Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0807/60697.html    Veröffentlicht: 09.07.2008 11:44    Kurz-URL: https://glm.io/60697

Deutsche Mobilfunkstudie: Kein Geld für kritische Forscher?

Was Probleme mit Netzbetreibern bringt, wurde nicht berücksichtigt

Mitte Juni 2008 hatte das Bundesstrahlenschutzamt bedingt Entwarnung gegeben und der Umweltminister bezeichnete die Mobilfunkgrenzwerte als ausreichend. Kritische Wissenschaftler erheben den Vorwurf, beim "Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramm" nicht berücksichtigt worden zu sein.

Ein wesentlicher Aspekt, die nichtthermischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung auf die Zellen, sei bei der Studie nicht ausreichend untersucht worden, bemängeln die Kritiker.

"Die derzeit gültigen Grenzwerte schützen nach wissenschaftlichem Kenntnisstand vor gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Mobilfunks." Das war das Ergebnis der 17 Millionen Euro teuren Untersuchung mit dem Titel "Deutsches Mobilfunk Forschungsprogramm" (DMF), die Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am 17. Juni 2008 der Öffentlichkeit präsentierte. Zwar habe nicht geklärt werden können, ob Mobilfunk für Kinder oder bei mehr als zehnjähriger Nutzung gefährlich sei. Dennoch zeigten die Forschungsergebnisse, dass die Strahlenbelastung der Bevölkerung weit unterhalb der Grenzwerte liege.

Doch manche Fachleute, zum Beispiel der Mediziner und Biochemiker Franz Adlkofer von der Stiftung Verum in München, sehen das anders: "Durch das Deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm wird die Frage nach einer möglichen Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung nicht annähernd beantwortet. Hier wird davon ausgegangen, dass die biologischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung ausschließlich durch Wärmeentstehung zu erklären sind, und dass es sogenannte athermische Wirkungen mit Krankheitsrelevanz nicht gibt."

Ein fehlerhaftes Studiendesign aber führe zu verharmlosenden Ergebnissen. Ein Sprecher des Bundesamts für Strahlenschutz erklärte dazu auf Anfrage von Golem.de, "dass die thermische Wirkung hochfrequenter Strahlung entscheidend ist und dies wissenschaftlicher Konsens" sei. Folglich, so der Sprecher, könne man zu Recht Entwarnung geben.

Die thermische Wirkung hochfrequenter Strahlung ist bekannt und wird im Mikrowellenherd zur Erzeugung von Hitze genutzt. Aus der Biologie weiß man darüber hinaus, dass elektromagnetische Felder für die Kommunikation unter Zellen genutzt werden. Der Kontakt unter Proteinen funktioniert nach dem Schlüssel/Schloss-Prinzip, und elektromagnetische Felder werden eingesetzt, um Protein-Schlösser wie das CD4 für den Kontakt zu konfigurieren. (Reed, J. und Kinzel, V.: A conformational switch is associated with receptor affinity in peptides derived from the CD4-binding domain of gp120 from HIV. Biomchemistry, 30, 4521-4528 (1991)). Mittels elektromagnetischer Felder werden die Kontaktstellen von Eiweißen für die Kommunikation wie die Endozytose oder Membranfusion vorbereitet.

Berühmt wurde Nobelpreisträger Stanley Prusiner im Jahr 1997 für seine Entdeckung, dass kleine normale Eiweißkörper des Hirngewebes durch sogenannte pathogene (unphysiologische, abnorme) "Prionen" in abnormale, pathogene Eiweißkörperchen umgewandelt werden können, die bei Mensch und Tier zu schweren hirnorganischen Erkrankungen führen. Unsere Hirneiweiße bestehen aus genau definierten gefalteten Aminosäureketten, und Prusiner zeigte, dass schon geringfügige elektromagnetische Felder zu einer Umfaltung in pathologische, abnorme Faltungen der Aminosäureketten führen können, was bei Tieren zu BSE und beim Menschen unter anderem zur Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK) beziehungsweise zur neuen CJK-Erkrankung führen kann.

