenzen verboten ist. Es fehlt die Akzeptanz. So etwas ist gang und gäbe und behindert die Forschung. Und selbst wenn es die Lizenzen zulassen würden, fehlt es an guter Open-Source-Software, um die Datenbanken sinnvoll zu verbinden. Gerade hier sehe ich auch großen Bedarf an semantischen Suchmöglichkeiten.

Hier versucht Science Commons Aushilfe zu schaffen. Eine weitere Ebene sind akademische Publikationen. Als Wissenschaftler müssen Sie derzeit möglicherweise sogar zahlen, um ihren Text publizieren zu lassen und dann müssen Sie ein weiteres Mal zahlen, um die Publikation mit ihrem Werk lesen zu können. Wenn Sie Teil einer Universität sind, die alle Publikationen abonniert hat, ist das nicht so schlimm. Aber wenn Sie versuchen, mit einem Kollegen in Afrika zusammenzuarbeiten, wird es schon schwieriger. Im schlimmsten Fall kann dieser Ihre Texte dann gar nicht lesen. Und das ist doch schon fast ein Verbrechen, dass Wissenschaftler ihre Forschung nicht teilen können.

Ein weiteres Feld sind Forschungsmaterial und Rohdaten. In der Regel verhindern die Forschungseinrichtungen, dass diese geteilt werden können. Aber im Internet wäre es sehr einfach, dies zu tun. Und für Forscher wäre das sehr hilfreich, denn als Akademiker ist es quasi Pflicht, alles in seinem Forschungsgebiet zu kennen. Aber heute verhindern Urheberrecht und Technologien, dass wissenschaftliche Daten ausgetauscht werden können. Das sollte nicht so sein.

Golem.de: Eine dritte zentrale Strategie ist die fortschreitende Globalisierung von Creative Commons.

Ito: Richtig. Wir haben ein Projekt begonnen, mit dem Ziel, die Creative-Commons-Lizenzen in jedem Land verfügbar zu machen. In Deutschland haben wir beispielsweise schon einen Projektleiter und Juristen sowie Professoren, die die Lizenzen ins Deutsche übersetzen. Sie gehen aber noch weiter und nutzen das deutsche Urheberrecht als Rahmen für die lokale Creative-Commons-Adaption. Ferner kommunizieren und kooperieren sie rege mit Politikern und Interessenten. Wir haben also eine recht gute Abdeckung in Nord- und Südamerika sowie in Europa. Uns fehlt jedoch immer noch Russland, ein Großteil Afrikas und wir haben gerade erst begonnen, die arabische Welt anzugehen. Das reicht offensichtlich nicht. Es ist unser erklärtes Ziel, mit Creative Commons alle miteinander zu verbinden und ein globales Umfeld zu schaffen, in welchem Wissen wirklich geteilt werden kann. Dazu müssen wir in jedem Land präsent sein. Bis jetzt sind es 47, es fehlen also noch sehr viele.

Golem.de: Über Google gab es in letzter Zeit oft negative Schlagzeilen wegen Datenschutzproblemen und der Angst vor einer zu deutlichen Übermacht durch den Chrome-Browser. Wie sehen Sie den aktuellen Stand des Internets im Hinblick auf solche Entwicklungen?

Ars Electronica in Linz
Ars Electronica in Linz
Ito: Eines der größten Probleme von Aktiengesellschaften in kapitalistischen Systemen ist der Druck durch die Aktionäre, stets den Profit zu maximieren. Wenn ein Unternehmen in einem gesunden Umfeld gut wirtschaftet, kann es eine Zeit lang nach eigenen Maßstäben agieren. Aber früher oder später wird es schlicht darum gehen, Geld zu verdienen. Das führt dann zu solchen Entwicklungen. Monopole verdienen natürlich am meisten Geld und es ist schwierig für ein Unternehmen, der Versuchung zu widerstehen, noch mehr Geld zu erwirtschaften. Das ist sozusagen der natürliche Lauf der Dinge - ein wenig so wie Thermodynamik. Firmen wie Google erreichen eine gute Position und wachsen ständig weiter.

Auf der anderen Seite ist Google in dieser Hinsicht besser als die meisten anderen großen Unternehmen. Sie geben der Mozilla Foundation Geld, sie unterstützen zahlreiche neue Produkte und Projekte und das meiste Geld, das Google über Werbung verdient, fließt wieder zurück in das Start-up-Umfeld. Vier bis fünf Milliarden US-Dollar jährlich gehen zurück in die Community der Start-ups, wodurch neue Ideen generiert und unterstützt werden. Früher war das anders. Die meisten etablierten Monopole - insbesondere die Telekommunikationsunternehmen - investierten in ihre eigenen Labore und entwickelten geheime Projekte. Da Google das Geld aber wieder streut, bleibt es für Konkurrenten einfacher, sich im Internet zu etablieren. Google wurde sehr schnell zu dem, was es heute ist. Oracle und Microsoft beispielsweise halten sich nun schon sehr lange. Wir müssen abwarten, wie Google sich entwickelt. Es gibt jedoch schon jetzt definitiv einige negative Auswirkungen.

Für mich als Investor ist vor allem der enorm gestiegene Preis für Personal problematisch. Insbesondere hoch qualifizierte IT-Experten sind extrem teuer geworden. Das ist gut für sie, aber langfristig ergeben sich daraus Probleme, weil diese Kosten für Start-ups nicht tragbar sind. Ein leitender Softwaremanager verlangt momentan mehr als 200.000 US-Dollar im Jahr. Die meisten frisch gegründeten Unternehmen können sich so jemanden nicht leisten. Generell sind die Personalkosten in diesem Bereich in einem Jahr um etwa 30 Prozent gestiegen. Dadurch erhöhen sich auch Immobilienpreise. Da wächst eine neue Blase in Silicon Valley, die es Neugründungen extrem schwer macht. [Das Interview führte Michael Liebe auf der Ars Electronica in Linz]  (js)


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Links zum Artikel:
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Joichi Ito (.com): http://joi.ito.com/

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