Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0808/61650.html    Veröffentlicht: 14.08.2008 12:38    Kurz-URL: https://glm.io/61650

Interview: Toshio Iwai - von Electroplankton zum Tenori-on

Medienkünstler und Tenori-on-Entwickler Toshio Iwai im Gespräch mit Golem.de

Das Tenori-on ist ein neuartiges elektronisches Musikinstrument, das keinem bisher dagewesenen gleicht. Die Idee stammt von dem japanischen Medienkünstler Toshio Iwai. Im Interview mit Golem.de erzählt Iwai, wie er auf Idee kam, das Instrument zu entwickeln.

Golem.de: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Instrument wie das Tenori-on zu bauen?

Toshio Iwai: Ich arbeite schon seit langem an Installationen mit optischen Elementen, Klang und Musik. Deshalb interessierte ich mich dafür, eine neuartige Nutzeroberfläche für bewegte Bilder und Töne zu schaffen. Das ist so als erschaffe man ein neues Musikinstrument.

Wir nutzen heute viel neue Technik in der Musik, wir können die verschiedensten Töne auf dem Synthesizer erzeugen, aber wir nutzen dafür immer noch eine Klaviertastatur. Das halte ich für nicht besonders spannend. So fing ich an, Ideen für ein neues Interface zu entwickeln, über das man viele verschiedene Arten von Tönen mit unserer Hand betätigen kann.

Toshio Iwai (Foto: Petra Vogt)
Toshio Iwai (Foto: Petra Vogt)

Golem.de: Und das weggeht von der Tastatur-Metapher?

Iwai: Ja. Es greift diese zwar in gewisser Weise auf, aber es ist ein neues Interface zum Musikmachen.

Golem.de: Was war der Anlass?

Iwai: Ich bin ein bildender Künstler. Als ich Student war, habe ich einige Animationsfilme gemacht. Für solche Filme ist der Soundtrack sehr wichtig, also brauchte ich Musik. Anfangs habe ich mir ein paar CDs ausgeliehen und bereits vorhandene Musik dafür genommen. Das ist aus Urheberrechtsgründen aber schwierig. Deshalb habe ich einen Freund gebeten, Musik für mich zu komponieren. Das hat mich aber auch nicht zufriedengestellt. Also dachte ich mir: Warum mache ich Musik nicht selbst? Wenn ich die Bilder schaffen kann - warum nicht auch die Musik? Es ist mein Werk, also will ich alles selbst machen.

Golem.de: Haben Sie selbst einen musikalischen Hintergrund? Spielen Sie selbst ein Instrument?

Iwai: In meiner Schulzeit habe ich ein wenig Gitarre gespielt, aber nicht sehr gut. [Iwai lacht.] Ich war sehr daran interessiert, Musik zu schaffen, aber mir fehlt das Können. Das Problem haben viele Menschen: Sie lieben Musik, sie wollen Musik machen, denn es sieht gut aus, auf der Bühne zu stehen und ein Instrument zu spielen. Aber sie können es nicht. Das war ein Grund, so etwas wie das Tenori-on zu erfinden. Ich bin kein Musiker, aber ich wollte unbedingt selbst Musik machen.

Toshio Iwai
Toshio Iwai
Golem.de: Sie haben also das Tenori-on erfunden, um einen Soundtrack für ihre Kunstwerke zu komponieren?

Iwai: Ja. Das war so ein Traum von mir. Ich hatte niemals das Talent, als Musiker auf der Bühne aufzutreten. Aber mit dem Tenori-on bin ich schon mehrfach vor einem großen Publikum aufgetreten. Das ist schon ein großer Sprung vom Amateur zum darbietenden Künstler.

Golem.de: Das Tenori-on übt eine große Faszination aus. Woran liegt das?

Iwai: Das liegt an der Kombination von Licht und Tönen. Der Takt und die Formen des Lichts - das spricht Augen und Ohren an. Dazu kommt die Interaktion, wenn man das Instrument spielt. Das alles zusammen erfreut uns. Deshalb mögen die Leute das Tenori-on - und natürlich auch, weil es etwas ganz Neues ist.

Golem.de: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Yamaha?

Iwai: Ich kannte Yu Nishibori von Yamaha. [Yu Nishibori leitet Yamahas Center for Advanced Sound Technologies, Anm. d. Red.] Er kam eines Tages zu mir, um mit mir über ein Projekt von ihm zu sprechen. Ich habe ihm meine Idee mit dem Tenori-on erzählt. Er war sehr interessiert, und wir haben überlegt, wie wir da zusammenarbeiten können.

