Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0806/60626.html    Veröffentlicht: 27.06.2008 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/60626

Spieletest: Edna bricht aus - Point&Click-Spaß in der Klapse

Skurriles Adventure mit Stoffhasen und Irren

Wie groß die Bedeutung der legendären LucasArts-Abenteuer der frühen 90er-Jahre heute noch ist, lässt sich daran ablesen, dass sich fast jeder Point&Click-Titel Vergleiche mit Monkey Island und Co. gefallen lassen muss. Humor und Atmosphäre der Klassiker bleiben größtenteils unerreicht. Edna bricht aus ist eine Ausnahme.

Edna bricht aus (Windows-PC)
Edna bricht aus (Windows-PC)
Wenn Spiele vor ihrer Veröffentlichung kaum von sich reden machen und niemand auf sie wartet, hat das meist einen guten Grund: Wahrscheinlich versucht der Publisher angesichts fehlender Produktqualität gar nicht, die Werbetrommel zu rühren. Für "Edna bricht aus" gilt das allerdings nicht. Vorberichterstattung gab es wenig, trotzdem könnte die Begeisterung kaum größer sein. Das beginnt schon bei der Verpackung und dem darauf prangenden Sticker "Von den Leuten, die Monkey Island gut fanden", der bereits einen Vorgeschmack auf das Gameplay gibt - inhaltlich und in Sachen Humor.

Klassischer präsentierte sich nämlich schon lange kein klassisches Adventure mehr. Die Grafik ist komplett in 2D gehalten, die Animationen rudimentär, und anstelle von neumodischen Dingen wie kontextsensitiven Mauszeigern darf der Spieler hier noch manuell durch Klicks aufs jeweilige Wort eine Aktion wie "Nehmen" oder "Benutzen" ausführen. Unkomfortabel ist das Ganze aber trotzdem nicht: Das riesige Inventar lässt sich ebenso leicht handhaben, wie sich die bunten Bildschirme absuchen und die Multiple-Choice-Gespräche führen lassen.

Überhaupt wird sich nach den ersten Spielminuten kaum noch jemand über die zunächst altbacken wirkende Technik ärgern - dafür fesselt der Titel viel zu schnell. Das Ganze beginnt in einer Gummizelle in der Rolle von Edna, und die kann sich weder erinnern, wie sie an diesen Ort gekommen ist, noch, wer sie eigentlich ist. Immerhin hat sie ihren Stoffhasen Harvey dabei, der sich immer über einen kleinen Plausch freut. Zwar gibt er nur Projektionen ihres Bewusstseins von sich, das allerdings auf so unterhaltsame Art und Weise, dass man sich immer wieder gerne auf ein Gespräch einlässt. Im eigentlichen Spielverlauf kommt Harvey allerdings eine noch viel größere Bedeutung zu: Einige Rätsel lassen sich nur mit ihm lösen, zudem kann er stellenweise selbst gesteuert werden und "tempo-morpht" Edna immer wieder in ihre Vergangenheit, so dass sie Schritt für Schritt herausfindet, was sie in diese missliche Lage gebracht hat.

Edna bricht aus
Edna bricht aus
Wer sprechende Stoffhasen und Gummizellen ungewöhnlich findet, könnte Edna bricht aus stellenweise für zu abgedreht halten. Hat es die Heldin im Nachthemd erst geschafft, dem Verlies zu entkommen, irrt sie nämlich durch die gesamte Nervenheilanstalt - und trifft dort auf Insassen, die dem gesunden Menschenverstand schon lange abgeschworen haben. Der Schlüsselmeister, Professor Nock und die anderen Charaktere sind so gut ausgearbeitet, dass sie ebenso wie Edna und Harvey schnell ans Herz wachsen - auf die eine oder andere Art zumindest. Die Logik- und Inventarrätsel präsentieren sich oft ähnlich abgedreht: Ist die Lösung gefunden, scheint sie zwar fast immer logisch, doch bis man dorthin gelangt, haben vor allem Anfänger vermutlich schon das eine oder andere Mal frustriert die Maus aus der Hand gelegt. Im späteren Spielverlauf kommen zudem noch unnötige Wegstrecken hinzu. Die recht offen gestaltete Spielwelt führt leider auch dazu, dass nicht immer voll und ganz ersichtlich ist, was als Nächstes zu tun ist.

Andererseits sorgt die Sprachausgabe für eine so schnell nicht abfallende Motivationskurve: Nicht jeder Gag zündet, aber die Masse an gelungenen Witzen ist atemraubend. Ebenso überzeugt, dass Edna sich kaum wiederholt: Anstelle von ständigen "Das geht so nicht!"-Floskeln, die die Helden in anderen Adventures bei unpassenden Kombinationen von sich geben, hat Edna fast immer einen eigenen Kommentar für abstruse Objektzusammenführungen. Das erklärt auch, warum das Spiel trotz eher bescheidener Grafik einige Zeit zum Installieren braucht: Wegen der Massen an Dialogen werden satte 7 GByte Festplattenspeicher belegt.

Edna bricht aus
Edna bricht aus
Abgesehen davon präsentiert sich der Titel nicht sonderlich hardwarehungrig: Ein Pentium mit 1 GHz reicht ebenso wie 512 MByte RAM und eine Grafikkarte mit 64 MByte Grafikspeicher. Und auch der Preis ist gemäßigt: Etwa 30 Euro verlangt der Handel für das Adventure. Die USK hat den Titel ohne Altersbeschränkung freigegeben.

Fazit:

Edna bricht aus ist eine Hommage an die frühen LucasArts-Titel. Der abgedrehte Humor, das klassische Point&Click-Prinzip, die 2D-Welten und die ebenso obskuren wie unterhaltsamen Witze atmen den Geist von Monkey Island und Maniac Mansion. Umso beeindruckender ist allerdings, dass den Entwicklern hier keine Kopie, sondern ein rundum begeisternder Titel mit wunderbar ausgearbeiteten Charakteren, viel spielerischer Herausforderung und häufig zündendem Humor gelungen ist. Auch angesichts des günstigen Preises sollten, nein müssen Abenteuerfreunde zugreifen.  (tw)


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Links zum Artikel:
Edna bricht aus - Das Spiel: http://edna.daedalic.de/

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