Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0806/60545.html    Veröffentlicht: 20.06.2008 16:45    Kurz-URL: https://glm.io/60545

Telekom hörte mutmaßliche Hacker ab

Furcht vor "schwerem Angriff auf die Rechnersysteme"

Die Deutsche Telekom hat - offenbar aus Angst vor Hackerangriffen - rund 120 Telefongespräche ihrer Kunden illegal überwacht. Dieser Skandal liegt Jahre zurück, aufgedeckt haben ihn jetzt das ZDF und das Magazin Wirtschaftswoche.

Die Telekom hat gegenüber dem ZDF die Überwachungsaktion aus dem Jahr 1996 eingestanden: "Angesichts eines nach damaliger Einschätzung unmittelbar drohenden schwersten Eingriffs in die Rechnersysteme der Telekom hielt man wegen der besonderen Eilbedürftigkeit eigene Maßnahmen zur Gefahrenabwehr für unerlässlich", heißt es laut ZDF in der Stellungnahme der Telekom. "Es handelte sich nicht um einen 'Lauschangriff'. Es ist in diesem Zusammenhang nicht zum 'Abhören' von Telefonaten gekommen. Vielmehr wurde versucht, aus dem Datenverkehr bestimmte Steuersignale (Hackercodes) zu ermitteln". Zu Details wollte die Telekom sich noch nicht äußern.

Die Verdächtigungen stützen sich auf interne Unterlagen des Konzerns, die dem ZDF und der Wirtschaftswoche vorliegen. Der Vorwurf: Der damalige Vorstand für Technische Dienste, Hagen Hultzsch, soll das illegale Vorgehen genehmigt haben. Mit Verweis auf den "Notwehr"-Paragrafen § 32 (Strafgesetzbuch) habe ein Konzernrechtsanwalt damals die Maßnahmen gerechtfertigt. Personalchef Heinz Klinkhammer habe später versucht, die Aktionen der Konzernsicherheit zu vertuschen.

Im Dezember 1996 begann laut dem Bericht die elektronische Überwachung von vier Telefonnummern im rheinischen Hennef unter dem Decknamen "Bunny". Auch die Gesprächsinhalte seien aufgezeichnet worden. Dabei sollen insgesamt knapp 120 Anrufe erfasst worden sein. Das Material sei als "streng vertraulich" einem externen "Monitoring-Center", der Dienstleistungsfirma Reuter im hessischen Haiger, übergeben worden. Diese habe auch für deutsche Sicherheitsbehörden gearbeitet, so die Wirtschaftswoche.

Im Juni 1997 informierte die Telekom dann selbst das Bundesministerium für Post und Telekommunikation über den Vorfall. Der dortige Staatssekretär Gerhard Pfeffermann soll das Vorgehen zwar als "strafrechtlich in hohem Maße bedenklich" und als "rechtswidrig" bezeichnet haben, abgesehen von einer Rüge blieb die Aktion aber strafrechtlich folgenlos.

Bundesdatenschützer Peter Schaar kündigte gegenüber der Wirtschaftswoche an, die Aufzeichnungspraktiken der Telekom bei der Telefonüberwachung genauer zu untersuchen.

Die neuen Vorwürfe kommen für den Konzern zur Unzeit. Seit Mitte Mai 2008 wird die Telekom beschuldigt, unliebsame Journalisten und Konzernaufsichtsräte illegal bespitzelt zu haben. Nach Medienberichten sollen neben Handyverbindungsangaben und Bewegungsdaten auch Bankkonten ausgespäht worden sein.  (asa)


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