Den Ausschlag für mich gab, dass Yamaha sowohl traditionelle Musikinstrumente als auch Elektronikprodukte herstellt. Das Tenori-on als Spielzeug mit einem Spielzeughersteller zusammen zu entwickeln, hätte mich nicht so gereizt.

Golem.de: Betrachten Sie sich denn eher als Produktdesigner oder Künstler?

Iwai: Ich möchte meine Ideen gern in die Industrie einbringen. Es gibt ja auch schon viele Kooperationen zwischen Künstlern und Industriedesignern. Meistens beschränkt die sich aber darauf, das Aussehen oder die Farbe zu ändern. Sie entwerfen dann vielleicht einen neuen Stuhl. Aber das hier ist ja etwas ganz Neues.

Golem.de: Eine Ihrer früheren Arbeiten ist das Spiel Electroplankton, bei dem Klang und Musik auch eine große Rolle spielen. Wollen Sie mit Ihren Kreationen Jugendlichen die Musik nahebringen?

Iwai: Ich möchte gern meine Arbeit in den Spielebereich einbringen und die Nutzer dafür empfänglich machen. Ich habe mich für Musik interessiert, deshalb wollte ich Musik in die Computerspiele bringen. Vielleicht denken die Kinder und Jugendlichen, die das Spiel spielen, dann: Oh, diese Konsole ist nicht nur zum Spielen da, sondern man kann auch etwas anderes damit machen.

Toshio Iwai
Toshio Iwai
Golem.de: Elektroplankton läuft auf dem Spielehandheld Nintendo DS. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Nintendo?

Iwai: Auch hier war es ein persönlicher Kontakt. Ein Freund von mir arbeitet bei Nintendo. Daher kannte man dort meine Arbeit. Als das Unternehmen den Nintendo DS entwickelte, wurde ich angesprochen. Der Nintendo-Chef, der meine früheren Arbeiten mochte, sagte, dass meine Ideen zu dem neuen Spielehandheld passen würden, das sie gerade entwickelten.

Golem.de: Was hat Sie dazu bewegt, ein Spiel für ein Spielehandheld zu entwickeln?

Iwai: Meine Arbeiten leben davon, dass sie interaktiv sind. Natürlich kann ich sie in einem Katalog oder auf DVD veröffentlichen. Aber das zeigt nur einen kleinen Ausschnitt. Man sieht Bilder oder hört Musik, das ist alles. Ich glaube, man kann eine Arbeit, die wirklich gute Möglichkeiten zur Interaktion bietet, nur als Software für eine Spielekonsole veröffentlichen.

Golem.de: Warum gerade ein Spielehandheld und kein PC?

Iwai: Das Spielehandheld ist überall auf der Welt gleich und deshalb eine gute Plattform. Jeder hat, was Bild und Ton angeht, die gleichen Bedingungen. Wenn man eine CD-ROM macht, ist das anders. Jeder hat einen Computer mit unterschiedlichen Leistungsmerkmalen, einem anderen Monitor, einer anderen Auflösung. Da ist es kaum möglich, die Qualität der Interaktion zu garantieren. Ich glaube, das ist erst der Anfang. Wir sollten unsere Ideen in diese Art von Spielekonsolen einbringen, oder aber wir brauchen eigene Geräte für diese Art von Kunst.

Golem.de: Können das Spiel oder das Tenori-on Kinder und Jugendliche auch motivieren, Musik zu machen?

Iwai: Das glaube ich schon. Viele wollen ein Musikinstrument lernen, haben aber die Möglichkeit dazu verpasst. Um ein traditionelles Instrument zu erlernen, braucht man viel Zeit und Energie. Wenn man ein wirklich guter Pianist werden will, muss man schon als Kind anfangen. Aber nur wenige Kinder haben die Ausdauer, das Talent und die richtigen Eltern dazu. Viele Kinder hassen es zu üben. Ich denke, dass meine Entwicklungen, Elektroplancton und Tenori-on, neue Wege darstellen, mit denen sie auf eine andere Art und Weise Musik machen können.

Mehr zu dem elektronischen Musikinstrument findet sich im Tenori-on-Testbericht von Golem.de.  (wp)


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Links zum Artikel:
Nintendo - Electroplankton (.com): http://electroplankton.nintendo-europe.com/deDE/index.html
Nintendo Japan (.jp): http://www.nintendo.co.jp/
Yamaha - Tenori-on (.com): http://tenori-on.yamaha-europe.com/germany/see/
Yamaha (.com): http://www.yamaha.com

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