So ist es nicht verwunderlich, dass gerade die wenigen Studien zu Folgen athermischer Wirkung Anlass zur Sorge geben. Die REFLEX-Studie an isolierten menschlichen Zellen zeige beispielsweise eine recht deutliche Einwirkung der Mobilfunkstrahlung auf das Genom isolierter menschlicher Zellen, so Adlkofer, der diese von der EU geförderte Studie von 2000 bis 2004 geleitet hatte.

In Nachfolgeuntersuchungen des Mediziners Hugo W. Rüdiger der Universität Wien wiesen menschliche Fibroplasten und Lymphozyten bereits nach 24-Stunden-Einstrahlung von GSM oder UMTS Strangbrüche der DNA auf, die unter UMTS gegenüber GSM noch zehnmal stärker waren. Demzufolge hätten elektromagnetische Felder das Potenzial, die zelleigenen Reparaturmechanismen auszuhebeln und größere Schäden anzurichten. Die Studie ist derzeit mit massiven Fälschungsvorwürfen konfrontiert, gegen die sich Rüdiger aber zur Wehr setzt.

Kritiker fragen, warum das DMF hauptsächlich thermische Folgen untersucht hat und vermuten einen Interessenskonflikt, da die Mobilfunkindustrie diese Studie zu 50 Prozent finanziert hat. "Das ist eindeutig nicht der Fall", weist das BfS auf Golem.de-Anfrage zurück. "Da die andere Hälfte der Forschungsgelder aus staatlicher Förderung stammt, haben wir das ausschließen können." Die Mobilfunkindustrie habe keinen Einfluss auf die Untersuchung gehabt.

Eine ganz andere Meinung dazu hat der Epidemiologe Rainer Frentzel-Beyme aus Bremen, der in der Unbedenklichkeitserklärung von Gabriel eine Gefälligkeitsaussage sieht: Beim DMF "wurden die Studien, deren Design und deren Projektleitungen erwarten ließen, dass keine bedenklichen Ergebnisse herauskommen würden, bevorzugt." Vor allem Kinderstudien würden wegen "geringer Priorität" umgangen, während sie vom britischen Mobilfunkprogramm seit 2005 mit "hoher Priorität" eingestuft wurden: "Die Untersuchung von hoch belasteten Hochrisikogruppen", so Frentzel-Beyme, "wurde als nicht machbar verworfen, obwohl es dafür keine glaubwürdige Begründung gibt, denn epidemiologische Forschung dient der Ermittlung von Risiken beim Menschen mit geeigneten Methoden - im Gegensatz zu den Teilen des Forschungsprogramms, die andere Zielsetzungen verfolgten."

Nach Ansicht des Bremer Umweltmediziners kamen beim DMF nur solche Forschungsmethoden zur Anwendung, die zu keinerlei Auflagen für die Mobilfunkbetreiber führen konnten. Er selbst hatte für das Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) der Universität Bremen einen Forschungsantrag gestellt. Frentzel-Beyme: "Wir wurden aber aufgrund undurchsichtiger Vorgänge nicht in die Förderung einbezogen. Die Denkweise, die das gesamte Programm prägte, kam in dem öffentlich gemachten Ausspruch des Programmleiters zutage: 'Sie werden verstehen, dass wir nur Forschungsanträge gebrauchen können und solche Ansätze prioritär verfolgen, die dem Wirtschaftsminister keine Probleme bereiten werden'." Dazu der Beschuldigte: "Diese Aussage war bereits 2005 nicht zutreffend - und sie wird nicht dadurch wahr, dass sie von einem Professor im Ruhestand jetzt wiederholt wird."

Der Forschungsbereichsleiter Wolfgang Weiss habe sogar behauptet, dass Studien, die wirklich relevant gewesen wären, nicht machbar seien. Frentzel-Beyme: "Meine Bedenken hatte ich Weiss mit Schreiben vom 7. Juni 2004 mitgeteilt und mich aus dem Beratergremium verabschiedet, obwohl ich nach wie vor von ihm dazu eingeladen wurde."

Glaubt man den Aussagen der Kritiker, erhält man ein Bild des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms als ein millionenschweres Projekt, das einen wichtigen Aspekt für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung umgangen hat. [von Christoph Klug]  (asa)


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Links zum Artikel:
Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): http://www.bfs.de/bfs
Bundesumweltministerium: http://www.bundesumweltministerium.de/index1.htm

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